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Türkische Deutungshoheit

Putschversuch Ein Dokumentarfilm soll es sein, aber was Ilhan Saygili, türkischer Botschafter in der Schweiz, den gestern in der Berner Botschaftsresidenz versammelten Journalisten zeigte, war die höchst offiziöse Darstellung der Geschehnisse des 15. Juli 2016. Neun Minuten dauert der Film, der ohne Erzählertext auskommt und dennoch eine konsistente Erzählung anbietet: Das Militär greift staatliche Einrichtungen in Ankara und Istanbul brutal an, auf der Bosporus-Brücke liegen Leichenteile, ein bleicher Erdogan blickt sprachlos in die Kamera, bevor er sein Volk zum Widerstand gegen die Putschisten ruft und Letztere schliesslich kapitulieren. Die Demokratie, das will der Film sagen, hat obsiegt.

Was die türkische Regierung derzeit veranstaltet, ist ein Lehrstück in Geschichtskonstruktion. Der 15. Juli markiert der offiziellen Erzählung zufolge eine Zäsur in der Geschichte des Landes, vergleichbar der deutschen Wiedervereinigung. Sosehr der Vergleich hinkt, so vehement arbeitet Ankara an der entsprechenden erinnerungspolitischen Symbolik.

Botschafter verteidigt Massnahmen

Den Journalisten verteilte Botschafter Saygili gestern Steine aus den Mauern des Parlamentsgebäudes in Ankara, das beim Putschversuch beschädigt wurde. Die Parallele zum Berliner Mauerfall zog er vorsichtshalber selbst. Die Massnahmen – Zehntausende Verhaftungen, die Schliessungen Hunderter Medienhäuser, die Ausschaltung der kurdischen Opposition –, die seit dem niedergeschlagenen Militärputsch ergriffen wurden, seien «verhältnismässig», betonte Saygili. Die Demokratie in der Türkei sei intakt, das zeige der von der verbliebenen Opposition organisierte «Marsch für Gerechtigkeit».

Wie bestellt wirkte da der Auftritt eines Journalisten der staatlichen türkischen Nachrichtenagentur Anadolu, der den west­lichen Medien vorwarf, verfälscht über den Putschversuch zu berichten. Erdogan, das wurde gestern deutlich, hat in der Türkei die Deutungshoheit über den 15. Juli.

Isabelle Daniel

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