TÜRKEI: Foltervorwürfe an die Armee: Was passiert in Koruköy?

Seit Wochen ist das kurdische Dorf Koruköy von der Aussenwelt abgeschnitten. Verstörende Bilder zeigen nun angeblich Bewohner, die dort von Soldaten gefoltert werden. Menschenrechtler verlangen Antworten.

Gerd Höhler, Athen
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Seit Juni 2015 eskaliert der Kurdenkonflikt immer mehr.Bild: Keystone (Sirnak, 14. November 2016)

Seit Juni 2015 eskaliert der Kurdenkonflikt immer mehr.Bild: Keystone (Sirnak, 14. November 2016)

Koruköy liegt in der südosttürkischen Provinz Mardin. Von der Überlandstrasse 400, die entlang der Grenze zu Syrien von Mardin nach Nusaybin verläuft, schlängelt sich ein schmaler Weg etwa 20 Kilometer nordwärts durch das karge Hochland nach Koruköy. Das Dorf hat etwa 600 Einwohner. Aber von ihnen hat man nichts mehr gehört, seit der örtliche Gouverneur Mustafa Yaman am 11. Februar eine Ausgangssperre über Koruköy verhängte.

Der Ort ist von der Aussenwelt abgeschnitten. Die Telefonleitungen sind unterbrochen. Soldaten haben die Zufahrten ins Dorf weiträumig abgeriegelt. Delegationen der pro-kurdischen Partei HDP, der Menschenrechtsvereinigung IHD und der Anwaltskammer von Diyarbakir, die das Dorf besuchen wollten, wurden von der Armee zurückgewiesen. «Dort geschieht ein Verbrechen», fürchtet der HDP-Abgeordnete Mehmet Ali Aslan.

Verstörende Bilder im Netz aufgetaucht

Verstörende Fotos und Videos tauchten in sozialen Netzwerken auf. Die Bilddokumente sollen aus Koruköy stammen. Sie zeigen, wie Dorfbewohner von Soldaten misshandelt werden. Zu sehen sind Männer, die Spuren schwerer Folter tragen, und geschändete Leichen.

Die Bilder seien von den Soldaten selbst aufgenommen und ins Netz gestellt worden, vermutet ein Kurdenpolitiker. Gerüchte machen die Runde: Die Dorfbewohner, darunter auch Kinder, hätten mit ansehen müssen, wie Dutzende Menschen vor ihren Augen schwer gefoltert wurden.

Der Istanbuler Anwalt Sezgin Tanrikulu, Abgeordneter der grössten Oppositionspartei CHP, verlangt von Ministerpräsident Binali Yildirim Auskunft über die Vorgänge in Koruköy. «Können Sie der Öffentlichkeit erklären, was dort vorgeht?», twitterte der Menschenrechtsanwalt. Aber die Regierung schweigt. Gouverneur Yaman liess mitteilen, bei dem Militäreinsatz in Koruköy handle es sich um eine Operation gegen die kurdische Terrororganisation PKK. In der Ortschaft habe man mehrere Waffenlager und Ver­stecke der kurdischen Rebellen entdeckt, hiess es.

Bei dem Einsatz wurden nach offiziellen Angaben vier PKK-Kämpfer getötet und ein Spezialsoldat verletzt. Die Operation sei «nach rechtsstaatlichen Regeln» abgelaufen, unter besonderer Vorsorge für «die Sicherheit, das Leben und den Besitz der örtlichen Zivilisten». Wenn das wirklich zutreffe und es keine Menschenrechtsverletzungen gebe, solle die Regierung Medien und Nichtregierungsorganisationen doch endlich Zutritt zu dem Dorf gewähren, fordert der HDP-Politiker Aslan.

Konflikte im Südosten und Westen

Seit dem überraschenden Wahlerfolg der HDP bei den Parlamentswahlen vom Juni 2015 und dem Zusammenbruch der Friedensbemühungen eskaliert der Kurdenkonflikt militärisch und politisch. Hunderte Kurden­politiker wurden festgenommen, darunter elf Parlamentsabgeordnete der HDP.

Während das Militär im Südosten gegen kurdische Rebellen kämpft, trägt die PKK ihren Terror mit Selbstmordattentaten in den Westen des Landes. In dieser Woche flog die türkische Luft­waffe mehrere Angriffe auf mutmassliche Lager der PKK im ­Kandil-Gebirge im Nordirak. Dabei wurden nach offiziellen Angaben mindestens 76 kurdische Rebellen getötet.