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UMWELT: Das Klima retten – aber wie?

Die internationale Gemeinschaft hat sich vor ein paar Tagen in Paris zu einem weiteren Klimagipfel getroffen. Die Massnahmen blieben wenig konkret. Was aber kann der Einzelne für den Klimaschutz tun? Weniger reisen? Auf Fleisch verzichten? Nur ein Kind zeugen?
Gregory Remez
Extremereignisse wie Hurrikans rücken den Klimawandel ins Bewusstsein. (Bild: Alan Diaz/AP (Big Pine Key/Florida, 13. September 2017))

Extremereignisse wie Hurrikans rücken den Klimawandel ins Bewusstsein. (Bild: Alan Diaz/AP (Big Pine Key/Florida, 13. September 2017))

Gregory Remez

Es passiert schleichend, doch so langsam nistet es sich ein, dieses unbehagliche Gefühl von Verantwortung. Verantwortung für etwas, wofür es im Deutschen zwar mittlerweile einen konkreten Begriff gibt, der aber nichts Konkretes, nichts Greifbares meint, sondern ein Konglomerat diffuser Ursache-Wirkungs-Mechanismen umschreibt: Der Klimawandel dringt immer tiefer in unser Bewusstsein, nicht nur als Schlagwort. Er schwebt über uns wie das Schwert über Damokles’ Haupt und fällt immer dann, wenn ein neues Extremereignis die Schlagzeilen dominiert – ein Bergsturz in den Alpen, ein Wirbelsturm in der Karibik, eine Überschwemmung in Südostasien. Fast schon reflexartig drängt sich dann die Frage auf: Ist er, also der Klimawandel, dafür verantwortlich? Wobei sich immer deutlicher abzeichnet, dass wir selbst gemeint sind. Unsere Frage müsste daher ehrlicherweise lauten: Inwiefern sind wir verantwortlich?

Altbekannte Floskeln an den Klimakonferenzen

Bei der Antwort darauf ist sich die Wissenschaft inzwischen erschreckend einig. Sie sieht die Klimaerwärmung als eine der grössten Herausforderungen unserer Zeit. Konsens herrscht auch bei der Handlungsdringlichkeit: Werden nicht schnell Massnahmen gegen die steigenden Temperaturen getroffen, werden die Folgen für Mensch und Natur fatal sein. Doch wie sehen diese Massnahmen aus? Wie sollen wir die spürbar wachsende Verantwortung für unseren Planeten wahrnehmen?

An der Bonner Klimakonferenz und letzte Woche beim One Planet Summit in Paris hat die internationale Gemeinschaft, ein wilder Verbund aus Regierungen, Nichtregierungsorganisationen und Privatunternehmen, einmal mehr formelhaft beteuert, sich «zu Gunsten des Klimas zu engagieren» und das «Zwei-Grad-Ziel umzusetzen». Auch Bundespräsidentin Doris Leuthard betonte die Wichtigkeit dieses Unterfangens – und bediente sich ebenfalls altbekannter Floskeln: «Nichts tun ist keine Option und würde uns teurer zu stehen kommen als entschlossenes Handeln.» Immerhin: In Paris konnten sich die Teilnehmer zu einer rechtlich unverbindlichen Erklärung durchringen, in der sie versicherten, mehr Druck auf Klimasünder unter den Industriefirmen ausüben zu wollen. Konkreter wurden sie allerdings nicht.

Heftige Kontroverse über «Kinder als Klimakiller»

Wer also nach Antworten auf die Frage sucht, wie sie oder er zum Umweltschutz beitragen kann, muss dies woanders tun. Etwa auf der Homepage des Bundesamts für Umwelt (Bafu), wo es zum Thema Umwelt heisst: «Klimaschutz ist keine Kunst. Alle können einen Beitrag leisten.» Mit «Klimatipps für den Alltag» werden konkrete individuelle Massnahmen zur persönlichen Reduktion der CO2-Emissionen präsentiert. Wer beispielsweise ein Jahr lang Wasser vom Hahn statt aus der Mineralflasche trinkt, spart 49 Kilogramm CO2 (siehe Grafik). Zum Vergleich: Ein Durchschnittsschweizer belastet die Atmosphäre jährlich mit rund 11,6 Tonnen CO2 – die grauen Emissionen eingerechnet, die mit importierten Gütern verbunden sind. Damit ist der Schweizer CO2-Ausstoss verglichen mit dem weltweiten Durchschnitt mehr als doppelt so hoch.

Noch einen Schritt weiter ging eine im Juli dieses Jahres veröffentlichte, vieldiskutierte Studie zum Thema Umweltschutzmassnahmen. Ein schwedisch-kanadisches Forscherduo kam darin zum Schluss, dass es neben dem Verzicht auf Fleisch, das eigene Auto sowie regelmässige Flugreisen noch eine wesentlich effizientere Methode gibt, seinen persönlichen CO2-Ausstoss zu reduzieren: den Verzicht auf Nachwuchs. Denn nichts, so die Argumentation der Wissenschafter, beeinflusse den Klimawandel so sehr wie eine Überbevölkerung der Welt; man erinnere sich an die abgeschmetterte Ecopop-Initiative 2014 oder den vielfach geächteten Vorschlag des renommierten Club of Rome, finanzielle Anreize für Paare zu schaffen, die kinderlos bleiben oder sich für maximal ein Kind entscheiden.

