UMSTURZ: «Mursi tat nichts für Ägypten»

Der Sturz des ägyptischen Präsidenten sei das Beste, was dem Land passieren konnte, sagt Samih Sawiris. Er ist erleichtert, bald wieder ohne Bedenken in seine Heimat reisen zu können.

Interview Roman Schenkel
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In Kairo ist es erneut zu Krawallen gekommen. Ein Demonstrant hält ein Bild von Ex-Präsident Mohammed Mursi hoch. (Bild: Keystone)

In Kairo ist es erneut zu Krawallen gekommen. Ein Demonstrant hält ein Bild von Ex-Präsident Mohammed Mursi hoch. (Bild: Keystone)

Samih Sawiris, wo haben Sie vom Militärputsch erfahren?

Samih Sawiris*: Ich bin zurzeit in Griechenland, wie immer im Juli. Hier habe ich die Ereignisse in meinem Heimatland permanent im Fernsehen und Internet verfolgt. Militärputsch ist aber der falsche Begriff. Der Aufstand ging ja vom Volk aus, nicht vom Militär. 20 Millionen Menschen sind im ganzen Land auf die Strasse gegangen. Die Armee hat mit ihrem Einschreiten Schlimmes verhindert. Stellen Sie sich das Blutbad vor, wenn es zu Zusammenstössen zwischen 20 Millionen Demonstranten und mehreren hunderttausend Islamisten gekommen wäre.

Was waren Ihre ersten Gedanken nach dem politischen Umsturz?

Sawiris: Für mich war es ein Gefühl, wie wenn ein Kind, das entführt wurde, wieder zurückkehrt. Die Situation war zuletzt absolut hoffnungslos. Niemand konnte ahnen, dass es so schnell gehen würde. Auch mich hat es überrascht, dass der Aufstand so gross wurde, dass sich so viele Leute beteiligten, dass ein so grosser Druck auf die Militärführung entstand, einzugreifen und Mursi zu entmachten.

Sie haben Mursi wiederholt kritisiert. Was hat er alles falsch gemacht?

Sawiris: Die Wahlverlierer in Ägypten -zu denen zähle auch ich – hatten sich nach der Wahl mit Mursi abgefunden. Wir haben ihn toleriert, auch wenn wir ihn nicht unterstützt hatten. Nach der Wahl tat er aber nichts für das Land. Nichts für die Menschen und nichts für die Wirtschaft. Er löste die grossen Probleme, die Ägypten hat, nicht einmal ansatzweise. Das Einzige, was er wollte, war die totale Machtkontrolle. Überall hatte er die wichtigen Posten mit seinen – oft unfähigen – Leuten besetzt. Das hat das Land und seine Wirtschaft kaputt gemacht. Hinzu kommt, dass die Muslimbrüder Minderheiten unterdrückt und den Frauen ihre Rechte gestohlen haben.

Faktisch war er aber doch der demokratisch gewählte Präsident. Ist das demokratische Experiment am Nil, begonnen 2011, gescheitert?

Sawiris: Die Wahl war nicht wirklich demokratisch. Wir Ägypter hatten vor einem Jahr zu entscheiden zwischen einer Kopie des ehemaligen Diktators Mubarak und Mursi. Diese Wahl war einzig darauf angelegt, dass Mursi Präsident wird. Hinter seiner äusserst knappen Wahl stehen viele Fragezeichen.

Wie soll es nun weitergehen?

Sawiris: Das Militär wird nicht lange an der Macht bleiben. Das will das Volk auch gar nicht. Es hat seine Lehren aus der Vergangenheit gezogen. Es sollen bald Wahlen stattfinden und eine Zivilregierung installiert werden. Ich hoffe, dass sich das Volk nicht erneut von einem religiösen Führer blenden lässt.

Glauben Sie denn, dass die Wahlen dieses Mal demokratischer werden?

Sawiris: Diesmal wird es sauberer ablaufen, davon bin ich überzeugt. Alle Parteien und Gruppen werden ihre Chance bekommen, ihre Kandidaten vorzustellen.

Trauen Sie dem Militär und dem Übergangspräsidenten zu, Ruhe ins Land zu bringen?

Sawiris: Ja, ganz sicher. Wer die Bevölkerung, die Armee und die Polizei hinter sich hat, wird schnell für Ordnung sorgen können. Dagegen können die Muslimbrüder nicht viel ausrichten.

Ihr Bruder hat nach Mursis Sturz getwittert: «Ägypten kann für die ganze Welt immer noch als ein schönes Modell für Zivilisation dienen.» Wie hat er das gemeint?

Sawiris: Schauen Sie nach Libyen oder noch schlimmer nach Syrien. Jeder Tote ist einer zu viel, trotzdem kann man sagen, dass der Umsturz in Ägypten einigermassen zivilisiert über die Bühne ging. Die Leute sind mit aller Macht auf die Strasse gegangen, damit die Pharaonen da oben sie hören konnten.

Was heisst der politische Umsturz für Ihre Familie? Sie haben nach der Machtergreifung dem Land praktisch den Rücken gekehrt.

Sawiris: Das letzte Jahr war auch für mich und meine Familie ein Albtraum. Nun ist mein Zuhause wieder mein Zuhause. Endlich muss ich keine Angst mehr haben, plötzlich verhaftet zu werden. Ich kann es kaum erwarten, nach Hause zu fahren.

Wann werden Sie zurückkehren?

Sawiris: Möglichst bald.

Was heisst der Umschwung für die Tourismusbranche?

Sawiris: Der Sturz Mursis ist das Beste, was Ägypten passieren konnte. Sobald Ruhe einkehrt, wird es mit der Wirtschaft und vor allem mit dem Tourismus wieder aufwärtsgehen. Die Touristen werden hoffentlich schon bald nach Ägypten zurückkehren.

Was gut wäre für Ihr Unternehmen Orascom?

Sawiris: Da bin ich sehr zuversichtlich. Wir haben inzwischen 1000 Zimmer mehr in Ägypten, und wenn es wieder ruhiger wird, werden wir schnell bessere Zahlen schreiben.

Muss man keine Anschläge durch Islamisten befürchten?

Sawiris: Ich rechne schon mit Störfeuern, aber nicht mit Bombenanschlägen oder Attacken. Sehen Sie, das Leben von Ägypten hängt ab vom Tourismus. Alles, was die Islamisten gegen die Haupteinnahmequelle des Landes unternehmen werden, wird noch mehr Hass und Groll in der Bevölkerung hervorrufen. Das wissen die Islamisten ganz genau. Zu kleineren Demonstrationen oder Streiks wird es aber kommen.

Was sagen Sie Reisenden, die nun von Ferien in Ägypten absehen wollen?

Sawiris: Die Badeorte am Roten Meer, das kann ich ohne Bedenken sagen, sind absolut sicher. Kairo aber würde ich meiden. Da wird es auch in nächster Zeit zu Demonstrationen kommen. Zudem ist viel Polizei und Militär präsent. Das macht für Touristen keinen Sinn.

Hinweis

* Der ägyptische Unternehmer Samih Sawiris (56) ist Präsident des Tourismusunternehmens Orascom. Sawiris ist in der Schweiz vor allem aufgrund seines Tourismusprojekts Andermatt Swiss Alps im Kanton Uri bekannt.