Nordafrika
Unkontrollierte Gefahr auch für Europa? Der Maghreb und seine Dschihadisten

Hunderte Radikale, die beim IS das Morden gelernt haben, kehren in ihre nordafrikanische Heimat zurück. Sie sind auch für Europa eine unkalkulierbare Gefahr.

Martin Gehlen, Kairo
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Aus Marokko und Tunesien stammen, gemessen an der Bevölkerungszahl, die meisten ausländischen IS-Kämpfer. (Symbolbild)

Aus Marokko und Tunesien stammen, gemessen an der Bevölkerungszahl, die meisten ausländischen IS-Kämpfer. (Symbolbild)

Keystone/AP/BILAL FAWZI

Seit den blutigen Attentaten in Casablanca im Jahr 2003 mit 45 Toten und in Marrakesch 2011 mit 17 Toten haben Marokkos Sicherheitsdienste die heimische Extremistenszene gut im Griff. Das 2015 gegründete «Zentralbüro für Justizuntersuchung» (BCIJ), eine Art marokkanisches FBI, konnte nach eigenen Angaben ein halbes Dutzend schwere Anschläge vereiteln, hob bisher 40 Terrorzellen aus und nahm rund 550 Verdächtige fest.

Erst im Juni gelang es, ein Attentat in Essaouira zu verhindern. Ein vierköpfiges Terrorkommando wollte sich beim Gnaoua-Musikfestival unter die Zuhörer mischen und möglichst viele mit in den Tod reissen. Das «marokkanische Woodstock» an der Altantikküste zieht jedes Jahr 300 000 Besucher an, ein Drittel kommt aus Europa. Marokkos Terrorfahnder jedoch kamen dem Quartett rechtzeitig auf die Schliche. Neben Waffen und Elektronikbauteilen fanden die Beamten ein Manifest der «Provinz des Islamischen Staates im Maghreb al-Aqsa», der historischen Bezeichnung von Marokko, in dem die Gotteskrieger dem IS-Kalifen Abu Bakr al-Baghdadi Gefolgschaft schworen und für Marokko den Dschihad ausriefen.

Gegen radikale Prediger gehen die Behörden ebenfalls mit grosser Härte vor. Gleichzeitig macht König Mohammed VI. als «Führer aller Gläubigen» Front gegen fundamentalistisches Gedankengut. So ordnete er an, die Schulbücher seines Landes «auf Inhalte zu überprüfen, welche zu Extremismus anstacheln könnten».

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Vor einem Jahr Tunesien

Mit den Attentaten in Spanien und Finnland, an denen überwiegend Marokkaner beteiligt waren, rückt die Dschihadistenszene der nordafrikanischen Monarchie jedoch wieder stärker in den Fokus. Ähnlich erging es vor einem Jahr Tunesien, als die Lastwagenanschläge in Berlin und Nizza plötzlich das Extremismus-Problem in dem kleinen Mittelmeeranrainer offenbarten.

Aus diesen beiden Maghrebstaaten stammen – gemessen an der Bevölkerungszahl – die meisten ausländischen Kämpfer des «Islamischen Staates». Von Marokko zogen seit 2014 mindestens 1600 junge Leute in den Dschihad nach Syrien und Irak. Zählt man die IS-Kämpfer aus europäischen Nationen mit marokkanischen Wurzeln hinzu, liegt die Zahl eher bei 2500. Aus Tunesien kamen nach Schätzungen der Vereinten Nationen sogar 5000 Dschihadisten, von denen allerdings ein beträchtlicher Teil in Libyen blieb.

Mit dem absehbaren Kollaps des «Islamischen Kalifates» stehen nun beide Nationen vor dem gleichen Problem. 1100 Extremisten sollen inzwischen zurückgekehrt sein – nach Marokko 300, nach Tunesien 800. Diese Zahl könnte sich in der kommenden Zeit deutlich erhöhen. Längst nicht alle werden von der Polizei gefasst. Viele tauchen unter, werden von ihren Familien gedeckt und bleiben so eine unkalkulierbare Gefahr – für das eigene Land und für Europa. Vor allem Frankreich, Deutschland, Spanien, Belgien und die Niederlande stehen im Visier von IS-Anhängern aus dem Maghreb.

IS-Websites auch auf Spanisch

Nach Angaben des spanischen Innenministeriums nahm die Polizei seit 2015 insgesamt 180 «dschihadistische Terroristen» fest, die meisten aus dem gegenüberliegenden Nordafrika. Auch die Propagandaabteilung des IS hat erkannt, dass sie auf der Iberischen Halbinsel neue Anhänger mobilisieren kann, speziell unter den marokkanischen Einwanderern. Seitdem werden Websites der Gotteskrieger ins Spanische übersetzt, seit März verbreitet das IS-Nachrichtenportal Amaq seine Meldungen über den Messengerdienst Telegram auch auf Spanisch.

IS-Heimkehrer nach Nordafrika, die verhaftet und verurteilt werden, gehen in der Regel für zwei, drei Jahre ins Gefängnis. «Ein Betreuung nach der Entlassung gibt es nicht», kritisiert Abdelwahab al-Rafiqi, ein ehemaliger radikaler Salafist, der sich nach einer langen Haftstrafe vom Extremismus lossagte und in Marokko den kleinen Think Tank «Al-Mizan» gründete. Er fordert vor allem Reha-Einrichtungen für Ex-Dschihadisten, wo sie Ansprechpartner und Hilfe finden. «Man muss den Dialog mit ihnen suchen. Und man muss soziale und wirtschaftliche Programme schaffen, um sie wieder in die Gesellschaft zu integrieren.»