Ukraine-Krieg
Die Welt zu Gast beim Helden: Boris Johnson marschierte quer durch Kiew – und heute kriegt auch Putin hohen Besuch

Am Vorabend des «grössten Krieges seit Jahrhunderten» wagten sich mehrere hochrangige Gäste in die ukrainische Hauptstadt. Ihre Botschaft war glasklar.

Samuel Schumacher
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Wäre nicht dieser Krieg, dann wäre das ein sauglatter Moment gewesen: Boris Johnson, mit gewohnt verstrubeltem Haar und weit geschnittenem Anzug, marschiert neben Wolodimir Selenski quer durch Kiew und wird kurz vor dem Maidan von einer Ukrainerin angehalten. Sie überreicht dem britischen Premierminister einen Krug in Form eines Hahnes. Johnson bedankt sicht, grinst in die Kamera und fragt:

«Ist der für Wasser – oder etwa für Wein?»

Boris Johnson und Wolodimir Selenski marschierten am Samstag quer durch Kiews Innenstadt.

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Ein plumper Satz mit grosser Signalwirkung. Denn während zuhause in London noch immer Ermittlungen gegen den Premier laufen, der sich während des strengen Corona-Lockdowns mit seinen Angestellten am britischen Regierungssitz illegalerweise mehr als nur ein bisschen Wein gegönnt haben soll, machte Johnson am Wochenende in Kiew ganz unbeschwert das, was er am liebsten tut: Weltpolitik. Soll Scotland Yard seinen Pandemie-Verfehlungen doch nachspionieren. Er hat grad Wichtigeres zu tun.

Putin kriegt heute hohen Besuch

In der Manier des grossen Winston Churchill, der im Zweiten Weltkrieg mit Melone auf dem Kopf und Zigarre im Mund durch die zerbombten britischen Städte zu stolzieren pflegte, spazierte Johnson am Samstag an der Seite des ukrainischen Regierungschefs durch die fast menschenleere Hauptstadt. Ohne Melone und Stumpen zwar, dafür mit überaus netten Worten für die verstreuten Stadtbewohner, die ihren Augen kaum trauen konnten. «Boris? Boris!», rief einer und hielt eine spontane Dankesrede an den hohen Gast aus dem Westen. Selenski übersetzte, Johnson lächelte, die Kameras knipsten.

Bei der anschliessenden Pressekonferenz dann sagte Johnson:

«Ich verneige mich vor der Tapferkeit der Menschen in der Ukraine. Die Welt hat dank euch neue Helden.»

Er versprach, Grossbritannien werde 120 gepanzerte Fahrzeuge und zahlreiche Raketen liefern, um die Ukraine im «Kampf gegen die brutale Aggression» zu unterstützen. «Putins Kriegsverbrechen in Irpin oder Butscha haben seinen Ruf für immer beschmutzt», sagte Johnson.

Eben da, im von den Russen befreiten Butscha, schaute gleichentags der österreichische Kanzler Karl Nehammer vorbei und versprach Selenski beim anschliessenden Treffen, man werde «helfen, wo wir können». Heute Montag reist Nehammer nach Moskau, um Wladimir Putin ins Gewissen zu reden.

Am Samstag mit dem Zug nach Kiew, heute Montag mit dem Flieger nach Moskau: Österreichs Bundeskanzler Karl Nehammer ist auf weltpolitischer Tour.

Am Samstag mit dem Zug nach Kiew, heute Montag mit dem Flieger nach Moskau: Österreichs Bundeskanzler Karl Nehammer ist auf weltpolitischer Tour.

Keystone

In Butscha war am Wochenende auch EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen. Die Ärztin sagte im Anschluss an den Besuch: «Wenn das kein Kriegsverbrechen ist, was ist dann ein Kriegsverbrechen?»

Ihrem «Freund Wolodimir» überreichte von der Leyen in Kiew den offiziellen Fragebogen für EU-Beitrittskandidaten. «Unser Entscheid wird nicht wie normalerweise in einigen Jahren fallen, sondern in einigen Wochen», sagte von der Leyen.

Selenskis düstere Prophezeiung

Für die Ukraine werden die kommenden Wochen noch einmal äusserst brutal. Das zumindest prophezeite Selenski in einem Interview mit der deutschen «Bild»-Zeitung. «Das könnte einen grossen Krieg geben im Donbass, wie ihn die Welt in hunderten von Jahren nicht mehr gesehen hat», sagte der 44-Jährige.

EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen überreichte Wolodimir Selenski in Kiew den offiziellen Fragebogen für EU-Beitrittskandidaten.

EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen überreichte Wolodimir Selenski in Kiew den offiziellen Fragebogen für EU-Beitrittskandidaten.

Keystone

Satellitenaufnahmen zeigten am Wochenende einen zwölf Kilometer langen russischen Militärkonvoi auf dem Weg in das ostukrainische Gebiet. Die Experten der Washingtoner Denkfabrik «Institute for the Study of War» befürchten, dass in den kommenden Tagen die entscheidende Schlacht rund um die ostukrainische Stadt Slowjansk losgehen wird.

Der Raketenangriff auf Slowjansks Nachbarstadt Kramatorsk hatte am Freitag mindestens 50 Tote gefordert. Bei einem weiteren Angriff haben russische Truppen die Zugstrecke zwischen Slowjansk und Kiew zerstört. Hunderttausende Menschen sitzen noch immer in der Region fest.