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TÜRKEI: Tourismuskrise: Letzte Hoffnung Putin

Die Türkei erlebt den schwersten Einbruch im Tourismus seit fast 40 Jahren. Kann die Aussöhnung mit Russland die Saison doch noch retten?
Gerd Höhler, Athen
In den Strassencafés und Restaurants in Antalya im Süden der Türkei herrscht diesen Sommer gähnende Leere. (Bild: Sputnik/Valeriy Melnikov)

In den Strassencafés und Restaurants in Antalya im Süden der Türkei herrscht diesen Sommer gähnende Leere. (Bild: Sputnik/Valeriy Melnikov)

Gerd Höhler, Athen

Metin Sen hat schon viele Aufs und Abs erlebt, seit über 40 Jahren ist er in der Gastronomie. Aber so eine Saison? Da muss der 69-jährige Hotelier aus dem südtürkischen Kemer lange nachdenken. «Die Situation erinnert mich an das Jahr 1980, als die Türkei im Chaos versank, und schliesslich das Militär die Macht übernahm.» Als Sen am vergangenen Dienstagabend im Fernsehen die Bilder von den Selbstmordattentaten auf dem Istanbuler Atatürk-Flughafen sah, wusste er: «Diese Saison ist gelaufen, da kommt nichts mehr.»

Vor Sens Drei-Sterne-Hotel flattern die Fahnen vieler Länder, auch die deutsche und die russische. Aber viele Gäste, die sich an dem Flaggenschmuck erfreuen könnten, gibt es nicht. «Vier Deutsche, zwei Russen» zählt der Hotelmanager in der Gästeliste. Nur 23 der 98 Zimmer sind belegt.

12 Monate, 17 Anschläge, 300 Tote

Wie bei Sen sieht es in vielen türkischen Hotels aus. Die Reisebranche zahlt einen hohen Preis für die Welle von Anschlägen, mit der die Terrormiliz des so genannten Islamischen Staats (IS), kurdische Terroristen und linksextreme Untergrundgruppen das Land überziehen. Der Terrorismus ist kein neues Phänomen in der Türkei. Von früheren Anschlägen konnte sich der Tourismus immer wieder relativ schnell erholen, wie im November 2003, als islamistische Fanatiker mit mehreren Autobomben in Istanbul 24 Menschen töteten, oder 2006 und 2009, als die kurdische Terrororganisation TAK Brandanschläge in Istanbul verübte. Jetzt aber folgen die Attentate in immer kürzerer Folge aufeinander. In den vergangenen zwölf Monaten starben bei 17 Anschlägen in sieben türkischen Städten fast 300 Menschen. Und immer öfter geraten Touristen ins Fadenkreuz der Terroristen: Im Januar riss ein mutmasslicher IS-Selbstmordattentäter in der Nähe der Blauen Moschee in Istanbul zwölf Mitglieder einer deutschen Reisegruppe in den Tod. Zwei Monate später tötete ein Selbstmordattentäter auf der Istiklal Caddesi, Istanbuls traditioneller Einkaufsstrasse, vier ausländische Besucher.

Schweiz: Rückgang um 70 Prozent

Die Folgen für den Tourismus sind dramatisch: in den ersten fünf Monaten ging die Zahl der ausländischen Besucher gegenüber dem Vorjahr um 23 Prozent zurück. Im Mai betrug der Rückgang sogar 35 Prozent. Nach einer Emnid-Umfrage für «Bild am Sonntag» sagen 87 Prozent der Deutschen, die Türkei komme für sie als Urlaubsland in diesem Jahr nicht in Frage.

Ein ähnliches Bild zeigt sich auch in der Schweiz, wie die Hotelplan-Suisse-Sprecherin Michèle Hungerbühler auf Anfrage sagt: «Unsere Buchungen für die Türkei sind im Vergleich zum vergangenen Jahr um rund 70 Prozent zurückgegangen.» Anschläge wie jene in Istanbul oder Paris würden umgehend zu einer Stagnation der Buchungen führen. Die Schweizer würden aktuell vermehrt auf westliche Destinationen wie etwa Madrid oder Valencia setzen, so die Sprecherin. Zudem seien derzeit eher kleine Städte hoch im Kurs. Weiter stellt sie fest, dass Herr und Frau Schweizer wieder vermehrt Beratung wünschen – also über das Reisebüro buchen.

Der Einbruch der Besucherzahlen in der Türkei ist allerdings nicht allein der prekären Sicherheitslage geschuldet. Auch die Politik spielt hinein: Seit sich Staatschef Erdogan 2010 mit Israel überwarf, geht die Zahl der israelischen Urlauber kontinuierlich zurück. Nachdem die türkische Luftwaffe letzten November ein russisches Kampfflugzeug im syrischen Grenzgebiet abschoss, verhängte Kreml-Chef Wladimir Putin einen Reiseboykott gegen die Türkei. Die Folge: Die Zahl der Besucher aus Russland, nach Deutschland der wichtigste Markt der Türkei, brach um 92 Prozent ein.

1300 Hotels um Antalya bankrott

Das Russland-Debakel trifft vor allem die Südküste: Am Flughafen des türkischen Touristenmekkas Antalya ging die Zahl der ankommenden Touristen in diesem Jahr um 60 Prozent zurück. Mehr als 1300 Hotels in der Region haben bereits Konkurs angemeldet. Ladeninhaber in der Urlauberhochburg Antalya organisierten bereits einen gemeinsamen Bittgottesdienst – in der Hoffnung, Allah möge ihnen Touristen schicken.

Mehr Erfolg verspricht eine diplomatische Freundschaftsoffensive des Präsidenten Erdogan: Nachdem er Ende Juni in einem Brief an Putin sein Bedauern über den Abschuss aussprach und beide Männer erstmals seit dem Zwischenfall wieder telefonierten, hob der Kremlchef vergangene Woche den Reiseboykott gegen die Türkei auf.

Auch Hotelier Sen hofft inständig, dass die politische Wiederannäherung Früchte tragen und wieder russische Besucher in grösserer Zahl in die Türkei locken wird. «Aber das werden wir erst 2017 sehen», so der Hotelier. «Für dieses Jahr mache ich mir keine Hoffnungen mehr.»

Mitarbeit Yasmin Kunz

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