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TUNESIEN: Spannung und Überdruss vor Premiere

Morgen finden die ersten Kommunalwahlen in der Geschichte Tunesiens statt. Sieben Jahre nach der Revolution sollen diese zu einer ganz neuen Verteilung von Macht und Finanzen in dem seit seiner Gründung 1956 hochzentralisierten Staat führen.
Martin Gehlen, Tunis
Souad Abderrahim, Kandidatin für das Bürgermeisteramt von Tunis, beim Wahlkampf. (Bild: Katharina Eglau)

Souad Abderrahim, Kandidatin für das Bürgermeisteramt von Tunis, beim Wahlkampf. (Bild: Katharina Eglau)

Martin Gehlen, Tunis

Hathem Bouali schüttelt den Kopf. «Mich interessieren diese Wahlen nicht – sieben Jahre ist die Revolution jetzt her und hat mir nichts gebracht.» Der 33-Jährige ist seit Ewigkeiten arbeitslos. Gelegentlich schlägt er sich als Tagelöhner durch wie viele Altersgenossen. Auf der Avenue Bourguiba, wo seine Mitbürger am 14. Januar 2011 den Sturz ihres Diktators Ben Ali feierten, ist er an diesem Nachmittag mit ein paar Freunden unterwegs.

Argwöhnisch äugt er auf die jungen Leute in weissen T-Shirts, die wenige Meter weiter fröhlich tunesische Wimpel schwenken und zu plärrender Musik Wahlflugblätter verteilen. Sie werben für Souad Abderrahim, die Spitzenkandidatin von Ennahda in Tunis. Die 53-jährige Apothekerin hat gute Chancen, morgen bei den ersten Kommunalwahlen in der Geschichte Tunesiens Bürgermeisterin der Hauptstadt zu werden, auch weil sie nicht dem fromm-konservativen Klischee ihrer islamistischen Partei entspricht. Souad Abderrahim trägt kein Kopftuch. Unbefangen geht sie auf Passanten zu, um ihr Programm vorzustellen. Problem Nummer eins sei die bröckelnde Infrastruktur, sagt sie, der Dreck in den Strassen, der Zustand der Schulen, der schlechte öffentliche Nahverkehr, die heruntergekommenen Stadtpärke. «Wir wollen dies wieder in Ordnung bringen», verspricht sie, «aber das braucht Zeit – und Geld.»

«Diesen Fehler mache ich kein zweites Mal»

Schärfster Konkurrent um das Bürgermeisteramt ist Kamel Idir, eine schillernde Figur von Nidaa Tounes, der Partei von Staatschef Beji Caid Essebsi, in der sich viele alte Regimegrössen tummeln. Der langjährige Präsident des tunesischen Fussball-Rekordmeisters Club Africain ist Doktor der Pharmazie, war Mitglied im Zentralkomitee der Staatspartei von Ben Ali und war zuletzt im Gesundheitsministerium tätig.

Bei seiner Wahlkampftour durch Cafés, Märkte und Geschäfte des Plattenbauviertels Cité Olympique nahe dem Flughafen gibt er sich bereits sieges­sicher und staatsmännisch. Er verspricht mehr sozialen Wohnungsbau, mehr Grünflächen und Kindergärten sowie ein härteres Vorgehen gegen die fliegenden Händler, die sich auf den Bürgersteigen breitmachen. «Sie sollten zur Wahl gehen, Sie sollten mitmachen und Ihre Verantwortung wahrnehmen», redet er unterwegs im Café Rayhana zwei jungen Männern ins Gewissen, zu denen er sich ein paar Minuten an den Tisch setzt. Er habe bei den Parlamentswahlen 2014 für Nidaa Tounes gestimmt, entgegnet ihm der eine. Die Partei hätte viel versprochen, aber höchstens 10 Prozent gehalten. Diesmal gehe er nicht wählen. «Diesen Fehler habe ich einmal gemacht, den mache ich kein zweites Mal.» 5,3 Millionen Bürger sind am 6. Mai aufgerufen, erstmals kommunale Volksvertretungen zu wählen. Für das bisher stramm zentralistische Land ist dies ein weiterer Meilenstein seiner jungen Demokratie. Künftig werden die 350 Städte und Gemeinden nicht mehr vom fernen Tunis aus gesteuert, sondern können wichtige Angelegenheiten in eigener politischer Regie entscheiden. Mehr als 53 600 Kandidaten liessen sich aufstellen, 49 Prozent sind Frauen, gut die Hälfte jünger als 35 Jahre.

Ungewöhnlicher Kandidat sorgt für Naserümpfen

Paradiesvogel unter den Bewerbern, der aber Dutzende Medienberichte auf sich zog, ist Simon Slama. Der 56-Jährige zählt zu den letzten Juden in seiner Heimatstadt Monastir. Er kandidiert ausgerechnet für die islamistische Ennahda, die tunesische Filiale der Muslimbrüder, was nicht nur seine eigene Frau, sondern auch manche Mitbürger mit Naserümpfen quittierten. Er besitzt einen Laden, in dem er Nähmaschinen repariert. Seine Kandidatur will er verstanden wissen «als gutes Zeichen für ein offenes und multikulturelles Tunesien». Und seinen Amtseid will er auf Koran und Thora gemeinsam ablegen.

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