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Türkei: Sorge um die Lira und die Devisenreserven

Die Wirtschaft schrumpft, die Lira schwächelt, und die Arbeitslosenzahlen sind so hoch wie seit zehn Jahren nicht mehr: Die Türkei könnte den Internationalen Währungsfonds um Hilfe bitten.
Gerd Höhler, Athen
Die Wirtschaftspolitik von Präsident Erdogan steht in der Kritik. (Bild: AP, 27. April 2019)

Die Wirtschaftspolitik von Präsident Erdogan steht in der Kritik. (Bild: AP, 27. April 2019)

Die jüngste Zinsentscheidung der türkischen Zentralbank entsprach den Erwartungen: Die Währungshüter in Ankara liessen am Donnerstag den Leitzins unverändert bei 24 Prozent. Dennoch beschleunigte sich danach die Talfahrt der Lira. 2018 hat die türkische Währung gegenüber dem Dollar rund 30 Prozent verloren und seit Anfang dieses Jahres bereits weitere zwölf Prozent.

Ein Grund für den jüngsten Kurssturz sind Zweifel an den Devisenreserven der Zentralbank. Wirtschaftsmedien wie Bloomberg und Financial Times äusserten kürzlich den Verdacht, die Devisenbestände der Notenbank seien niedriger als offiziell angegeben – eine brisante Vermutung, denn die Türkei muss in den nächsten zwölf Monaten Fremdwährungsanleihen von 118 Milliarden Dollar tilgen. Dafür sind die Devisenreserven der Zentralbank ein wichtiger Puffer.

Anleger und Investoren sind verunsichert. Seit Jahresbeginn zogen sie rund 1,6 Milliarden Dollar aus der Türkei ab. Ende 2018 rutschte die Türkei erstmals seit zehn Jahren wieder in die Rezession.

Es drohen Wirtschaftssanktionen

Hinzu kommen politische Turbulenzen: Der Streit um die Kommunalwahlen in Istanbul, Ermittlungen der türkischen Staatsanwaltschaft gegen die Investmentbank JP Morgan und den Generaldirektor der Grossbank HSBC sowie die Festnahme des regierungskritischen Wirtschaftswissenschaftlers Mustafa Sönmez alarmieren die Finanzmärkte.

Auch Erdogans Pläne, trotz nachdrücklicher Warnungen aus Washington an der Beschaffung russischer Luftabwehrraketen festzuhalten, machen den Investoren wachsende Sorge. Bei dem Konflikt geht es in letzter Konsequenz um die Zukunft der Türkei in der Nato. Verschärfen könnte sich die Wirtschaftskrise durch die Ankündigung der USA, künftig keine Ausnahmen mehr für den Import von Öl und Erdgas aus dem Iran zuzulassen. Bisher dürfen die Türkei und sieben weitere Länder solche Einfuhren tätigen, ohne Sanktionen der USA befürchten zu müssen. Ab Anfang Mai will Washington diese Geschäfte unterbinden. Eine missliche Entwicklung für die Türkei, die aktuell rund ein Fünftel ihrer Gasimporte und zwölf Prozent ihres Öls zu Vorzugspreisen aus dem Iran bezieht. Beugt sich Ankara dem US-Embargo, muss die Türkei deutlich mehr für die Energieimporte ausgeben; ignoriert Erdogan die Handelssperre, drohen Wirtschaftssanktionen der USA.

Erdogan befürchtet Sparauflagen

Viele Analysten bezweifeln inzwischen, dass die Türkei sich ohne fremde Hilfe aus dem Abwärtsstrudel befreien kann. Je früher sich Ankara um Unterstützung des Internationalen Währungsfonds (IWF) bemühe, desto besser, meint der Türkei-Experte ­Timothy Ash vom Vermögens­verwalter Blue Bay Asset Management. Er sei in seinen 20 Jahren als Türkei-Beobachter «noch nie so besorgt gewesen wie jetzt», sagt Ash. Auch Desmond Lachmann, Ökonom bei der Denkfabrik American Enterprise Institute in Washington, meint: «Wenn ­jemals ein Land mit einer Währungskrise konfrontiert war, die nach Hilfe des IWF schreit, dann ist es die Türkei.»

Ein IWF-Programm könnte das angeschlagene Vertrauen der Anleger stärken und die Lira stützen, argumentieren viele Fachleute. Präsident Erdogan schliesst aber einen Gang zum IWF bisher kategorisch aus. Er sieht gar keine Krise und folglich auch keine Notwendigkeit für Hilfe, schon gar nicht vom verhassten IWF. Er weiss: Stützungskredite des Weltwährungsfonds wären mit Sparauflagen verbunden. Noch glaubt Erdogan offenbar, die Lage im Griff zu haben. Aber nicht nur in der Wirtschaft läuft es nicht nach Plan. Seit der Kommunalwahl von Ende März kontrolliert die Opposition sechs der sieben grössten türkischen Städte.

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