Konflikt
Unerwartete Wende zwischen Nordkorea und USA – warum ein Land nicht glücklich damit ist

Die plötzliche Trendwende im Konflikt zwischen Nordkorea und den USA versetzt die Welt in Staunen. Ein Land aber ist gar nicht glücklich mit den Entwicklungen.

Felix Lee aus Peking
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Die Annäherung der beiden Atommächte macht auch in Südkorea Schlagzeilen. Auf dem Bild die Zeitung «Munhwa Ilbo».Getty Images

Die Annäherung der beiden Atommächte macht auch in Südkorea Schlagzeilen. Auf dem Bild die Zeitung «Munhwa Ilbo».Getty Images

Bloomberg via Getty Images

So schnell kann sich das Blatt wenden: Noch vor einigen Monaten verspottete US-Präsident Donald Trump den nordkoreanischen Machthaber Kim Jong Un als «kleinen Raketenmann» und drohte mit der «völligen Zerstörung» Nordkoreas. Kim Jong Un wiederum bezeichnete Trump als «dementen US-Greis» und drohte mit einem Flammenmeer auf US-Militärbasen. Nun wollen sich die beiden Streithähne plötzlich persönlich treffen.

Das Weisse Haus bestätigte die zuvor gemachten Angaben des Nationalen Sicherheitsberaters von Südkorea, Cheung Eui Yong. Dieser sagte, Kim sei geradezu erpicht darauf, Trump zu begegnen. Cheung war Anfang der Woche zu Besuch in Nordkoreas Hauptstadt Pjöngjang und hat dort mit Kim gesprochen. Cheung konnte Kims Angebot am Donnerstag persönlich dem US-Präsidenten überbringen.

Das Treffen soll nach Angaben des Weissen Hauses noch im Mai stattfinden. Wo, das ist bislang noch nicht bekannt. Dem «Blick» zufolge kam die Schweiz als Treffpunkt infrage. «Die Schweiz ist mit allen beteiligten Parteien im Gespräch», sagte Carole Wälti, Sprecherin des Eidgenössischen Departements des Äusseren (EDA). Die Schweiz würde sich auch deswegen als Austragungsort anbieten, weil Kim ein paar Jahre seiner Schulzeit in der Eidgenossenschaft verbracht hat.

Wie ein Wunder

Es ist eine unerwartete Wendung in einem der bedrohlichsten Konflikte der Welt. Noch Ende des Jahres schien ein bewaffneter Konflikt nahe. Trump hatte mehrfach mit Militärschlägen gedroht, sollte der nordkoreanische Machthaber an seinem Raketen- und Atomwaffenprogramm festhalten. Kim hatte zuletzt im November eine Langstreckenrakete getestet, die wahrscheinlich sogar die USA treffen könnte. Nach diesem Test hatte Kim sein Land zu einer Atommacht erklärt. Die USA wiederum sorgten dafür, dass die Vereinten Nationen gegen Nordkorea die strengsten Sanktionen erlassen, die je gegen ein Land verhängt worden sind.

Südkoreas Präsident Moon Jae In sagte, das Treffen zwischen Trump und Kim werde ein «historischer Meilenstein sein, um Frieden auf der koreanischen Halbinsel zu schaffen». Sein Sicherheitsberater Cheung hatte bei seinem Besuch am Dienstag auch ein Treffen zwischen Kim und Moon eingefädelt. Dieses Treffen soll noch im April stattfinden. Eine «vollständige Denuklearisierung der Halbinsel» rücke in Reichweite, sagte Moon optimistisch. Die geplante Begegnung sei «wie ein Wunder».

Trump beteuerte auf Twitter, Kim habe gegenüber dem südkoreanischen Sicherheitsberater explizit von einer «Denuklearisierung» gesprochen, und nicht nur von einem «Einfrieren des Atomwaffenbestands». Das sei für die US-Regierung Bedingung gewesen, mit Kim ins Gespräch zu kommen. Trump will die Sanktionen aber aufrechterhalten, bis eine Abmachung erreicht sei.

Sollte Kim das wirklich so angeboten haben – und darauf deutet derzeit vieles hin –, hat er damit eine Wende vollzogen, mit der bis vor kurzem kaum jemand gerechnet hatte. Denn eine Denuklearisierung hiesse nicht nur, dass Kim sämtliche bereits hergestellten Atombomben herausgeben müsste. Er müsste auch seine Raketen zerlegen lassen, den Reaktor Yongbyon herunterfahren und regelmässig Inspektoren ins Land lassen. Südkorea zufolge hat er all das genau so angeboten. Was er ausser Sicherheitsgarantien im Gegenzug verlangte, hat Südkorea nicht bekannt gegeben. Auch Nordkorea hält sich offiziell bedeckt.

Kim machte ersten Schritt

Südkoreas Präsident Moon, der erst seit vergangenem Mai im Amt ist, hatte zwar im Umgang mit dem nördlichen Nachbarn die harte Linie seiner Vorgängerin beendet und dem Regime in Pjöngjang mehrfach Gespräche angeboten. Auch die Einladung an Nordkorea zur Teilnahme an den Olympischen Winterspielen im Februar geht auf Moon zurück. Doch der entscheidende Schritt der Annäherung der beiden verfeindeten Staaten ging von Kim aus. In seiner Neujahrsrede hatte der Diktator erstmals den Willen einer Annäherung geäussert. Moon ergriff die Chance und ging auf das Angebot sofort ein.

Ein Grund für Kims Wandel könnten aber auch die von den UN verhängten Sanktionen sein. Angeblich ist die Wirtschaft des ohnehin ausgemergelten Landes im letzten Quartal 2017 um eine zweistellige Prozentzahl eingebrochen.

Japan, Washingtons wichtigster Verbündeter in der Region, begrüsste die Annäherung und das geplante Treffen. Auch China zeigte sich offiziell zufrieden. Alle Beteiligten müssten jetzt «politischen Mut» beweisen und die «richtigen Entscheidungen» treffen, teilte der chinesische Aussenamtssprecher Geng Shuang mit. Aus westlichen diplomatischen Kreisen in Peking ist allerdings zu vernehmen, dass Chinas Führung alles andere als erfreut ist über die jüngste Entwicklung. Peking erachtet die koreanische Halbinsel als seine Einflusssphäre. Kim aber hat den sozialistischen Bruderstaat konsequent herausgehalten. Das vermeintliche Wunder hat er ganz allein eingefädelt.