Überblick
Gewalt bei Corona-Demo in Deutschland mit über 20'000 Teilnehmern – wo es in Europa Proteste gegen Massnahmen gab

Tausende sind am Samstag dem Aufruf von Corona-Leugnern gefolgt, in Kassel in Deutschland gegen die staatlichen Massnahmen zu demonstrieren. Auch in Schweden und den Niederlanden kam es zu Protesten.

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Deutschland: Gewalt bei Demo gegen Corona-Massnahmen in Kassel – 20'000 Teilnehmer

20'000 bei Corona-Demo in Kassel (D): Scharmützel mit der Polizei

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(dpa/chm) Mehr als 20'000 Menschen haben nach Polizeischätzung am Samstag in Kassel gegen die Corona-Eindämmungsmassnahmen demonstriert. Dabei wurden massiv die gerichtlich bestätigten Auflagen der Stadt missachtet, die eigentlich nur 6000 Teilnehmer auf einem Doppelplatz in der Peripherie zugelassen hatte. Viele Teilnehmer hielten sich nicht an die Auflage, Mund- und Nasenschutz zu tragen. Während eines illegalen Demonstrationszuges durch die Innenstadt kam es am Mittag zu gewalttätigen Auseinandersetzungen mit Gegendemonstranten und mit der Polizei.

Laut Polizei waren mehrere tausend Menschen in der Innenstadt unterwegs und missachteten bei dem nicht angemeldeten Demonstrationszug die Anweisungen der Behörden.

Laut Polizei waren mehrere tausend Menschen in der Innenstadt unterwegs und missachteten bei dem nicht angemeldeten Demonstrationszug die Anweisungen der Behörden.

Swen Pförtner / dpa

Mehrere Beamte seien angegriffen worden, erklärte ein Polizeisprecher. Auch Journalisten wurden angegangen und beschimpft. Die Polizisten setzten den Angaben zufolge Schlagstöcke und Pfefferspray ebenso ein wie den Wasserwerfer. Mehrere Menschen seien festgenommen worden.

Am Nachmittag ging es dann etwas friedlicher zu: Die Demonstranten auf dem zentralen Friedrichsplatz waren bunt gemischt: Familien, Querdenker, Selbstständige, Verschwörungstheoretiker, Hippies und Impfgegner. Wer genau zu welchem Lager gehörte, war nur zu erahnen: Regenbogen-Fahnen wehten neben Flaggen verschiedenster Länder, «Merkel muss weg»-Transparente standen neben «Gegen-Rassismus»-Schildern. So riefen ein paar offensichtliche Gegendemonstranten «Nazis raus» – und das Lager der Demonstranten stimmte mit ein. Masken trugen wenige und auch auf den Abstand achtete kaum jemand.

Die Polizei war nur an wenigen Orten mit Wasserwerfern und Einsatzkräften präsent und setzte offenbar auf Deeskalation. Selten versuchte sie die Regeln durchzusetzen, bei den nicht genehmigten Umzügen um den Stadtkern hielt sie sich zurück, bevor am Nachmittag dann viele Demonstranten abwanderten. Die Ordnungshüter waren mit einem Grossaufgebot vor Ort.

Schweden: Demos gegen Corona-Massnahmen aufgelöst

Mehrere Demonstrationen gegen die Corona-Massnahmen in Schweden sind von der Polizei aufgelöst worden. Sowohl in der Hauptstadt Stockholm als auch in Göteborg und Malmö wurden die Proteste am Samstag von den Beamten gestoppt, weil sie gegen die maximal zulässige Teilnehmerzahl für öffentliche Versammlungen verstossen haben. Das teilten die Polizeidienststellen der drei grössten Städte Schwedens jeweils am Samstagnachmittag mit. In Göteborg waren demnach 50 bis 70 Menschen dabei gewesen, in Malmö etwa 200. In Stockholm sprach die Zeitung «Aftonbladet» von 200 bis 300 Teilnehmern.

Bereits vor zwei Wochen hatten etwa 600 Menschen in Stockholm gegen die geltenden Corona-Massnahmen demonstriert. Organisiert hatte den Protest eine Gruppe, die die Beschränkungen als unbegründet bezeichnete.

Schweden ist in der Corona-Krise einen international vielbeachteten Sonderweg mit relativ lockeren Beschränkungen des öffentlichen Lebens und Appellen an die Vernunft der Bürger gegangen. Vereinzelte Corona-Massnahmen gab und gibt es aber auch bei den Schweden, wenn auch nicht so strenge wie in Deutschland oder anderswo. Unter anderem dürfen sich seit Ende November nur noch maximal acht Menschen für öffentliche Zusammenkünfte und Veranstaltungen versammeln. Darüber hinaus hat sich die Regierung mit einem im Januar verabschiedeten Pandemiegesetz die Möglichkeit zu strengeren Massnahmen gegen die Ausbreitung des Coronavirus geschaffen.

