Der Schweizer IKRK-Präsident Peter Maurer ist auf einem Bild mit Sergej Lawrow. Was für Empörung sorgte, ist Teil der neutralen Arbeit der humanitären Organisation.
Für Russland sind die Bilder ein voller Erfolg: Peter Maurer, der Präsident des Internationalen Roten Kreuzes (IKRK), schüttelt dem russischen Aussenminister Sergei Lawrow die Hand. Lächeln auf beiden Seiten. Die Fahne des Roten Kreuzes ist jener von Russland optisch gleichgesetzt. Obwohl Maurer noch am gleichen Tag in einem Tweet darauf hinwies, dass Gespräche mit allen Kriegsparteien die Voraussetzung für die Arbeit der humanitären Organisation ist, empfanden die Ukrainer die Aufnahmen als Provokation.
Zum Treffen in Moskau sagt das IKRK auf Anfrage: «Das Unterhalten eines Dialoges mit beiden Konfliktparteien ist essenziell, um die Neutralität des IKRK sicherzustellen.» Es helfe auch dabei den IKRK-Teams die nötige Sicherheit zu garantieren, um Hilfe in abgelegene Gebiete zu bringen. Mit dem ukrainischen Premier Minister Denys Shmyhal und Peter Maurer seien letzte Woche ähnliche Fotos gemacht worden.
Im kollektiven ukrainischen Gedächtnis, haben sich aber die Fotos mit Maurer und Lawrow verankert. Nach dem Handschlag zwischen den beiden begannen letzte Woche verschiedene ukrainische Stimmen und Politiker die Arbeit des IKRK im Krieg zwischen Russland und der Ukraine zu kritisieren.
Der ukrainische Politik-Analyst Roman Rukomeda schrieb auf dem Portal Euractiv.com: «Es gibt Belege von seltsamem Verhalten seitens des IKRK, das ankündigte im russischen Rostow ein Büro zu eröffnen, um den russischen Terroristen bei der Deportation von ukrainischen Bürgern zu helfen. Im Gegenzug hat der Präsident des IKRK kein solches Vorhaben in der Ukraine angekündigt.»
Das IKRK widersprach am selben Tag noch in einer kurzen Mitteilung und veröffentlichte dann am Dienstag diese Woche eine Stellungnahme in mehreren Sprachen, in der dieser und weitere Vorwürfe dezidiert abgewiesen wurden. Das IKRK wies ausserdem darauf hin, dass solche Falschinformationen den IKRK-Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern vor Ort wie auch den Menschen, denen geholfen werden müsse «grossen Schaden zufüge».
Das IKRK wolle kein Büro im Süden Russlands eröffnen, um Ukrainer «herauszufiltern», wie behauptet werde. «Wir eröffnen weder ein Flüchtlingslager noch irgendeine andere Art von Lager.» Man erwäge aber die Eröffnung eines Büros in Rostow, als Teil einer umfangreichen regionalen Ausweitung «zwecks Bewältigung einer massiven humanitären Krise und zwecks Deckung des Bedarfs der Menschen, wo immer sie sich befinden.»
Auch sei das IKRK nicht an Zwangsevakuierungen von Zivilpersonen aus Mariupol oder einer anderen ukrainischen Stadt nach Russland beteiligt. «Um es ganz klar zu sagen: Wir würden niemals eine Massnahme unterstützen, die sich gegen den Willen der Menschen richtet.»
Neutralität und Unparteilichkeit seien keine abstrakten Konzepte. «Sie sind ein Mittel zum Zweck, eine Arbeitsweise, die es uns ermöglicht, Zivilpersonen zu erreichen und ihnen zu helfen – ganz gleich, auf welcher Seite der Front sie sich befinden.» Das IKRK habe aktuell an zehn Standorten Teams in der Ukraine.
«Wir müssen mit jenen Leuten sprechen, welche die Entscheidungen treffen oder beeinflussen, die das Leben der Opfer in bewaffneten Konflikten betreffen, führt der IKRK-Sprecher Christoph Hanger aus. Solche humanitären und bilateralen Dialoge würden auf der ganzen Welt unterhalten. So gelinge es jenen Leuten zu helfen, die unter dem Horror der Konflikte leiden würden, egal wo sie seien. Der Dialog mit beiden Parteien sei ein Schlüsselelement, um lebensrettende Aktionen durchführen zu können. Hanger verweist dabei auf eine sichere Passage, die Tausende Zivilisten aus der Stadt Sumy letzte Woche die Flucht ermöglicht habe.
«Unsere Neutralität wird oft missverstanden», sagt der IKRK-Sprecher. Der neutrale Raum für unparteiische, unabhängige humanitäre Hilfe müsse aber geschützt werden, damit das ukrainische Rote Kreuz und das IKRK weiterhin Zugang zu den Zivilisten hätten.
Wer weiter in die Geschichte der Organisation blickt, stellt fest: Kritik für den Dialog mit allen Kriegsparteien, auch mit schlimmsten Kriegsverbrechern, gab es bereits während des Ersten und Zweiten Weltkrieg. Die Genfer Geschichtsprofessorin Irène Herrmann sieht in den neu erhobenen Vorwürfen eine Bestätigung der Arbeitsweise des IKRK – dass es tatsächliche versuche, unparteiisch zu arbeiten. Das sagt Herrmann gegenüber der «Süddeutschen Zeitung».
Im selben Artikel kommt auch der deutsche Politologe Carsten Wieland zu Wort. Er weist darauf hin, dass ein Autokrat wie Putin versuchen würde, «neutrale Organisationen für ihre Zwecke einzuspannen». Etwa, in dem er humanitäre Korridore nach Belarus oder Russland will. Das bringe humanitäre Organisationen wie das IKRK in ein Dilemma. «Man muss sich schon die Frage stellen, ob humanitäre Organisationen hart genug mit den Kriegsakteuren verhandeln – oder ob sie sich zu schnell auf Angebote und Bedingungen von Autokraten einlassen, um den leichteren Weg zu gehen», so Wieland.
Welche Töne Maurer gegenüber Lawrow anschlug, wissen nur die vor Ort Anwesenden. Auf symbolischer Ebene hat er sich allerdings zu einem wortlosen Statement hinreissen lassen. Von seiner Reise in die Ukraine hat Maurer mehrere Fotos auf Twitter gestellt. Sie zeigen ihn unter anderem im Gespräch mit dem Kiewer Bürgermeister Vitali Klitschko oder händeschüttelnd mit dem ukrainischen Ministerpräsident Denys Shmyhal. Von seinem Besuch in Moskau hat Maurer hingegen kein einziges Foto auf Twitter gestellt.