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TÜRKEI: Vom Bürokraten zum Politiker

In Istanbul ist gestern der «Marsch für Gerechtigkeit» zum Abschluss gekommen. Der Protest gilt als Kemal Kilicdaroglus grosser Moment.
Kemal Kilicdaroglu (Bild: Keystone, 9. Juli 2017)

Kemal Kilicdaroglu (Bild: Keystone, 9. Juli 2017)

Kemal Kilicdaroglu ist eigentlich ein zurückhaltender Mensch. Im Gespräch ist er höflich, er drängt sich nicht in den Vordergrund, und wenn er eine «feurige Rede» an eine grössere Menge hält, hat man sofort das Gefühl, das ist nicht authentisch, das ist nicht wirklich Kilicdaroglu. Lange wurde er deshalb in der Öffentlichkeit als Möchtegern-Politiker verspottet. Die einen nannten ihn «Onkel Kemal», wer ihm wohlgesinnt war, sprach ob seines Aussehens und seiner Milde vom «Gandhi» der Türkei.

Bis Kilicdaroglu am 15. Juni seinen Marsch auf Istanbul begann, waren sich fast alle einig, dass er als Oppositionsführer gegen den rücksichts­losen Machtpolitiker Recep Tayyip Erdogan eine Fehlbesetzung ist. Integer, bescheiden und unbestechlich, aber viel zu weich, um dem aggressiven Erdogan wirklich etwas entgegenzusetzen, sagt man über den 68-jährigen Vater von drei Kindern.

Schon sein beruflicher Werdegang sprach eigentlich gegen eine erfolgreiche politische Karriere. Der Mann ist von Haus aus Bürokrat. Er studierte Verwaltungswissenschaft, arbeitete im Rechnungswesen des Finanzministeriums und wurde schliesslich Generaldirektor der staatlichen Krankenversicherung. Allerdings gibt es in seiner Herkunft auch widerständische Elemente. Kemal Kilicdaroglu kommt aus einer alevitischen Familie, die aus Dersim stammt, einer Bergregion im Osten des Landes, die schon zu osmanischen Zeiten als Aufstandsgebiet galt. Die Aleviten sind eine seit Jahrhunderten unterdrückte Minderheit, die eher dem Schiitentum zuneigt als dem sunnitischen Islam.

Bislang hatte man bei Kilicdaroglu, der im Mai 2010 den Vorsitz der sozialdemokratisch-kemalistischen Republikanischen Volkspartei (CHP) übernommen hatte, nachdem er zuvor seit 2002 als Abgeordneter ins Parlament eingezogen war, von dieser widerständischen Tradition nicht viel gemerkt. Er hat die Partei zwar bei 25 Prozent stabilisiert, aber mehr war nicht. Aus seinem etatistischen Staatsverständnis heraus stellte er sich nach dem Putschversuch im letzten Juli an Erdogans Seite und ging selbst, trotz heftiger Kritik in seiner Partei, zu Erdogans Siegesfeier Anfang August 2016 und hielt dort vor einer Million Erdogan-Fans eine Rede.

Schon zuvor hatte er seine Partei veranlasst, im Parlament für die Aufhebung der Immunität der Abgeordneten zu stimmen, weil er Angst hatte, die CHP könnte sonst als Terrorunterstützerin denunziert werden. Damit liess er die kurdisch-linke HDP allein und tat nichts, als deren Vorsitzenden verhaftet wurden.

Er hat lange gebraucht, doch mit seinem «Marsch für Gerechtigkeit» hat er nun endlich eine ihm gemässe Protestform gefunden. Völlig legal, völlig friedlich und deshalb nur schwer angreifbar. Der anfängliche Spott ist Erdogan im Hals steckengeblieben, als er sehen musste, wie immer mehr Menschen sich Kilicdaroglu anschlossen und noch viel mehr von zu Hause aus ihm Recht gaben. Mit dem Marsch ist Kilicdaroglu zum Politiker gereift, der Erdogan ernsthaft Paroli bieten kann.

Jürgen Gottschlich, Athen

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