Auch wenn diese Tatsache gerne ausgeblendet, mitunter auch tabuisiert wird: Mehr Menschen bedeuten eine höhere Nachfrage nach Wohnraum, nach Energie, nach Infrastrukturen und Ressourcen aller Art. Doch Kinder als Klimakiller? Der neuen Berechnung der Studienautoren zufolge liessen sich mit jedem Baby weniger auf der Welt mehr als das Fünffache des CO2-Jahresausstosses eines erwachsenen Schweizers sparen. Wenig überraschend sorgte diese provokante Schlussfolgerung für eine Kontroverse – und für noch mehr Verwirrung. Was denn nun: Weniger reisen? Auf Fleisch verzichten? Oder tatsächlich weniger Kinder kriegen? «Alles wichtige Fragen», sagt Reto Knutti, Professor für Klimaphysik an der ETH Zürich. «Sie führen jedoch allesamt in die Irre. Sofern man sie wie üblich auf den CO2-Ausstoss reduziert, suggerieren sie, dass es bei den Herausforderungen des Klimawandels nur um die Begrenzung von Treibhausgasen geht.» Dabei hat die Problematik noch andere Dimensionen wie die Erhaltung der Biodiversität, Schutz von natürlichen Böden, Beendigung der Förderung endlicher Ressourcen, Bereitstellung von sauberem Trinkwasser oder Umgang mit Klimamigration. Nicht umsonst werden Herausforderungen wie der Umweltschutz in der Forscherwelt als «verzwickte Probleme» ohne klare Fragestellung und Lösung bezeichnet.

Klimaexperte fordert mehr Besonnenheit statt Alarmismus

Die Fokussierung auf Treibhausemissionen verleite dazu, zwischen Teilen des Problems abzuwägen, statt es in seiner Gesamtheit zu betrachten, sagt Knutti. «Oft betreiben wir Symptom- statt Ursachenbekämpfung, zerbrechen uns also den Kopf über irgendwelche Obergrenzen, statt bestimmte Handlungsweisen wie unsere Konsumgewohnheiten zu hinterfragen.» Knutti rät daher zu mehr Besonnenheit anstelle von Alarmismus. «Klar, die Zeit drängt. Doch keine gesellschaftliche Herausforderung liess sich je mit Hilfe eines Masterplans lösen.»

Statt also Energie darauf zu verschwenden, nach einem solchen zu suchen, sollten wir den Umweltschutz als sukzessiven Prozess verstehen, wo – wann immer es nötig wird – am Massnahmenkomplex geschraubt werden kann. «Prognosen sind wenig zielführend. Dafür dreht sich die Welt heute zu schnell», sagt Knutti. Im 19. Jahrhunderts beispielsweise wurden Pferdeexkremente als riesige Herausforderung angesehen. Man befürchtete, dass sich diese ohne Regulierungen irgendwann meterweise in den Gassen stapeln würden. Niemand konnte ahnen, dass nur wenige Jahrzehnte später die Erfindung des Verbrennungsmotors die Sorge obsolet machen würde. Das soll nun kein Freibrief dafür sein, sich zurückzulehnen und auf den Erfindergeist anderer zu vertrauen. Im Gegenteil: Statt unsere Ziele in eine abstrakte Zukunft zu projizieren, von der wir ohnehin nicht wissen, wie sie aussehen wird, sollten wir uns schon jetzt auf die Suche nach kreativen Lösungen begeben. Förderlich wären dabei auch Impulse von der Politik.

Das Wasser vom Hahn trinken und möglichst wenig fliegen

Was also kann der Einzelne abseits von abstrakten Zwei-Grad-Zielen nun tun? «Alles. Und am besten alles zusammen», sagt Knutti. «Die Massnahmen sind bekannt – auch für die Schweiz: Recycling von Papier, Karton, Altglas, Plastik, Batterien; Energie- und Wassersparen im Haushalt, etwa beim Waschen oder durch die Installation von Sparlampen; möglichst auf das Heizen mit Öl oder Gas verzichten; Wasser vom Hahn trinken; vegetarisch und, wenn möglich, mit Produkten aus der Region ernähren; Umsteigen auf öV und Velo; Fliegerei und Hauslieferungen einschränken.»

Jedoch bringe es nichts, diese hinsichtlich ihrer CO2-Einsparungen gegeneinander aufzuwiegen. Kinder und Autos lassen sich nicht miteinander vergleichen, schon allein aus zeitperspektivischen Gründen. «Man kann sich aber durchaus über heikle Themen wie das Bevölkerungswachstum unterhalten und trotzdem das Licht löschen, wenn man den Konferenzraum verlässt», sagt Knutti. «Eigentlich haben wir alle Informationen, die es für die Einleitung einer Veränderung braucht. Das Bewusstsein ist da. Jetzt gilt es erst einmal zu handeln.» Wie dieses Handeln im Detail aussieht, muss letztlich jeder für sich entscheiden. Mit dem Bewusstsein wächst auch die Verantwortung des Einzelnen. Nur: Erdrücken lassen sollte man sich von ihr nicht.

THE_Oekologischer_Fussabdruck_18_12_17.eps (Bild: Bogner Stefan)

THE_Oekologischer_Fussabdruck_18_12_17.eps (Bild: Bogner Stefan)

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