Ukraine-Krieg
Einziges EU-Land mit Atomwaffen macht ernst: Frankreich versetzt seine Nuklear-Flotte in Bereitschaft

Frankreich, das einzige EU-Land mit Atomwaffen, reagiert auf die russische Bedrohung. Die Marine hat drei ihrer vier atomwaffenbestückten Unterseeboote auf Patrouille geschickt.

Stefan Brändle, Paris
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Der französische Präsident Emmanuel Macron hat schon 2020 von der Notwendigkeit einer «europäischen Abschreckung» gesprochen.

Der französische Präsident Emmanuel Macron hat schon 2020 von der Notwendigkeit einer «europäischen Abschreckung» gesprochen.

Stephanie Lecocq / EPA

Was unternimmt Frankreich konkret?

Die französische Marine hat drei ihrer vier atomwaffenbestückten Unterseeboote zu Wasser gelassen und auf Patrouille geschickt. Bisher war immer nur eines der U-Boote unterwegs gewesen. Dass gleich deren drei die Militärwerft in Brest (Bretagne) verlassen haben, ist seit Gründung der französischen Atomstreitkraft «Force de Frappe» noch nie vorgekommen. Am Mittwoch hat die französische Luftwaffe zudem eine modernisierte Version der Luft-Boden-Rakete ASMPA von einem Kampfjet Rafale aus getestet, allerdings ohne Atomwaffenladung.

Warum hat Frankreich diese heikle Militäraktion öffentlich bekannt gegeben?

Die französische Marine informiert aus Prinzip eigentlich nie über die Bewegungen ihrer atomaren Untersee-Flotte. Normalerweise vermeldet das Lokalblatt «Télégraphe de Brest», wenn jemand ein solches U-Boot beim Verlassen der Reede gesehen hat. Dass die Marine die Meldung trotz der gespannten Lage nicht unterbunden hat, lässt darauf schliessen, dass Paris inmitten des Ukraine-Kriegs mit dem Auslaufen der U-Boote ein Signal nach Moskau schicken will.

Warum schickt Frankreich seine U-Boote genau los?

Der Grund ist ohne Zweifel der Krieg in der Ukraine. Schon am 1. März, also kurz nach Beginn der russischen Invasion und der Alarmbereitschaft des russischen Atomwaffenarsenals, hatte Frankreich bereits ein zweites U-Boot losgeschickt. Jetzt folgt ein drittes. Das ist die Maximalauslastung: Ein viertes U-Boot muss jeweils im Trockendock überholt werden. Laut Militärexperten werden U-Boote zu Wasser gelassen, um ihre Gefährdung durch Bombenangriffe aus der Luft zu reduzieren. Die erhöhte Nuklear-Bereitschaft hat aber wohl eher psychologische Gründe: Frankreich bedeutet Moskau, dass seine Force de Frappe bereit ist, Angriffe zu kontern.

Wie stark ist die französische Force de Frappe?

Frankreich verfügt über rund 300 Atomsprengköpfe. Jeweils drei der vier Atom-U-Boote (Le Triomphant, Le Téméraire, Le Vigilant und Le Terrible) sind mit je 16 Raketen ausgerüstet. Jede Rakete umfasst sechs Sprengköpfe. Dazu kommen 40 Luft-Boden-Atomraketen (ASMPA), die von Rafale-Flugzeugen getragen werden. Diese können auch vom Flugzeugträger Charles-de-Gaulle starten.

Wie wirksam ist diese Abschreckung?

Die 300 französischen Sprengköpfe sind die einzigen Atomwaffen im gesamten EU-Raum. Grossbritannien verfügt seinerseits über 220 Sprengköpfe. Das ist sehr wenig verglichen mit den 6200 Sprengköpfen Russlands und den 5500 Sprengköpfen der USA. Auch China dürfte heute bereits auf 350 Sprengköpfe kommen. Die französische Force de Frappe verfolgt allerdings ein rein defensives Ziel. Sie dient einzig der Abschreckung: Die 300 Sprengköpfe erreichen zusammen eine Schlagkraft von umgerechnet 2000 Hiroshima-Atombomben.

Schützt der französische Nuklearschirm Europa?

Der damalige französische Präsident Nicolas Sarkozy hatte 2007 der damaligen deutschen Kanzlerin Angela Merkel angeboten, Deutschland mit französischen Atomwaffen zu schützen. Der Vorschlag wurde freundlich abgelehnt. 2020 sprach Emmanuel Macron erneut von der Notwendigkeit einer «europäischen Abschreckung». Auch dieser Vorstoss wurde nicht weiterentwickelt.