Italien
Über 20 Millionen Gebäude sind illegal erstellt worden – mit verheerenden Folgen bei Erdbeben

In Italien sind mehr als 20 Millionen Gebäude illegal erstellt worden. Erdbeben führen zu verheerenden Folgen. Doch statt das Phänomen zu bekämpfen, plant die Regierung einen Bonus für die Bauherren

Dominik Straub, Rom
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Ein eingestürztes Haus auf der Insel Ischia: Viele illegale Bauten in Italien sind nicht erdbebensicher. Corrado Amitrano/ANSA/KEY

Ein eingestürztes Haus auf der Insel Ischia: Viele illegale Bauten in Italien sind nicht erdbebensicher. Corrado Amitrano/ANSA/KEY

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Salvatore hatte es für sich und seine Gäste gemütlich und romantisch eingerichtet: Über dreissig Jahre lang betrieb der Lebenskünstler am kilometerlangen, freien Strand zwischen Terracina und Sperlonga südlich von Rom eine kleine Strandbar mit Surfbrett- und Liegestuhlvermietung. Die Lage ist traumhaft: Vor sich hat Salvatore das tiefblaue, kristallklare Meer und den feinen, fast weissen Sand des Strandes, hinter sich die Dünen und dann einen kleinen See. Die Idylle hatte nur einen kleinen Schönheitsfehler: Sie war von Anfang an völlig illegal. Salvatore hat in drei Jahrzehnten für seine Bar nie eine Bewilligung eingeholt und auch nie einen Cent Steuern bezahlt.

Strafe auf Italienisch

In diesem Frühling hat die Standortgemeinde Fondi dem lockeren Treiben am Strand ein Ende gesetzt – auf die italienische Weise: Statt die Bar abzureissen und Salvatore eine happige Busse und Steuernachzahlungen aufzubrummen, haben die Behörden den Betrieb nachträglich legalisiert und dem Betreiber eine Lido-Konzession erteilt. Ausgestattet mit der Bewilligung der Gemeinde, konnte Salvatore seinen Betrieb massiv erweitern: Statt der mit Schilf gedeckten, kleinen alten Bar stehen dort nun ein im Chalet-Stil gebautes Restaurant und davor in mehreren Reihen Dutzende neue Liegestühle und Sonnenschirme. Jetzt sind alle glücklich: Salvatore verdient sich eine goldene Nase, und Fondi kassiert von ihm endlich ein wenig Steuern.

Die Methode hat System: Seit den Achtzigerjahren sind in Italien die unfassbare Zahl von 15 Millionen Gesuchen für die nachträgliche Bewilligung illegal erstellter Gebäude gutgeheissen worden; fünf Millionen Gesuche sind hängig. Die meisten Gesuche wurden bei drei grossen Amnestien für Bausünder gestellt, bei welchen die Besitzer ihre Gebäude gegen einen bescheidenen Geldbetrag pro illegalen Quadratmeter gesetzlich «sanieren» konnten. Die erste Amnestie hatte Bettino Craxi im Jahr 1985 erlassen; Silvio Berlusconi doppelte im Jahr 1994 und 2003 mit zwei weiteren «condoni» nach. In einem 2015 veröffentlichten Bericht hat das nationale Statistikamt Istat nachgewiesen, dass in einzelnen Teilen Süditaliens, wo die illegale Bauerei besonders grassiert, bis zu 60 Prozent der gesamten Bausubstanz ohne jede Bewilligung erstellt worden ist.

Vermeidbare Todesopfer

Die Anarchie im Bauwesen – neben der Mafia und der Steuerhinterziehung die schlimmste Plage des Landes – hat verheerende Folgen. Besonders offensichtlich und tragisch sind diese bei Erdbeben: Dass bei dem lächerlichen Mini-Erdstoss auf Ischia am 22. August zwei Menschen sterben mussten, liegt daran, dass viele der illegal erstellten Häuser katastrophal gebaut worden sind. Das Beben auf der Ferieninsel vor Neapel hatte eine Stärke von 4,0 auf der Richterskala – da sollte es eigentlich nicht einmal Risse in den Wänden geben. Aber auch ein grosser Teil der 299 Toten der Erdbeben von Mittelitalien mit einer Stärke von maximal 6,0 im vergangenen Jahr hätte wohl vermieden werden können, wenn viele Häuser nicht derart lausig gebaut worden wären.

