UKRAINE: Armee auf «Kriechoffensive» im Donezbecken

In der Ostukraine wird wieder heftig gekämpft. Die Regierungstruppen versuchen scheibchenweise, Rebellengebiet zurückzuerobern.

Stefan Scholl/Moskau
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Derzeit gibt es heftige Gefechte in der Ostukraine. (Bild: EPA/Alexander Ermochenko)

Derzeit gibt es heftige Gefechte in der Ostukraine. (Bild: EPA/Alexander Ermochenko)

Vor einer der ukrainischen Stellungen im Industriegebiet von Awdejewka hat ein Soldat mit Humor ein Schild aufgehängt: «Tagesordnung: Mittagspause von 13 bis 15 Uhr. Empfang von Journalisten und Kontrollpersonen bis 16 Uhr. Ab 16 Uhr Beschuss.» Der Krieg setzt diese Ordnung seit Tagen ausser Kraft. Geschossen wird jetzt rund um die Uhr. Gestern morgen meldeten die Ukrainer zwei Tote, am Vortag waren es fünf Gefallene. Zwei 30-köpfige Stosstrupps des Feindes, der prorussischen Separatisten der sogenannten «Donezker Volksrepublik» (kurz DNR), hätten am Wochenende versucht, die ukrainischen Positionen zu stürmen und seien abgeschlagen worden. Im Gegenstoss habe man einen gegnerischen Vorposten erobert, seitdem feuere der Feind erbittert aus Panzern und Geschützen.

DNR-Vertreter vermelden das Gegenteil: Die Ukrainer hätten versucht, das benachbarte Jasinowataja anzugreifen, und seien abgewiesen worden. «Die fliehenden Ukrainer gerieten unter Artilleriebeschuss des ‹Rechten Sektors›», behauptet ein Pressesprecher der Rebellen. Der «Rechte Sektor», eine nationalistische Kampforganisation, die in der DNR und Russland regelmässig für Kriegsverbrechen verantwortlich gemacht wird, soll diesmal die eigenen Soldaten unter Sperrfeuer genommen haben. Die Rebellen meldeten zwischen 15 und 50 gefallene Feinde. Allerdings beklagte der russische Freiwillige Alexander Schutschkowski per Blog auch zehn tote Separatisten. Und die russische Agentur Interfax berichtete unter Berufung auf das DNR-Verteidigungsministerium, bei der Abwehr der ukrainischen Attacke sei ein bekannter Kommandeur heldenhaft ums Leben gekommen.

Der ukrainische Präsident Petro Poroschenko traf sich gestern in Berlin mit der deutschen Kanzlerin Angela Merkel, um die Erfolgsaussichten des im Februar 2015 ausgehandelten Minsker Friedensprozesses zu besprechen. Währenddessen gerät der Minsker Waffenstillstand immer mehr ins Rutschen. Ende der letzten Woche wurden bei Donezk und Mariupol zum ersten Mal seit Monaten wieder Grat-Raketenwerfer eingesetzt, die als die verheerendsten Waffen im Krieg um das Donezbecken gelten. Beide Seiten werfen einander vor, erneut Wohngebiete zu beschiessen. Allein am Sonntag registrierten Beobachter der OSZE 2260 Waffenstillstandsverstösse im Donezbecken (Donbass).

Schon im Dezember war es zu heftigen Zusammenstössen gekommen. Zuvor berichteten ukrainische Kommandeure unserem Korrespondenten, man sei zur aktiven Verteidigung übergegangen und dränge den Gegner mit örtlichen Operationen zurück. Die russische Internetzeitung «gazeta.ru» titelte unlängst: «Die Ukraine kriecht ins Donbass.» Die Regierungstruppen nützten eine neue Taktik nächtlicher «Froschsprünge», mit denen kleine Einheiten 200 bis 500 Meter Gelände gewännen.

Im ukrainischen Lager gilt die kriechende Offensive als offenes Geheimnis. «Es gibt eine Absprache des Generalstabs mit den örtlichen Kommandeuren: Macht, was nötig ist, aber haltet uns dabei heraus», sagt der Volontär und Fronthelfer Sergei Zoologowitsch unserer Zeitung. Offenbar sind die «Froschsprünge» durchaus koordiniert.

Stefan Scholl/Moskau