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TÜRKEI: «Wir sollten Erdogan nicht töten»

Seit Montag stehen 38 Militärs vor Gericht, die in der Putschnacht Präsident Erdogan entführen oder erschiessen wollten. Jetzt sprechen sie über Hintergründe, Drahtzieher und Motive.
Jürgen Gottschlich, Mugla
Die angeklagten Soldaten werden zum Gerichtshaus in Mugla geführt.Bild: Bulent Kilic/AFP (Mugla, 20. Februar 2017)

Die angeklagten Soldaten werden zum Gerichtshaus in Mugla geführt.Bild: Bulent Kilic/AFP (Mugla, 20. Februar 2017)

Jürgen Gottschlich, Mugla

«Wir hatten den Auftrag, Recep Tayyip Erdogan lebend zur Luftwaffenbasis Akinci in Ankara zu bringen.» Brigadegeneral Gökhan Sönmezates ist an diesem Punkt ganz entschieden. «Ihn zu töten, hätte ich abgelehnt», sagt er. Seit Montag dieser Woche steht Gökhan Sönmezates gemeinsam mit 37 weiteren Militärs in der Provinzhauptstadt Mugla vor Gericht. Der Prozess findet dort statt, weil der Tatort, ein Hotel in der Tourismushochburg Marmaris, zur Provinz Mugla gehört. Erdogan verbrachte in der Putschnacht mit seiner Familie einen Kurzurlaub in Marmaris. Die Putschisten hatten gehofft, ihn im Urlaub leichter ausschalten zu können. In der Anklage werden die Soldaten eines Mordkomplotts beschuldigt. Sie hätten den Staatspräsidenten und 15 weitere Angehörige und Begleiter von Erdogan töten wollen.

Gökhan Sönmezates war Chef des Kommandos, das Erdogan ergreifen oder aber, wie die Anklage behauptet, erschiessen sollte. Er hatte damit aus Sicht der Putschisten die wohl wichtigste Aufgabe der Putschnacht, und man konnte erwarten, dass Sönmezates, wenn er denn reden würde, vieles über die Hintergründe, Drahtzieher und Ziele des Putsches aufklären würde.

Verbindungen zu Gülen-Sekte geprüft

Entsprechend gross war die Aufmerksamkeit in der türkischen Öffentlichkeit. Schon in den frühen Morgenstunden wurde der eigens für den Prozess hergerichtete grosse Saal der Industrie-und Handelskammer von Mugla weiträumig von Gendarmerie und Polizei abgeriegelt. Alle Zufahrtswege in die Stadt Mugla wurden kontrolliert. Als die Angeklagten über die Tiefgarage des Gebäudes hereingebracht wurden, kreisten Hubschrauber über dem Gelände, und auf den umliegenden Häusern waren Scharfschützen postiert. An den Absperrgittern hatten sich Demonstranten ein­gefunden, die lauthals die Todesstrafe für die Angeklagten forderten. Da Präsident Erdogan noch in der Putschnacht die islamische Gülen-Sekte für den Putschversuch verantwortlich gemacht hatte, stand das Gericht vor der Aufgabe, die Behauptung Erdogans über die Verantwortung von Sektenführer Fethullah Gülen zu überprüfen. Bereits im Vorfeld des Prozesses hiess es, einer der Angeklagten, Unter­offizier Sekariya Kuzu, hätte die Verbindungen zur Gülen-Sekte umfassend zugegeben.

Doch die beiden entscheidenden Kommandanten der «Operation Erdogan» bestritten entschieden, mit Fethullah Gülen irgendetwas zu tun zu haben. ­Sükrü Seymen, der unter dem Befehl von Sönmezates das Team von 12 Elitesoldaten anführte, die Erdogan im Hotel festnehmen sollten, sagte in seiner Aussage: «Ich habe mich an dem Putsch beteiligt, dazu stehe ich, aber ich lehne diese unsinnigen Beschuldigungen ab, im Auftrag oder als Mitglied einer islamischen Sekte gehandelt zu haben.» – «Wir sind Elitesoldaten», betonten sowohl Oberst Seymen als auch Brigadegeneral Sönmezates immer wieder. «Wir kämpfen seit Jahren gegen die PKK im Osten der Türkei und im Irak. Wir sind tausendmal überprüft worden.» – «Niemand von uns», Seymen zeigt auf alle Angeklagten, «gehört einer islamischen Sekte an.»

Drei Gründe für den Putsch

Die Atmosphäre im Gericht ist trotz der Spannungen um den Prozess sachlich und professionell, was vor allem dem vorsitzenden Richter Emirsah Bastog zu verdanken ist. «Es ist das erste Mal seit meiner Verhaftung im letzten Juli, dass ich mich ausführlich zum Ablauf der Operation äussern kann», sagt Gökhan Sönmezates gegenüber dem Richter. Offenbar sind sie in Polizeihaft hart angefasst worden, was am zweiten Prozesstag auch Unter­offizier Sekeriya Kuzu, der vermeintliche Kronzeuge der Anklage, bestätigt. Überraschend zieht er alle seine Aussagen über die Verbindungen zu Gülen zurück.

«Ich wurde unter Druck gesetzt. Weder ich noch die anderen haben im Auftrag von Gülen gehandelt», sagte Kuzu aus. Warum sie denn dann geputscht hätten, will der Anwalt der Nebenklage, Hüseyin Aydin, empört wissen. «Aus demselben Grund wie General Kenan Evren 1980 und Oberst Alparslan Türkes 1960», gibt Oberst Sükrü Seymen daraufhin stolz zu Protokoll. «Um unser Land zu retten.»

Es gab drei Gründe, die die Militärs veranlasst hätten zu putschen, sagten sowohl Seymen wie auch Sönmezates aus: die «fehlerhaften Verhandlungen» mit der PKK, die Korruption im Umfeld von Erdogan und die Zusammenarbeit mit den Islamisten in Syrien. Ihre Befehle hätten sie von General Semih Terzi erhalten, einem der führenden Kommandeure der Sondereinsatztruppen der Armee. Doch Terzi wurde in der Putschnacht in einem Gefecht zwischen putschenden und regierungstreuen Truppen erschossen.

Sönmezates und Seymen wollen davon in der Tatnacht nichts mitbekommen haben. Der Befehl am frühen Morgen des 16. Juli, nach vielen Verzögerungen dennoch zu dem Hotel in Marmaris zu fliegen, sei vom Luftwaffenstützpunkt Akinci in Ankara gekommen. Doch zu diesem Zeitpunkt wussten die führenden Putschisten längst, dass sie gescheitert waren und Erdogan bereits auf dem Weg nach Istanbul war. «Ich glaube», sagte Sönmezates zum Abschluss seiner Vernehmung, «wir sind in eine Falle gelockt worden, um dem Ganzen einen dramatischen Anstrich zu geben.»

In der offiziellen Putschdarstellung ist Präsident Erdogan in Marmaris nur sehr knapp dem Tod entronnen. Tatsächlich hatte er das Hotel bereits Stunden zuvor verlassen, als das Kommando von Brigadegeneral Sönmezates dort ankam.

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