Propaganda
Undercover-Praktikant spioniert russischen Staatssender «RT» aus: «Die Wahrheit wird aufgelöst»

Was ist vom staatlich-russischen Auslandsender «RT» (ehemals Russia Today) zu halten? Für die einen ist er Putins Propaganda-Schleuder, für die anderen eine wertvolle Ergänzung in der generell Russland-kritischen Medienlandschaft des Westens. Dazwischen gibt es fast nichts.

Kian Ramezani
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Das Büro von «RT Deutsch»-Mitarbeitern in Berlin. Hier absolvierte der Undercover-Journalist ein Praktikum.

Das Büro von «RT Deutsch»-Mitarbeitern in Berlin. Hier absolvierte der Undercover-Journalist ein Praktikum.

Screenshot Youtube (RT Deutsch)

Vor diesem Hintergrund hat Martin Schlak etwas sehr Verdankenswertes getan: Der deutsche Reporter absolvierte im Büro der deutschsprachigen Ausgabe von «RT» in Berlin ein dreiwöchiges Praktikum – undercover, denn Schlak ist Reporter beim Magazin «Neon». In seiner am Montag veröffentlichten Reportage beschreibt er, was er da gesehen und erlebt hat.

Auf den ersten Blick sah alles aus wie auf einer beliebigen Redaktion in Deutschland. «Wodka im Gefrierfach» habe es auf jeden Fall keinen gehabt. Ebenso wenig sei der Chef «mit entblösster Brust auf einem Bären» eingeritten. Seine Kollegen, darunter ein ehemaliger Redakteur der linken «TAZ», ein ehemaliger Bundestagsmitarbeiter der Partei «Die Linke» sowie ein Soziologe und Friedensaktivist, hätten ihn nett begrüsst und willkommen geheissen.

Russland ist das «Opfer»

Die von ihm beschriebene Themenauswahl einer Morgensitzung während den Olympischen Spielen in Rio entsprach hingegen ziemlich genau seinen Erwartungen: Türkei kritisiert NATO, Russland tötet syrische Terroristen, US-Frauen-Staffel verliert den Stab und darf Rennen trotzdem zu Ende laufen.

Dann passiert die Sache mit dem syrischen Jungen Omran, dessen blutverschmiertes Gesicht im Krankenwagen um die Welt ging. Hierzu titelte «RT»: «Kontakte zu Extremisten: Wer ist der Fotograf von syrischem Jungen Omran?»

Plötzlich sei nicht mehr Omran das Opfer, sondern Russland. Das «Opfer antirussischer Propaganda». Wie kommt ein fabrikneuer Krankenwagen ins zerstörte Aleppo? Und warum waren all die Kameras da? Schlak kommt ins Grübeln. «Ich bekomme Zweifel an dem, was ich selbst für wahr halte. Wer lügt hier, und wer schreibt die Wahrheit? Ich weiss es nicht mehr. Erst später, als ich darüber nachdenke, merke ich, dass ich nun dort bin, wo Russia Today mich haben möchte.»

Schlak wendet sich an einen Psychologen seines Vertrauens und einen Experten für das Verhalten von Menschen in Gruppen. Der erklärt ihm, dass man abstruse Dinge behauptet, wenn zuvor alle anderen in seiner unmittelbaren Nähe das Gleiche behauptet haben.

Chef ignorierte «westliches Thema»

Der «Spion» entschliesst sich zu einem Experiment. Er unterbreitet Chefredakteur Ivan Rodionov einen Themenvorschlag, der nicht ins «Beuteschema» von «RT» passt: Russische Söldner in Syrien, was laut Verfassung verboten wäre. Rodionov habe gelacht, das sei ein alter Hut und längst als westliche Propaganda enttarnt.

Schlak insistiert, die Recherchen seien neu und kämen von einer Kreml-kritischen russischen Nachrichtenagentur. Rodionov versprach, sich die Meldung anzusehen. Erwähnt habe er sie nie mehr.

Dafür habe Rodionov an anderer Stelle interveniert: An seinem letzten Tag – das Angebot für eine Festanstellung hatte er ausgeschlagen – wurde Schlaks Interview mit einem Abgeordneten der Partei «die Linke» gesendet. Dieser behauptete, der Bundesverfassungsschutz habe ihn jahrelang überwacht. In der Anmoderation des Beitrags wollte der Chef drei zusätzliche Worte.

Aus «Wenn eine Partei die freiheitlich-demokratische Grundordnung gefährdet, schaltet sich der Verfassungsschutz ein» wurde so «Wenn eine Partei die freiheitlich-demokratische Grundordnung – seiner Ansicht nach – gefährdet, schaltet sich der Verfassungsschutz ein.»

«RT» reagiert gelassen

Schlaks Fazit nach drei Wochen: «Der Konferenztisch im ersten Stock, hier in der Redaktion in Berlin, ist nicht der Ort, an dem Lügen entstehen. Es ist der Ort, an dem Zweifel gestreut werden. Hier entsteht keine Wahrheit, hier wird Wahrheit aufgelöst.»

«RT Deutsch» nimmt die Infiltration durch «Neon» vordergründig gelassen und benutzt die Geschichte, um neue Praktikanten anzuwerben:

In einem Kommentar mit dem Titel «Ein Maulwurf bei RT Deutsch: NEON-Journalist spionierte die Redaktion aus» äussert sich das Medium zum Coup und verteilt sogar ein bisschen Lob: «Dass David einen anderen Weg der Recherche gewählt hat und sich drei Wochen lang einen direkten Eiblick bei «RT» verschaffte, ist trotz des Vertrauensbruchs letztlich lobenswert.»

Aber «RT» wäre nicht «RT», wenn der englischsprachige Dienst nicht etwas anders über die Infiltration berichten würde.