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TÜRKEI: Erdogan auf Kuschelkurs

Keine vier Wochen nach seinem Staatsbesuch in Griechenland reist Recep Tayyip Erdogan morgen nach Frankreich. Im Vorfeld schlägt der türkische Staatschef überraschend konziliante Töne an.
Gerd Höhler, Athen
Recep Tayyip Erdogan auf dem Weg zu einer Rede vor AKP-Anhängern im osttürkischen Kars. (Bild: Yasin Bulbul/AP (2. Dezember 2017))

Recep Tayyip Erdogan auf dem Weg zu einer Rede vor AKP-Anhängern im osttürkischen Kars. (Bild: Yasin Bulbul/AP (2. Dezember 2017))

Gerd Höhler, Athen

Der türkische Staatschef Recep Tayyip Erdogan besucht morgen den französischen Präsidenten Emmanuel Macron in Paris. Tags darauf begrüsst Bundesaussenminister Sigmar Gabriel in seinem Heimatort Goslar den türkischen Amtskollegen Mevlüt Cavusoglu. Die Reisen zeigen: Die türkische Regierung versucht, zerschlagenes Porzellan zu kitten.

26 Länder hat Erdogan im vergangenen Jahr besucht, 144000 Flugkilometer zurückgelegt. Meist gingen die Reisen in den Osten. Allein Russland besuchte Erdogan viermal. Aber in jüngster Zeit fliegt er wieder häufiger nach Westen. Das signalisiert eine Kurskorrektur in Erdogans Aussenpolitik.

Von Faschismus-Tiraden zu Freundschaftsbekundungen

2017 markierte einen nie da gewesenen Tiefpunkt in den Beziehungen der Türkei zum Westen. Die Europäer überzog Erdogan mit Faschismus-Tiraden, Kanzlerin Angela Merkel warf er «Nazi-Methoden» vor. Europa, so zeterte Erdogan, sei «ein verrotteter Kontinent», bevölkert von «Nazi-Überbleibseln». In Rage geriet Erdogan vor allem, weil die Regierungen in Berlin, Den Haag und Brüssel sich weigerten, ihm und seinen Ministern Propaganda-Auftritte vor dem Verfassungsreferendum zu erlauben. Im Verhältnis zu Deutschland sorgte Erdogan mit den Festnahmen deutscher Staatsbürger für zu­sätzliche Spannungen. Bundesaussenminister Sigmar Gabriel sprach sogar davon, Erdogan nehme Deutsche als «Geiseln».

Jetzt scheint es, als wolle Erdogan diese Ära hinter sich lassen. «Wir haben keine Probleme mit Deutschland, den Niederlanden oder Belgien», erklärte er kurz vor dem Jahreswechsel überraschten Journalisten auf dem Rückflug von einer Afrikareise. «Im Gegenteil, jene, die diese Länder regieren, sind alte Freunde von mir.» Besonders hob Erdogan seine «sehr guten Beziehungen» zu Angela Merkel und Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hervor.

Nachdem der türkische Präsident bereits im Dezember nach Griechenland reiste, besucht er nun als zweites EU-Land in kurzer Zeit Frankreich. Präsident Macron steht ohnehin in häufigem Telefonkontakt mit Erdogan – nicht immer aus erfreulichem Anlass. Im vergangenen Sommer ging es bei Macrons Telefonaten mit Erdogan vor allem um das Schicksal des in der Osttürkei verhafteten französischen Journalisten Loup Bureau. Er ist inzwischen frei. Auch in jüngster Zeit telefonieren Macron und Erdogan häufig, vor allem wegen des von US-Präsident Donald Trump entfachten Jerusalem-Streits, des gemeinsamen Kampfs gegen den Terror und wegen der Entwicklungen im Irak, im Iran sowie in Syrien.

Hoffnung auf Bewegung im Fall Deniz Yücel

Erdogans Sprecher Ibrahim Kalin beschwor vor dem Staatsbesuch die «sechs Jahrhunderte alten Beziehungen» zwischen der Türkei und Frankreich und kündigte einen «engen Dialog» mit Paris an. Heute ist Frankreich der fünftgrösste Absatzmarkt für die türkischen Exporteure und zugleich ein wichtiger ausländischer Investor in der Türkei sowie ein bedeutender Lieferant von Rüstungsgütern.

In Paris hiess es, die Situation der Menschenrechte in der Türkei werde bei dem Treffen der beiden Präsidenten morgen zur Sprache kommen. Es wäre auch keine Überraschung, wenn Macron stellvertretend für Merkel den Fall des seit fast einem Jahr inhaftierten «Welt»-Korrespondenten Deniz Yücel anspricht. Nach der Freilassung mehrerer Deutscher, wie der Journalistin Mesale Tolu und des Menschenrechtlers Peter Steudtner, hofft die Bundesregierung auf Bewegung im Fall Yücel.

Suche nach neuen europäischen Freunden

Auch in Ankara scheint man erkannt zu haben, dass sich die Türkei auf die Dauer keine politische Eiszeit mit Deutschland, dem wichtigsten Handelspartner und einem der grössten ausländischen Investoren, leisten kann. So bat Aussenminister Cavusoglu jetzt sogar in einem Interview deutsche Reisende, an die verwaisten Strände seines Landes zurückzukehren. Seinen deutschen Kollegen Gabriel umschmeichelt er als «persönlichen Freund».

Auch Erdogan will seine Suche nach neuen Freunden fortsetzen. Er liess gegenüber Reportern bereits durchblicken, dass weitere Europareisen in der Planung sind: Zum Vatikan, nach Holland – und möglicherweise sogar nach Deutschland.

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