TURIN: Massenpanik hat ein Nachspiel

Nach der Massenpanik während des Champions-League-Finals in Turin mit 1500 Verletzten steht die Stadtregierung in der Kritik. Innenminister Marco Minniti hat derweil Massnahmen angekündigt.

Dominik Straub, Rom
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Auf der Piazza San Carlo brach am Abend des Champions League Finals eine Massenpanik aus. (Bild: Keystone)

Auf der Piazza San Carlo brach am Abend des Champions League Finals eine Massenpanik aus. (Bild: Keystone)

Dominik Straub, Rom

Die Piazza San Carlo wird von den Turinern gerne als ihr «salotto» bezeichnet, als Salon ihrer Stadt. Tatsächlich gilt der grosse, von vornehmen Barockpalazzi, zwei Kirchen und mehreren eleganten Cafés gesäumte Platz im Herzen der Stadt als einer der schönsten des Landes. Am späten Samstagabend und auch noch am Sonntagmorgen glich die 168 Meter lange und 76 Meter breite Piazza jedoch einem Schlachtfeld: Überall lagen Schuhe, Rucksäcke, zerschlagene Flaschen und leere Plastiktüten herum.

Der wüste Anblick war das Resultat einer Massenpanik beim Champions-League-Final Juventus Turin gegen Real Madrid. Etwa 30000 Fussballfans hatten sich auf der Piazza zum Public Viewing versammelt. Kurz nach dem 3:1 für die «Königlichen» aus Spanien verbreitete sich das Gerücht, es befänden sich bewaffnete Terroristen mit Bomben in der Menge. In der Folge versuchte die Menschenmasse zu flüchten; im Getümmel wurden Absperrungen umgeworfen, Menschen stürzten zu Boden. Insgesamt wurden über 1500 Personen verletzt, drei davon schwer. Was genau die Panik verursacht hatte, ist immer noch Gegenstand von Untersuchungen. Möglicherweise war es ein Feuerwerkskörper, vielleicht aber auch ein betrunkener junger Fan mit einem Rucksack.

Gestern wurden schwere Vorwürfe gegen die Stadtbehörden erhoben: Es habe kein ernsthaftes Sicherheitskonzept gegeben, die Fluchtwege seien zu wenig zahlreich und kaum abgesichert gewesen, und ausserdem hätten die Polizisten tatenlos zugeschaut, wie von illegalen Strassenhändlern Unmengen von Bierflaschen verkauft worden seien. In der Tat waren die unzähligen Glasscherben auf der Piazza der Hauptgrund für die hohe Zahl der Verletzten gewesen. «Hunderte von Fans haben sich an Glas geschnitten, und das hätte leicht vermieden werden können», betonte der Gesundheitsminister der Region Piemont, Antonio Saitta.

Hooligans beim Public Viewing

Für Kopfschütteln sorgte ausserdem, dass sich während des Public Viewing auch über hundert polizeibekannte und zum Teil ­wegen Gewalttaten mit Stadionverbot belegte Juve-Hooligans auf der Piazza befanden. Sie waren offenbar – wie auch die illegalen Bierverkäufer – durch das unter der Piazza befindliche Parkhaus auf den Platz gelangt. Die Einfahrten ins Parking und die Ausgänge auf den Platz waren im Sicherheitsdispositiv vergessen und nicht kontrolliert worden. Letztlich hatten die Stadtbehörden, trotz der vielen Verletzten, mehr Glück als Verstand: Wenn selbst Hooligans ungestört zum Public Viewing gehen konnten, dann hätte dies problemlos auch ein Attentäter tun können.

Im Zentrum der Kritik steht die Turiner Bürgermeisterin Chiara Appendino. Sie ist, wie ihre Römer Amtskollegin Virginia Raggi, Mitglied von Beppe Grillos Protestbewegung. Appendino hat nach eigenen Angaben das Sicherheitskonzept ihres Vorgängers übernommen, das schon 2015 beim CL-Final Juventus gegen Barcelona angewendet worden sei. Doch der internationale Kontext hat sich in den letzten Jahren verändert, wie Turins Polizeichef Renato Saccone betonte: Heute lebe man in einem «Klima der Sorge». Eine Panik­situation auf einem öffentlichen Platz in den Griff zu bekommen, sei «besonders komplex».

Um eine Massenpanik an Grossanlässen künftig zu verhindern, will Italiens Innenminister Marco Minniti bei den Sicherheitsmassnahmen dafür sorgen, dass die Organisatoren, die Polizei und die kommunalen Behörden bezüglich Sicherheit «noch einen Gang höherschalten» – vor allem bei den Eingangskontrollen, der grossräumigen Überwachung und bezüglich der Fluchtwege. Immerhin stehen in Italien bis Ende September laut offiziellen Zahlen des Innenministeriums 1700 Anlässe unter freiem Himmel auf dem Programm.