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TÜRKEI: «Wir marschieren für unsere Kinder»

Als Oppositionsführer Kemal Kilicdaroglu in Ankara loslief, nahm ihn niemand ernst. Nun marschieren Zehntausende aus Protest gegen Erdogan die 430 Kilometer nach Istanbul – und werden zum Risiko für den Präsidenten.
Jürgen Gottschlich, Athen
Anhänger der Oppositionspartei CHP auf ihrem «Gerechtigkeitsmarsch» nach Istanbul. (Bild: Sedat Suna/EPA (Kocaeli, 6. Juli 2017))

Anhänger der Oppositionspartei CHP auf ihrem «Gerechtigkeitsmarsch» nach Istanbul. (Bild: Sedat Suna/EPA (Kocaeli, 6. Juli 2017))

Jürgen Gottschlich, Athen

«Für unsere Kinder, wir marschieren hier für unsere Kinder, damit sie in Zukunft wieder in einem freien und gerechten Land leben können.» Die Frau ist etwas ausser Atem, strahlt aber dennoch vor Begeisterung. Sie arbeitet im öffentlichen Dienst und will deshalb aus Angst vor Entlassung ihren Namen nicht nennen. «Aber», sagt sie, «der Marsch hat mir wieder Mut gegeben. Tausende, Hunderttausende, ja Millionen Menschen in der Türkei denken wie ich.» Sie hat sich Urlaub genommen und marschiert nun schon seit drei Tagen mit im «Marsch für Gerechtigkeit», jeden Tag rund 20 Kilometer unter praller Sonne und auf glühend heissem Asphalt. Doch trotz der Strapazen ist die Stimmung unter den Marschierenden bestens. «Wir werden von Tag zu Tag mehr, jeder in der Türkei hört uns.»

Verhaftung von Journalisten als Auslöser für den Protest

Auch am Strassenrand fiebern die Leute zunehmend mit. Am Mittwochmittag wurde der Marsch in Hereke erwartet, einem kleinen Ort an der vierspurigen Schnellstrasse nach Istanbul, direkt am Marmarameer. Die Stimmung unter den Zuschauern erinnert an eine Sportveranstaltung, einen Marathon. «Bald kommen sie», rufen die Leute sich zu, als die ersten Versorgungsbusse Hereke passieren. Dann kommen sie tatsächlich, doch vor lauter Polizei ist von den Demonstranten zunächst nichts zu sehen. Am Morgen hatte die Polizei sechs angebliche IS-Attentäter festgenommen, die ­einen Anschlag auf den Marsch vorbereitet haben sollen.

Die Sicherheitsvorkehrungen sind daraufhin drastisch erhöht worden. Als die Vorhut der rund 30000 Marschierenden in Sicht kommt, fahren deshalb mal Panzerwagen und Räumfahrzeuge der Polizei voraus. War es in den ersten 20 Tagen des Marsches noch so, dass die Demonstranten an der Strasse entlangliefen, der Autoverkehr aber dennoch weiterfloss, ist jetzt die Schnellstrasse in Richtung Istanbul völlig gesperrt.

Als dann die ersten Marschierenden kommen, ist die Polizeieskorte so eng, dass man sich kaum dazugesellen kann. Kemal Kilicdaroglu, der Initiator des Marsches und neuer Held der Türkei, wird an diesem Tag unmittelbar von mehreren Journalisten begleitet, die angeklagt, aber noch nicht in Haft sind. Unter ihnen ist Erdem Gül, der Hauptstadtkorrespondent von «Cumhuriyet», der gemeinsam mit Can Dündar wegen angeblichen Geheimnisverrats belangt werden soll. Den letzten Anstoss für den Marsch hatte die Verhaftung des CHP-Parlamentariers und Journalisten Enis Berberoglu gegeben, der «Cumhuriyet» angeblich das Material für ihre Enthüllungsgeschichte über die illegalen Waffentransporte nach Syrien geliefert haben soll und deshalb jetzt zu 25 Jahren Haft verurteilt wurde.

