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UKRAINE: Nadija Sawtschenko – Heldin des Aberwitzes

In Russland wurde der Kriegsheldin Nadija Sawtschenko unter absurder Anklage der Prozess gemacht. Jetzt ist sie in Kiew in eine ähnlich kafkaeske Lage geraten.
Gefallene Nationalheldin: Nadija Sawtschenko. (Bild: Michele Tantussi/Getty)

Gefallene Nationalheldin: Nadija Sawtschenko. (Bild: Michele Tantussi/Getty)

Nadija Sawtschenko soll einen Terroranschlag auf das ukrainische Parlament geplant haben.«Zuerst wollte sie die Logen der Regierung mit Granaten zerstören lassen, dann mit Minenwerfern die Kuppel des Sitzungssaals zum Einsturz bringen und mit Maschinenpistolen alle erledigen lassen, die noch lebten», verkündete Generalstaatsanwalt Juri Luzenko. Heute sollen die Abgeord­neten auf seinen Antrag entscheiden, ob sie ihrer Kollegin Sawtschenko die parlamentarische Immunität entziehen.

Wieder sieht sich Sawtschenko, ukrainische Politikerin, Berufssoldatin und Heldin des Donbasskrieges, absurd klingenden Vorwürfen gegenüber. Wie 2014, als die 36-Jährige nach ihrer Gefangennahme im Donbass nach Russland verschleppt worden war. Dort machte man ihr den Prozess, weil sie angeblich als ukrainische Artillerieaufklä­rerin tödliches Feuer auf russische TV-Reporter gelenkt hatte – obwohl sie laut Handydaten zu diesem Zeitpunkt schon gefangen war. Saw­tschen­ko wurde im März 2016 zu 22 Jahren Gefängnis verurteilt, viele Beobachter verglichen den Prozess mit der kafkaesken Justiz unter Stalin. Nadija wurde im Mai 2016 gegen zwei russische Militärs ausgetauscht. In ihrer Heimat empfing man sie als Nationalheldin.

Jetzt aber droht ihr neuer, ukrainischer Aberwitz. Die Vorwürfe der Kiewer Staatsanwaltschaft klingen paradox, darin heisst es, Sawtschenko wolle Präsident Petro Poroschenko erst im Parlament ermorden lassen, danach ein Kommando in sein Haus schicken, um ihn ein zweites Mal zu töten. Die Öffentlichkeit reagiert mit Spott. Poroschenko und sein Regime gelten als korrupt und reformresistent. Der Politologe Wadim Karasew glaubt, der unpopuläre Präsident wolle nach Michael Saakaschwili mit Saw­tschenko eine weitere Symbol­figur drohender Strassenproteste ausschalten. «Zumal sich an diesen Strassenprotesten in­zwischen viele – und insgeheim bewaffnete – Donbass-Kriegs­veteranen beteiligen.»

Das Problem ist, dass Saw­tschenko selbst aberwitzig reagiert: Sie werde von einer Gruppe namens «Objekt A» ausspioniert, die den Auftrag habe, sie zu liquidieren. Und sie habe gegenüber dem Objekt A «Surrealismus geschaffen», indem sie etwa vorschlug, das Parlament in eine Gaskammer zu verwandeln. «Wir haben Pläne ausgearbeitet, wo und wie man die Machtelite vernichten könne. Das Objekt A hat alles aufgenommen.» Fast klingt das, als hätte Sawtschenko selbst den Spitzeln des Regimes die Beweise gegen sie ins Diktier­gerät gesprochen. Auch wenn sie versichert, sie käme nie auf den Gedanken, das Parlament in die Luft zu jagen, wenn dabei nur eine unschuldige Seele sterben könnte. Saw­tschenko liess sich vor dem leeren Sitzungssaal filmen, machte ein böses Gesicht und sagte: «Peng, Peng! Na, habt ihr jetzt die Hose voll?»

Die gelernte Hubschrauber­pilotin gilt als impulsiv und politisch ungeschickt, jetzt aber herrscht auch unter ihren Anhängern Entsetzen. «Selbst wenn Nadija scherzt», klagt ein Freund, «solche Scherze macht man nicht.» Und das politische Kiew wartet gespannt auf die Ton- und Bildbeweise, die der Generalstaatsanwalt heute vorlegen will.

Stefan Scholl, Moskau

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