Terror in Istanbul

«Überleben ist reine Glückssache»: Die grosse Verzweiflung nach dem IS-Anschlag

Die Gewaltwelle in der Türkei will nicht abreissen. Mehrere Medien meldeten, weitere IS-Angriffe seien zu befürchten. Anhänger von Präsident Recep Tayyip Erdogan sehen die Gefahr für die Türkei allerdings nicht beim IS, sondern im Westen.

Susanne Güsten, Istanbul
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Am Tag danach stehen jetzt drei Sicherheitsbeamte vor dem «Reina»-Nachtclub. In der Tatnacht war es noch einer und der Türsteher.

Am Tag danach stehen jetzt drei Sicherheitsbeamte vor dem «Reina»-Nachtclub. In der Tatnacht war es noch einer und der Türsteher.

Halit Onur Sandal/Keystone

Nach dem Anschlag eines islamistischen Extremisten auf den «Reina»-Nachtclub in Istanbul macht sich bei vielen Türken angesichts der nicht enden wollenden Gewaltwelle in ihrem Land Verzweiflung breit. «Überleben ist reine Glückssache», meinte ein Istanbuler Musiker am Montag. Ein Finanzmanager sagte, er fühle sich durch die Ereignisse des Wochenendes in seinem Vorhaben bestärkt, die Türkei zu verlassen: «Ich kann es nicht erwarten, rauszukommen», sagte der Familienvater.

Schon vor dem Bekenntnis des Islamischen Staates (IS) zu der Gewalttat im «Reina» waren die meisten Türken davon ausgegangen, dass die Dschihadisten dieses jüngste Massaker auf dem Gewissen haben. Laut Medienberichten verschoss der Täter mehrere Magazine mit jeweils 30 Patronen aus seinem Schnellfeuergewehr auf die wehrlosen Gäste des Nachtclubs. Dann warf er seine Waffe weg, zog seinen Mantel aus und machte sich im Chaos nach den Schüssen aus dem Staub.

Nach der Tat in der Silvesternacht: Dutzende Ambulanzen stehen bereit, um Opfer eines Anschlags auf einen Nachtclub in Istanbul zu versorgen.
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Mindestens ein Attentäter verschaffte sich in der Silvesternacht gewaltsam Zutritt zum Club Reina in Istanbul. Dort schoss er wahllos um sich.
Terroranschlag auf Istanbuler Nachtclub Reina in Silvesternacht
Der Istanbuler Club Reina liegt direkt am Bosporus, kurz hinter der ersten Brücke über die Meerenge. Er liegt zudem im schicken Ausgehviertel Ortaköy. Er ist einer der grössten und berühmtesten in der türkischen Millionenmetropole.
Am Sonntagmorgen, 1. Januar, war der Täter flüchtig. Augenzeugen berichteten allerdings von mehreren Tätern.
Zunächst bekannte sich niemand zu dem Anschlag.
Aussenminister Didier Burkhalter hat nach dem Angriff in Istanbul in der Silvesternacht seinem türkischen Amtskollegen Mevlüt Cavusoglu seine Betroffenheit ausgedrückt. Ob Schweizer unter den Toten oder Verletzten sind, war am Sonntagmorgen noch nicht klar.
Sicherheitskräfte riegeln den Bereich vor dem Nachtklub nach der Tat ab.
Der Morgen danach: Ein Polizist an der Strasse, an der sich der Nachtklub Reina befindet.
Der Klub Reine liegt direkt am Bospurus.
Mehrere Gäste sollen sich mit einem Sprung ins Wasser gerettet haben.
Am Morgen danach ist die Trauer bei Angehörigen der Todesopfer gross.
Angehörige trauern an einem Sarg um eines der Todesopfer.
Angehörige trauern an einem Sarg um eines der Todesopfer.
Trauer vor der Sicherheitsabsperrung in der Nähe des Clubs Reina.
Menschen leben Blumen nieder für die Todesopfer.

Nach der Tat in der Silvesternacht: Dutzende Ambulanzen stehen bereit, um Opfer eines Anschlags auf einen Nachtclub in Istanbul zu versorgen.

