TÜRKEI: Erdogan geht auf Distanz zur Nato

Mit einem bevorstehenden milliardenschweren Rüstungsgeschäft mit Russland bringt der türkische Präsident das westliche Verteidigungsbündnis erneut in die Bredouille. Denn die russischen Waffen passen nicht in die Nato-Sicherheitsarchitektur.

Gerd Höhler, Athen
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Recep Tayyip Erdogan (links) und Wladimir Putin (rechts). (Bild: Yuri Kochetkov/EPA (Sotschi, 3. Mai 2017))

Recep Tayyip Erdogan (links) und Wladimir Putin (rechts). (Bild: Yuri Kochetkov/EPA (Sotschi, 3. Mai 2017))

Gerd Höhler, Athen

Die Türkei und Russland stehen offenbar vor dem Abschluss eines milliardenschweren Rüstungs­deals: Staatschef Recep Tayyip Erdogan hat die Bestellung russischer Luftabwehrraketen angekündigt. Der Deal birgt für die Nato politischen Sprengstoff.

Seit November 2016 verhandelt die Türkei mit Russland über die Lieferung von S-400-Luftabwehrraketen. Jetzt sind die Gespräche offenbar in der Zielgeraden: «Wir erwarten einen baldigen Abschluss», erklärte kürzlich Ibrahim Kalin, der Sprecher des türkischen Staatschefs. Erdogan selbst bestätigte vergangene Woche in einer Rede vor Abgeordneten seiner Regierungspartei: «So Gott will, werden wir die S-400 bald in unserem Land sehen.» Nach Informationen türkischer Medien will Ankara 2018 zunächst zwei Batterien mit jeweils vier Lenkwaffen aus Russland beschaffen. Zwei weitere Batterien sollen später in der Türkei montiert werden. Das Geschäft könnte ein Volumen von rund 2,5 Milliarden Dollar erreichen.

Die Türkei sucht seit Jahren nach modernen Luftabwehrraketen. Jetzt schrillen in der Nato die Alarmglocken. Denn das russische System ist nicht mit der ­Sicherheitsarchitektur der Allianz kompatibel. Es wäre «generell eine gute Idee, wenn Verbündete interoperable (kompatible) Ausrüstung beschafften», so Pen­tagon-Sprecher Jeff Davis am ­Montag. Das S-400-Luftabwehr­system gilt zwar als sehr leistungsfähig. Doch um es sinnvoll zu nutzen, müsste die Türkei nach Meinung von Militärexperten ein eigenes Radarsystem aufbauen. Das würde weitere Milliarden verschlingen und Jahre dauern. Erdogan scheint dennoch entschlossen, das Vorhaben durchzuziehen. Lange habe man mit den USA über die Lieferung des Luftabwehrsystems Patriot verhandelt – ohne Ergebnis. «Deshalb planen wir jetzt den Einsatz der S-400, ob es ihnen nun gefällt oder nicht», so Erdogan vergangene Woche. Der türkische Staatspräsident geht damit einen Schritt weiter auf Distanz zum Westen.

Erdogan will Beziehungen zu Russland intensivieren

Während sich die Beziehungen der Nato zu Russland auf dem tiefsten Punkt seit dem Ende des Kalten Krieges befinden, sucht Erdogan die Nähe Wladimir Putins. Von der Krise nach dem Abschuss eines russischen Bombers durch die türkische Luftwaffe im syrischen Grenzgebiet Ende 2015 haben sich die Beziehungen schnell wieder erholt. Mitte August 2016 besiegelten Putin und Erdogan bei einem Treffen in Sankt Petersburg die Aussöhnung. Schon damals kündigte ­Erdogan an: «Wir werden unsere Zusammenarbeit in der Rüstungsindustrie verstärken.»

Putin könnte hoffen, damit einen Keil in die Nato zu treiben. Erdogans Sprecher Kalin unterstreicht, es gehe bei dem Deal nicht nur um den Einkauf eines Rüstungssystems. Die S-400-­Beschaffung sei vielmehr der Beginn eines langfristig angelegten Technologietransfers zwischen Russland und der Türkei.