Israels Ultraorthodoxe nahmen Corona-Gefahr nicht ernst – das rächt sich jetzt

Die Hälfte der Coronafälle in Israel gehören zur religiösen Minderheit. Am Mittwoch ist ihr höchster Feiertag. Er wird zum schweren Test.

Judith Poppe aus Tel Aviv
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Die israelische Polizei führt in Jerusalem Ultraorthodoxe ab, die sich nicht an die Ausgangssperre hielten.

Die israelische Polizei führt in Jerusalem Ultraorthodoxe ab, die sich nicht an die Ausgangssperre hielten.

Bild: Getty Images (31. März 2020)

«Pessach, das höchste jüdische Fest, in dieser Zeit von Corona: Das macht mir Angst», sagt Yakov Eisenthal mit leiser Stimme am Telefon: «Ich muss meiner Familie etwas Besonderes bieten. Aber ich weiss nicht, wie ich das tun soll.»

Eisenthal lebt mit seiner Familie in der Stadt Bnei Brak neben Tel Aviv. 95 Prozent der Einwohner gehören ultraorthodoxen Gemeinden an. Sie benutzen koschere Handys ohne Internetzugang, besuchen ihre eigenen religiösen Schulen und folgen ihrem eigenen Gerichtssystem.

Die engmaschigen Gemeinschaften erweisen sich als besonders anfällig für das Coronavirus. Bnei Brak ist zu einer Hochburg der Coronapandemie geworden. Jeder dritte Getestete hier ist positiv, die Infektionsrate ist fünfmal höher als im Rest des Landes. Etwa die Hälfte der Coronapatienten sind Ultraorthodoxe, dabei machen sie nur 12 Prozent der israelischen Bevölkerung aus.

Hunderte Ultraorthodoxe tanzten Arm in Arm

Über 7000 Israelis sind infiziert, 37 sind an Covid-19 gestorben. Das ist vergleichsweise wenig für ein Land mit knapp 9 Millionen Einwohnern. Israel hat früh drastische Massnahmen ergriffen. Doch die ultraorthodoxen Gemeinschaften haben sich dagegen gesperrt und sie erst mit Verspätung umgesetzt. Das könnte alle Bemühungen zunichtemachen.

In normalen Zeiten würden derzeit die Bürgersteige von Bnei Brak vor Menschen bersten, die noch die letzten Einkäufe vor dem höchsten ihrer Feiertage machen. Dieses Jahr trifft man nur den einen oder anderen Mann mit Schläfenlocken oder vereinzelte Frauen mit langem Rock und Perücke, die noch die letzten Einkäufe machen: Mazza, das ungesäuerte Brot, Eier, koscheren Wein und Gemüse.

Vor einer Woche sah das Bild hier noch ganz anders aus. Als andere Israelis schon nicht mehr die Häuser verliessen, haben die Rabbis von Bnei Brak unisono verkündet, dass die religiösen Schulen nicht geschlossen werden dürfen. Abraham Rubinstein, der Bürgermeister, hat eine grosse Hochzeit vor seinem Haus abgehalten.

Hunderte von Ultraorthodoxen tanzten Arm in Arm. Rubinstein und seine Frau sind inzwischen beide positiv getestet worden. Das hat auch bei vielen Ultraorthodoxen zum Umdenken geführt.

«Die grösste Herausforderung ist nun Pessach», sagt Gilad Malach, Experte für Ultraorthodoxe am Israelischen Demokratieinstitut. Das Fest beginnt am kommenden Mittwoch mit dem Sederabend, zu dem normalerweise die Grossfamilie zusammenkommt.

Das ist in diesem Jahr verboten. Hält sich die Bevölkerung nicht daran, könnte dies fatale Folgen haben.«Für die Ultraorthodoxen müssen jetzt sehr genaue Regeln erstellt werden», erklärt Malach.

Einige wenig hilfreiche Richtlinien haben die Rabbis bereits erlassen: Videokonferenzen zum Sederabend etwa sind verboten. Diese würden gegen das jüdische Gesetz verstossen. Im Kampf gegen die schmerzhafte Einsamkeit müssten andere Lösungen gefunden werden.

Lösung: Der Messias soll Heilung bringen

Gesundheitsminister Yakov Litzman, der selber einer ultraorthodoxen Gemeinde angehört, hat vor zwei Wochen noch den Messias als wirksames Mittel gegen Corona ins Feld gebracht. Anfang dieser Woche hat er nun zu anderen Massnahmen geraten und empfohlen, die stark betroffene Stadt Bnei Brak abzuriegeln. Bürgermeister Rubinstein widersetzt sich Litzmans Vorstoss mit harschen Worten: «Verwandelt Bnei Brak nicht in ein Ghetto. Eine Abriegelung wird die Krankheit nicht heilen.»

Ob abgeriegelt oder nicht: Es wird wohl der traurigste Sederabend seit langem sein. Für Eisenthal und die Ultraorthodoxen von Bnei Brak genauso wie für die allermeisten anderen Juden der Welt.

Israelisches Start-Up kündigt erste Impftests für 1. Juni an

Erste Impftests am 1. Juni Rund 100 Forscherteams sind derzeit weltweit daran, einen Impfstoff gegen das Coronavirus zu entwickeln. Auch das israelische Start-up Migal arbeitet mit Hochdruck an einem Impfstoff und will bereits am 1. Juni mit Tests an Menschen zu beginnen.

Die Forscher haben kürzlich einen Impfstoff entwickelt, der bei Hühnern erfolgreich gegen einen bronchialen Virus angewandt wurde. Das Hühner-Virus hat eine hohe genetische Ähnlichkeit zum Coronavirus. Diese Ähnlichkeit erhöhe die Wahrscheinlichkeit, in «kurzer Zeit» ein Corona-Impfstoff für den Menschen entwickeln zu können, sagt Migal.