«Die CHP hätte viel früher auf die Strasse gehen müssen»

Der Zug ist ganz in Weiss gehüllt. Viele Teilnehmer tragen weisse Kappen und weisse T-Shirts, jeweils mit dem Aufdruck «Adalet», Gerechtigkeit. Der Marsch ist so lang, dass man ihn von keiner Stelle aus überblicken kann. Im hinteren Teil ist die Polizeidichte nicht so massiv, und man kann sich etwas freier bewegen. Drei junge Studenten sind erst an diesem Morgen dazugestossen und wollen jetzt bis zum Sonntag nach Istanbul mitmarschieren. «Viel zu spät», sagt einer, der Internationale Beziehungen studiert, «hat Kilicdaroglu sich zu so einer Aktion aufgerafft. Die CHP hätte viel früher auf die Strasse gehen müssen.» Diese Kritik an dem Chef der grössten Oppositionspartei, der sozialdemokratisch-kemalistischen CHP, ist in der Türkei weit verbreitet. Kilicdaro­glu, der «Gandhi» der Türkei, galt bislang als zu schwach und zu milde, um dem aggressiven Präsidenten Recep Tayyip Erdogan etwas entgegensetzen zu können.

Doch seit der 68-Jährige marschiert, wachsen Anerkennung und Zustimmung für den Oppositionsführer. Geschickt hat Kilicdaroglu auf jede Parteifolklore verzichtet und lädt jeden und jede ein, mit ihm gemeinsam «Gerechtigkeit» zu ­fordern. Angesichts der massenhaften willkürlichen Verhaftungen und Entlassungen (rund 50 000 verhaftet und 150 000 gefeuert), seitdem am 20. Juli letzten Jahres der Ausnahmezustand verhängt wurde, ist der Mangel an Gerechtigkeit laut Umfragen für rund 75 Prozent der Türken ein Problem. Auch etliche Anhänger von Präsident Recep Tayyip Erdogans Partei AKP sagen mittlerweile, dass man der Justiz nicht mehr trauen kann. Kilicdaroglu hat es deshalb geschafft, weit über die Anhängerschaft der CHP hinaus Menschen für seinen Gerechtigkeitsmarsch zu mobilisieren. Viele schöpfen wieder Hoffnung, seit sie sehen, dass sie mit ihren Problemen nicht allein sind.

«Wir müssen unsere Stimme wieder hörbar machen»

Eine ältere Dame, eine Türkin, die in Nordamerika lebt, ist extra für den Marsch in ihre alte Heimat gekommen. «Wir müssen unsere Stimme wieder hörbar machen», sagt sie. «Wir sind mit der Regierung nicht einverstanden, die Welt soll das sehen. Schreiben Sie darüber.» Tatsächlich teilen viele Türken die Sorge, dass die Welt nach dem Referendum über die Einführung des Präsidialsystems im April, das Erdogan knapp für sich entscheiden konnte, nun das Land abhakt und den Kampf um die Demokratie verloren gibt.

«Aber wir werden weiterhin für unsere Demokratie kämpfen, sowohl im Parlament wie auf der Strasse», bekräftigte am Mittwoch auf dem Marsch Utku Cakirözer, Abgeordneter der CHP und vorher auch Journalist. «Die Regierung kann den Marsch nicht mehr ignorieren und ist sehr nervös. Sie befürchten, ihre Heldenfeierlichkeiten zum Jahrestag des Putschversuches am 15. Juli werden durch unseren Marsch in den Schatten gestellt. Doch Erdogan kann uns nicht mehr stoppen, am Sonntag in Istanbul werden wir über eine Million Demonstranten sein.»

Die Frage ist, wie es dann weitergeht. Oppositionsführer Kemal Kilic­daroglu hat es erstmals seit Jahren geschafft, die Menschen wirklich gegen die Willkür und die Macht der Regierung zu mobilisieren. «Es ist ein neues Bewusstsein entstanden», glaubt Utku Cakirözer, «das wird unseren Kampf für Demokratie enorm unterstützen. Sowohl im Parlament als auch bei weiteren Aktionen auf der Strasse. Erdogan wird das zu spüren bekommen.»

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