KEYSTONE/AP IHA

Trotz einer Grossfahndung und der Festnahme von acht mutmasslichen Komplizen wurde der Angreifer bisher nicht gefasst. Der Verdacht konzentriere sich auf einen Mann aus Kirgisien oder Usbekistan, meldeten mehrere Medien. Die Online-Ausgabe der Zeitung «Hürriyet» berichtete, die Polizei gehe einem Hinweis nach, wonach der Gesuchte in der Hafenstadt Yalova am Marmarameer, rund hundert Kilometer südlich von Istanbul, gesichtet wurde.

Klage gegen das Religionsamt

In der Bekennererklärung des IS zu dem Anschlag hiess es, der Attentäter habe Christen treffen wollen, die in dem Club ihr heidnisches Neujahrsfest gefeiert hätten. Nicht zuletzt deshalb verstärken türkische Regierungsgegner ihre Kritik an einer nach ihrer Meinung zunehmenden Tendenz des Staates, religiöser Intoleranz Vorschub zu leisten.

Ein Zusammenschluss säkularistischer Gruppen reichte Klage wegen Volksverhetzung gegen das staatliche Religionsamt ein: In einer Musterpredigt der Behörde am Tag vor dem Anschlag waren die türkischen Muslime vor Neujahrsfeiern gewarnt worden, weil diese «mit unseren Werten nicht konform» seien.

Mithat Sancar, ein angesehener Staatsrechtler und Parlamentsabgeordneter der legalen Kurdenpartei HDP, sprach in der Oppositionszeitung «Cumhuriyet» von einer Allgegenwart von «Diskriminierungs- und Hassparolen» in der Türkei. Dagegen werde nichts unternommen – doch gleichzeitig kämen Journalisten wegen einer einzigen kritischen Twitter-Erklärung ins Gefängnis.

Verhöhnte Opfer

Tatsächlich wird nach dem Anschlag in sozialen Medien der Türkei mitunter Sympathie für den «Reina»-Attentäter geäussert, während die Opfer verhöhnt werden. «Euer Weihnachtsmann bringt wohl nicht nur Geschenke, wie?», schrieb ein Twitter-Nutzer und Fussball-Schiedsrichter namens Süleyman Belli nach dem Anschlag. Der türkische Fussballverband leitete eine Untersuchung gegen Belli ein.

Nach dem Tod von zwölf deutschen Touristen bei dem IS-Anschlag in der Istanbuler Altstadt vor einem Jahr, einem weiteren IS-Selbstmordattentat auf einer Istanbuler Einkaufsstrasse im März und dem IS-Anschlag auf den Istanbuler Flughafen im Juni war die Bluttat im «Reina» die vierte schwere Gewalttat der Extremisten in der türkischen Metropole binnen eines Jahres.

Mehrere Medien meldeten, weitere IS-Angriffe seien zu befürchten. Die Dschihadisten hätten Bilder veröffentlicht, auf denen bewaffnete Kämpfer vor der Istanbuler Universität und einer der drei Bosporusbrücken zu sehen seien.

Alles vom Westen gesteuert

Anhänger von Präsident Recep Tayyip Erdogan sehen die Gefahr für die Türkei allerdings nicht beim IS, sondern im Westen. Regierungsnahe Zeitungen werteten den Anschlag im «Reina» als Teil eines Plans ausländischer Akteure, um die Türkei auf die Knie zu zwingen. «Der Hauptverdächtige ist Amerika», titelte die islamistische Zeitung «Yeni Akit». Auch das Erdogan-treue Blatt «Takvim» beschuldigte «ausländische Kreise, die die Türkei nicht aufhalten können».

Verstärkt wurde das Misstrauen dieser Kreise gegen den Westen durch abenteuerliche Berichte, wonach westliche Geheimdienste von Plänen für Anschläge in der Türkei zu Neujahr bereits im Voraus gewusst haben sollen. Der für seine guten Kontakte zur Regierung bekannte «Hürriyet»-Kolumnist Abdulkadir Selvi schrieb, die USA hätten am Tag vor dem Anschlag eine allgemein gehaltene Warnung verbreitet.