Auch nach Erdrutschen und Überschwemmungen hat Italien regelmässig unnötige Opfer zu beklagen: Die illegalen Häuser werden nicht nur unter Verletzung von Bauvorschriften, sondern darüber hinaus oft auch in Gefahrenzonen (etwa zu nahe an Flüssen oder auf alten Lawinenkegeln) gebaut. An den Hängen des Vesuvs wohnen mitten in der «roten Zone» über eine halbe Million Menschen – auch sie fast ausnahmslos in Häusern, die ohne Bewilligung erstellt worden sind. Bei einem plötzlichen Vulkanausbruch wäre es wegen des sofort entstehenden Verkehrschaos unmöglich, alle rechtzeitig zu evakuieren.

Politischer Opportunismus

Es ist offensichtlich, dass der lasche behördliche Umgang mit Bauvergehen für viele Bürger geradezu eine Einladung darstellt, das mühsame und teure Baubewilligungsverfahren zu umgehen und ihr Häuschen einfach dort hinzustellen, wo es ihnen gerade passt. Trotz dieses fatalen Mechanismus tun sich die Politiker in Italien – unabhängig von ihrer politischen Couleur – schwer, den Missstand zu bekämpfen. Der Grund dafür liegt ebenfalls auf der Hand: Bauamnestien sind bei den Millionen Bausündern beliebt und sichern bei den nächsten Wahlen die vielleicht entscheidenden Stimmen. Zugleich sorgen die «condoni» für dringend nötige Einnahmen: Die drei grossen Amnestien der Jahre 1985, 1994 und 2003 haben insgesamt über 40 Milliarden Euro (ca. 45,75 Millionen Franken) in die chronisch leere Staatskasse gespült.

Nach dem Erdbeben von Amatrice hatte die Regierung von Matteo Renzi – wie alle Regierungen bei allen anderen Erdbeben zuvor – gelobt, die illegale Bauerei zu stoppen und dafür zu sorgen, dass nicht nur neue, sondern auch bestehende Häuser erdbebensicher gebaut beziehungsweise umgebaut werden. Der ambitionierte Plan wurde «Casa Italia» getauft. Nachdem es lange Zeit still geblieben war um den Plan, sind diese Woche nun erste Details bekannt geworden: Laut einem Bericht der Römer Zeitung «La Repubblica» will Renzis Nachfolger Paolo Gentiloni Besitzer illegaler und unsicherer Häuser mit Subventionen im Gesamtumfang von zwei Milliarden Euro dazu animieren, ihre Gebäude zu sanieren oder an einem sicheren Ort gleich neu aufzubauen – unter Garantie des bisherigen (illegalen) Bauvolumens.

Staat soll Häuser konfiszieren

Der Zwei-Milliarden-Bonus, der im Haushalt 2018 untergebracht werden soll, ist noch nicht beschlossen. Dennoch ist der Präsident der Umweltkommission der Abgeordnetenkammer, Ermete Realacci, bereits alarmiert: «Die einzige Methode, die illegale Bauerei erfolgreich zu bekämpfen, besteht darin, dass man dafür sorgt, dass sie sich nicht mehr lohnt», betont Realacci. Mit dem geplanten Bonus für Bausünder würde genau das Gegenteil erreicht. Realacci wirbt stattdessen für den Plan des nationalem Anti-Korruptions-Kommissars Raffaele Cantone. Dieser hatte nach Ischia gefordert, dass alle illegal und unsicher gebauten Häuser vom Staat konfisziert würden.

Diejenigen Gebäude, die in Bauverbotszonen oder auf öffentlichem Grund erstellt worden sind, müssten nach Cantones Vorschlag abgerissen werden. Die anderen könnten von den Besitzern zurückgekauft werden – vorausgesetzt, dass diese das Bewilligungsverfahren nachholen und das Gebäude sanieren. «Ein solches Vorgehen kostet zwar Stimmen, aber das Vertrauen der korrekten Bürger in die Politik würde erhöht», betonte Cantone.