Deutschland
Umstritten: Hitlers Hetzschrift «Mein Kampf» neu aufgelegt

Bayern will eine kommentierte Ausgabe von «Mein Kampf» herausgeben. Die Neuauflage von Hitlers Buch ist in Deutschland zum Politikum geworden.

Christoph Reichmuth, Berlin
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Werbeplakat für «Mein Kampf» im Jahr 1934 in Mannheim.

Werbeplakat für «Mein Kampf» im Jahr 1934 in Mannheim.

KEYSTONE

70 Jahre nach dem Tod von Adolf Hitler laufen Ende dieses Jahres die Urheberrechte an «Mein Kampf» aus. Um zu verhindern, dass die völkische Hetzschrift des selbst ernannten Führers ohne Anmerkungen einfach nachgedruckt werden kann, arbeitet das Institut für Zeitgeschichte der Universität München (IfZ) seit mehreren Jahren an einer kommentierten Ausgabe des 780-seitigen, in zwei Bänden erschienenen Werkes.

«Mein Kampf»

Hitler hatte «Mein Kampf» Anfang der 1920er Jahre während und nach der Haft im Gefängnis von Landsberg verfasst. Bis 1933 verkaufte sich das Buch lediglich 240 000 Mal. Nach Hitlers Ernennung zum Reichskanzler im Januar 1933 wurde das Buch zum Bestseller: Bis 1945 wurde «Mein Kampf» in 18 Sprachen übersetzt und über 12 Millionen Mal verkauft. Die zweibändige Neuerscheinung, die ab Anfang 2016 in Deutschland erhältlich sein wird, umfasst fast 2000 Seiten und ist mit über 3700 wissenschaftlichen Kommentaren versehen.

Jüdische Opfervereinigungen – sowohl in Israel als auch in Deutschland – hatten Seehofer gegenüber grosse Bedenken geäussert, dass das als gefährlich eingestufte Buch in Deutschland plötzlich wieder frei erhältlich sein soll. «Ich kann nicht einen NPD-Verbotsantrag stellen und anschliessend geben wir sogar noch unser Staatswappen her für die Verbreitung von ‹Mein Kampf› – das geht schlecht», begründete Seehofer seine Entscheidung.

Eigentlich eine «Anti-Hitler-Schrift»

Das Institut für Zeitgeschichte liess sich davon allerdings nicht beirren. Das Historiker-Gremium setzte seine Arbeit fort. Der Historiker Andreas Wirsching, Leiter des IfZ, begründete gegenüber der «Zeit»: «Ein Verbot ist nicht mehr als Symbolpolitik. Und Symbolpolitik am falschen Ort, weil sie nur der Mystifizierung dieses Buches dient.» In unzähligen Kommentaren würden Hitlers teilweise auf Lügen und Halbwahrheiten basierende Thesen wissenschaftlich widerlegt. «Was wir herausbringen, ist eine Anti-Hitler-Schrift. Wir wollen Hitler umzingeln.» Hitlers Werk werde es niemals in die Bestseller-Liste des Buchhandels schaffen, beteuert das IfZ. Das Buch gelte als unlesbar, Hitlers Schreibstil sei langatmig, ermüdend und redundant.

Der Widerstand gegen Neuauflagen der «Bibel des Nationalsozialismus», wie «Mein Kampf» genannt wurde, bleibt trotz der Beschwichtigungen der Münchner Wissenschafter gross. Die Auschwitz-Überlebende Esther Bejarano, einstiges Mitglied im Auschwitz Mädchenorchester, zeigt sich gegenüber der «Nordwestschweiz» empört.

«Eine Schande»

«Dieses Buch neu aufzulegen, ist eine riesige Sauerei. Ein solches Werk darf in Deutschland nicht mehr herausgegeben werden», sagt die in Hamburg lebende Bejarano, die im Holocaust Vater, Mutter und Schwester verloren hat. «Das ist einfach nicht in Ordnung, ganz egal, wie viele Wissenschafter hier ihre Kommentare dazu abgegeben haben.» Dass just in Zeiten, in denen wieder Flüchtlingsheime in Deutschland brennen würden, über eine Neuveröffentlichung von Hitlers Rassenwahn-Theorie diskutiert werde, sei «eine Schande». «Schauen Sie doch mal, was in unserem Land wieder passiert. Es laufen immer noch Nazis herum, und jetzt wollen wir dieses Buch wieder herausgeben?», sagt Bejarano und schliesst: «Dieses Buch ist und bleibt gefährlich.»

Hitlers «Mein Kampf» ist theoretisch seit Jahren erhältlich. Etliche Exemplare, auch in englischer oder spanischer Sprache, finden sich im antiquarischen Buchhandel. Auch über das Internet ist das Werk des Diktators einsehbar. Mit Ausnahme der kommentierten Auflage des IfZ sollen keine weiteren Nachdrucke erlaubt werden.