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Unglück am Djatlow-Pass im Ural: Neue Ermittlungen und 75 verschiedene Versionen

Die russische Staatsanwaltschaft rollt den geheimnisvollsten Unglücksfall der Sowjetzeit neu auf. Aber es ist fraglich, ob das Ergebnis den wilden Spekulationen über die Ursachen der Katastrophe ein Ende machen wird.
Stefan Scholl, Moskau
Die Djatlow-Gruppe am 1. Februar 1959 beim Aufstieg auf den Berg Cholatschachl. (Bild: PD)Die Djatlow-Gruppe am 1. Februar 1959 beim Aufstieg auf den Berg Cholatschachl. (Bild: PD)
Igor Djatlow schwer bepackt zu Beginn des Abenteuers. (Bild: PD)Igor Djatlow schwer bepackt zu Beginn des Abenteuers. (Bild: PD)
Sowjetische Ermittler beim zerstörten Zelt. (Bild: PD)Sowjetische Ermittler beim zerstörten Zelt. (Bild: PD)
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75 Versionen vom Tod im Schnee

Täglich träfen neue Dokumente ein, er wisse schon viel, aber Details wolle er erst bekannt geben, wenn er «unwiderlegbare Fakten» habe, sagte Andrei Kurjakow, Dienstaufsichtschef der Staatsanwaltschaft in der Ural-Region Swerdlowsk vor Journalisten. Das grösste Geheimnis des 20. Jahrhunderts werde noch dieses Jahr gelöst. Die Staatsanwaltschaft rollt den Tod neun junger Skiwanderer unter Führung des Studenten Igor Djatlow im Februar 1959 neu auf. Sie starben in einer tödlichen Umgebung, im zwei Meter hohen Schnee des Nordurals, bei 25 Grad Minus. Trotzdem geriet ihr Untergang zum Mysterium. Ihre Leichen fand man über mehrere Quadratkilometer zerstreut, die meisten in Socken, einige mit inneren Blutungen, mehrere trugen radioaktiv befleckte Kleidung.

Aber es gab keine Verletzungen, die auf eine Gewalttat hinwiesen, keine Wertsachen waren verschwunden – die sowjetischen Ermittler stellten das Verfahren bald ein. Die russische Staatsanwaltschaft aber prüft jetzt 75 verschiedene Versionen. Auch sie favorisiert als Unglücksursache eine Naturkatastrophe, ob Lawine oder Schneesturm. Aber es gibt inzwischen ungezählte andere Theorien, es gibt Dutzende Bücher und Filme, Hunderte Artikel und Blogs über die Ursachen dieser so seltsamen Katastrophe. Bleibt abzuwarten, ob das neue Ermittlungsverfahren sie alle widerlegen wird.

Igor Djatlow, 23, und neun Kameraden, meist im gleichen Alter, darunter zwei Frauen, waren am 27. Januar 1959 auf Skiern zu einer 300 Kilometer langen Wanderung in der bergigen Taiga am Nordrand der Region Swerdlowsk aufgebrochen. Heute würde man Trekking dazu sagen, damals war es eine Expedition der dritten und schwersten Kategorie des sowjetischen Tourismusverbandes. Die Teilnehmer hatten sie politisch sehr korrekt dem 21. Parteitag der KPdSU gewidmet. Ein junges, sportliches, ehrgeiziges Team mit dem Selbstvertrauen mehrerer gemeisterter Extremrouten.

Einer kehrte schon am ersten Tag wegen einer Beinverletzung zurück, die übrigen zogen über zugefrorene Flüsse in Richtung des 1097 Meter hohen Berges Cholatschachl, «Berg der Toten» heisst er in der Sprache der einheimischen Mansen. An seinem Osthang, 300 Meter vom Gipfelgrat entfernt, bauten die neun am 1. Februar ihr Zelt auf, nach letzten Fotografien zu urteilen gegen 17 Uhr. Die Nacht sollte keiner überleben.

Das Zelt wurde mit einem Messer aufgeschlitzt

Suchmannschaften fanden das halb eingestürzte Zelt am 25. Februar unter einer 20 Zentimeter dicken Schneeschicht, die Plane war mit einem Messer mehrfach aufgeschlitzt worden. Die ersten beiden Leichen wurden am nächsten Tag an einem 1,5 Kilometer entfernten Waldrand entdeckt, in Unterwäsche. Der erfrorene Djatlow umarmte 300 Meter entfernt eine Birke, ebenfalls in Socken. Von den übrigen Toten trugen nur zwei warme Bekleidung und Stiefel, einige hatten Nasenbluten. Die vier letzten Opfer wurden erst im Mai in einer Schlucht entdeckt, mit Rippenbrüchen, Schädelfrakturen und inneren Blutungen.

Ein schauerliches Ende, über dessen Gründe bis heute heftig spekuliert und gestritten wird. Zahlreiche Augenzeugen hatten in der Todesnacht einen Feuerball über die Taiga fliegen sehen. Das und die Reste radioaktiver Strahlung auf mehreren Kleidungsstücken der Opfer führte schnell zu der Theorie, die Skiwanderer seien in die Erprobung einer neuartigen, womöglich atomaren Rakete geraten. Aber auch die Landung eines Spähtrupps von Ausserirdischen wurde nicht ausgeschlossen. Man verdächtigte einen aus dem Winterschlaf gerissenen und deshalb erbosten Bären, geflohene Sträflinge oder Yetis.