Niederlande: Corona-Demonstration in Amsterdam mit Wasserwerfern aufgelöst

In Amsterdam hat die Polizei am Samstag Teilnehmer einer nicht genehmigten Protestkundgebung gegen Corona-Vorschriften mit Wasserwerfern vom zentralen Platz vor dem Reichsmuseum vertrieben. Wie die niederländische Nachrichtenagentur ANP berichtete, wurden rund 1000 Demonstranten am Rand des historischen Grachtenviertels von Einsatzkräften eingekesselt, viele von ihnen wurden dann mit Bussen zu Gegenden am Stadtrand gebracht. Zuvor seien Schutzmasken an sie verteilt worden. Über Festnahmen gab es zunächst keine Angaben.

Peter Dejong / AP

In den Niederlanden gab es in den vergangenen Wochen immer wieder Protestaktionen gegen Corona-Massnahmen, bei denen es teilweise zu gewalttätigen Übergriffen kam. Derweil ist auch in den Niederlanden die Zahl der täglichen Neuinfektionen erneut gestiegen - allein von Freitagmorgen bis Samstagmorgen seien 7668 neue Corona-Fälle registriert worden, teilte die Gesundheitsbehörde mit. Das sei die höchste Zahl an Neuinfektionen innerhalb eines Tages seit Anfang Januar.

Peter Dejong / AP

Balkan: Tausende Kroaten und Serben demonstrieren gegen Corona-Restriktionen

Tausende Kroaten und Serben haben am Samstag ohne Mund-Nasen-Schutz gegen die Corona-Beschränkungen protestiert. In Kroatien gingen in der Hauptstadt Zagreb sowie in Osijek und in den Adria-Städten Split, Dubrovnik, und Sibenik die Menschen auf die Strasse. In Serbiens Hauptstadt Belgrad füllten die Demonstranten den zentralen Platz der Republik. In Belgrad wie auch im kroatischen Split bezeichneten die Demonstranten die Maskenpflicht als «Tyrannei».

In Kroatien gilt Maskenpflicht in öffentlichen Verkehrsmitteln, Geschäften und Krankenhäusern sowie im Freien überall dort, wo der Mindestabstand von eineinhalb Metern nicht eingehalten werden kann. Die Innengastronomie ist geschlossen, unter freiem Himmel aber erlaubt. In Serbien wurden vor zwei Wochen Restriktionen für die Wochenenden eingeführt: Geschäfte, Gaststätten und Dienstleistungsbetriebe müssen von Samstag 12.00 bis Montag 6.00 Uhr schliessen. Ausgenommen sind lediglich Lebensmittelläden, Apotheken und Tankstellen.

In beiden Ländern steigt die Inzidenz der Neuansteckungen mit dem Virus Sars-CoV-2 nach einer deutlichen Talfahrt zu Beginn des Jahres seit Kurzem wieder an. Im stärker betroffenen Serbien erreichte sie am Samstag 503,3 Ansteckungen pro 100 000 Einwohner binnen 7 Tagen, in Kroatien lag der Wert bei 145,1.

Rumänien: Demonstration mit extrem Rechten gegen Corona-Massnahmen

In Rumäniens Hauptstadt Bukarest sowie fünf weiteren Städten sind am Samstag Tausende Menschen ohne Mund-Nasen-Schutz gegen Corona-Beschränkungen auf die Strasse gegangen. In Bukarest sowie im siebenbürgischen Cluj (Kolozsvar/Klausenburg) gehörten prominente Mitglieder der neuen extrem rechten Parlamentspartei AUR zu den Teilnehmern der Kundgebungen. Häufig sichtbar waren auch religiöse Symbole. Viele christlich-orthodoxe Gläubige sind mit den Einschränkungen für Gottesdienste unzufrieden.

Demonstriert wurde auch im siebenbürgischen Brasov (Kronstadt), in den Städten Constanta und Galati sowie im westrumänischen Timsoara (Temeswar), das zu den grössten Infektionsherden des Landes gehört. Die Polizei kündigte an, mit Bussgeldern gegen jene Demonstranten vorzugehen, die die Maskenpflicht und die Abstandsregeln verletzten.

In Rumänien besteht landesweit in geschlossenen öffentlichen Räumen und im Freien Maskenpflicht. In Bukarest wurden Gastronomie und Kultureinrichtungen geschlossen, fast alle umliegenden Dörfer sind wegen hoher Inzidenz gesperrt worden. Landesweit lag die Sieben-Tage-Inzidenz am Samstag bei 189,2 Neuinfektionen mit dem Virus Sars-CoV-2 pro 100 000 Einwohner. Zuletzt stiegen die Zahlen deutlich an