Ukraine-Krieg
Russischer Soldat legt Geständnis ab: «Ich habe einmal auf ihn geschossen. Er fiel hin, und wir sind weitergefahren»

In Kiew steht ein russischer Soldat wegen eines mutmasslichen Kriegsverbrechens vor Gericht. Den ukrainischen Soldaten aus dem Asowstal-Werk droht derweil ein Schauprozess in Russland.

Paul Flückiger, Warschau
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Wadim Schischimarin vor Gericht: Der russische Soldat soll einen unbewaffneten Velofahrer erschossen haben.

Wadim Schischimarin vor Gericht: Der russische Soldat soll einen unbewaffneten Velofahrer erschossen haben.

Roman Hrytsyna / AP

«Mir wurde befohlen zu schiessen, ich habe einmal auf ihn geschossen. Er fiel hin, und wir sind weitergefahren», erzählt Wadim Schischimarin vor einem Kiewer Gericht. Der 21-jährige Panzersoldat wurde Anfang März im nordukrainischen Sumy in einem Bauernhof zusammen mit drei Kameraden festgenommen. Nun hat in Kiew sein Prozess begonnen. Schischimarin werden Kriegsverbrechen vorgeworfen; dafür drohen ihm bis zu 15 Jahre Haft.

Bereits am Mittwoch hatte sich der junge Panzersoldat aus dem sibirischen Irkutsk für schuldig erklärt und um Vergebung gebeten. Am Donnerstag nun schilderte er noch einmal die genauen Umstände, weshalb er den 62-järigen, unbewaffneten Velofahrer Alexander Schelipow erschossen hatte.

Der Armee beigetreten, um seine Mutter zu unterstützen

Mit im Gericht sitzt als Nebenklägerin Jekaterina Schelipowa, die Witwe, in einem schwarzen Kleid mit weissen Punkten. Sie ist gefasst, vielleicht tut ihr der junge Soldat gar leid. Am Mittwoch hatte er berichtet, er sei der russischen Armee beigetreten, um seine Mutter finanziell unterstützten zu können. Dass er in der Ukraine kämpfen soll, wusste er angeblich nicht, als seine Panzerkolonne am 24. Februar im Gebiet Sumy einmarschierte.

Die Essensration hätte für drei Tage gereicht, berichtet Schischimarin. Am vierten Tag gerieten sie in einen Hinterhalt der Ukrainer und verloren ihren Panzer. Mit fünf Kameraden requirierte er einen VW und sie fuhren damit Richtung Russland, als sie im Dorf Tschapachiwka einen Velofahrer trafen, der am Handy telefonierte. Sie seien überzeugt gewesen, dass der Velofahrer sie an die ukrainischen Armee verrate, sagt Schischimarin vor Gericht. Der Fahrer, ein gewisser Makejew, und der Beifahrer hätten ihm befohlen, den Zivilisten zu erschiessen. Das habe er gemacht, sagt der 21-jährige mit gesenktem Kopf.

Angst vor einem Schauprozess in Russland

Das Urteil wurde noch nicht gefällt. Doch auffallend ist, dass hier in Kiew ein ziemlich humaner Kriegsverbrecherprozess inszeniert wird. Das hebt sich wohltuend ab von den rohen Gewaltdrohungen gegen die in den letzten Tagen aus dem «Asowstal»-Werk in Mariupol evakuierten ukrainischen Soldaten. Auch ihnen will Moskau Kriegsverbrechen gegen Zivilisten vorwerfen.

Völlig unklar ist dabei gegen welche Zivilisten. Denn die einzigen, die die Soldaten seit 1. März zu Gesicht bekommen haben, sind jene Personen, die ebenso in die Bunkeranlagen des Stahlwerks geflüchtet waren. Mit ihnen haben die Soldaten am Ende ihre Essensrationen geteilt.

Von den Ukrainern erschossen wurde niemand. Stattdessen waren es die russischen Bomber, die das «Asowstal»-Gelände mitten in der Grossstadt Mariupol über 70 Tage lang bombardiert hatten.

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