Und Anfang Januar erklärte ein Mann im Staatsfernsehen, ein Jäger habe ihm erzählt, die Gruppe Djatlow hätte eine heilige Opferstätte entweiht. Laut dieser Geschichte umstellte eine Gruppe seiner zornigen Landsleute nachts Djatlows Zelt, erst belegte ihr Schamane es mit einem bösen Zauber, dann erschlugen sie alle Insassen. Die toten Skiwanderer müssen für den TV-Tratsch auch auf anderen Kanälen herhalten, zurzeit sind zwei neue Filme über sie in der Mache. Ihre Katastrophe ist zur Industrie geworden, immer neue Wandergruppen starten zu Selbstversuchen Richtung «Berg der Toten». Internetforen diskutieren die Qualität ihrer Zeltplane. Und immer neue Versionen vermischen Möglichkeiten und Unmöglichkeiten, Psychologie und Parapsychologie.

Die Russen haben eine Neigung zum Fabelhaften, aber keineswegs alle. Trekkingfachleute verweisen auf eine Reihe schwerer Fehler, die Djatlow und seine Gruppe machten. So brachen sie am 1. Februar erst gegen 15 Uhr auf, gerieten schon nach wenigen Stunden in die Dämmerung, errichteten ihr Nachtlager am 30 Grad steilen, von Sturm und Lawinen bedrohten Berghang und nicht im nur 1,5 Kilometer entfernten Wald, in den sie später flohen.

Selbst Realisten wie Gennadi Schapkin, Moderator einer über tausendköpfigen Djatlow-Diskussionsgruppe im Sozialnetz Vkontakte, entdecken auch im Natürlichen Übernatürliches. «Es werden immer neue, zum Teil völlig fantastische Versionen aufgestellt, von Killerzwergen aus der Antarktis bis zur Einmischung der Geheimdienste», sagte er. Seiner Meinung nach sei das alles Unsinn. Er selbst favorisiert die Theorie des sowjetischen Staatsanwalts Lew Iwanow: «Die Studenten haben das Zelt wegen eines natürlichen Objekts verlassen, wegen eines Plasmoids, das explodierte, und einigen der Trekker tödliche Verletzungen beibrachte.»

Aber tatsächlich hat wohl kein wild gewordener Kugelblitz, sondern ein Schneesturm, ein Schneebrett oder eine Staublawine einen Teil des Zeltes eingedrückt. Nach den Ergebnissen der sowjetischen Ermittler schnitten die Insassen danach das Zelt von innen auf und flohen in Panik, sie irrten erfrierend durch den Schneesturm, handelten zusehends wirr. Und vier brachen durch die Schneeschicht über einer fünf Meter tiefen Schlucht ein, erlitten beim Absturz tödliche Verletzungen. Die Radioaktivität auf den Kleidern aber stammte wohl aus den atomaren Forschungsstätten, in denen mehrere der Opfer gearbeitet oder studiert hatten.

Trotzdem bleiben Rätsel. Warum etwa kletterten zwei der Trekker auf eine Zeder, um dort Zweige für ihr notdürftiges Lagerfeuer abzubrechen, während am Boden genug trockenes Unterholz stand? Und warum begannen laut den Akten die polizeilichen Ermittlungen schon am 6. Februar 1959? Obwohl die Gruppe erst am 12. Februar aus der Taiga zurückerwartet wurde. Aber das grösste Rätsel lautet: Was hinderte die halb angezogenen, vom Erfrierungstod bedrohten Menschen, nach dem ersten Schreck zu ihrem Zelt zurückzulaufen, um Stiefel, Kleider und Äxte zum Schlagen von Feuerholz zu bergen?

Wiederaufnahme des Verfahrens als reine PR-Show?

Staatsanwalt Kurjakow hat schon zu Beginn seiner Ermittlungen 15 der 75 Versionen als «konspirologisch» gestrichen: Sie alle hätten grundlos die sowjetischen Behörden geheimer Machenschaften verdächtigt. Im März aber will Kurjakow mit einer Expedition von Kriminalisten zum Unglücksort fliegen. Dabei halten viele Menschen in der Region Kurjakows Recherchen für überflüssig. «Es wird keine neuen Ergebnisse geben», sagt der Jekaterinburger Rechtsanwalt Sergei Kolosowski. «Sie erklären ja jetzt schon, die Unglücksursache sei Naturgewalt gewesen.»

Er hält die Wiederaufnahme des Verfahrens für reine PR. Und wenn russische Staatsanwälte ermittelten, käme dabei doch immer jene Wahrheit heraus, die ihnen ihr Chef im Voraus diktiert hätte. «Stattdessen sollten sie den Hinterbliebenen endlich vollständige Einsicht in die Dokumente des Falls gewähren, das ist deren verfassungsmässiges Recht.» Aber manche Geheimnisse der Gruppe Djatlow will die Staatsanwaltschaft wohl noch für sich behalten.

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