Zuwanderung
Unser liebstes Nachbarland: Wo Schweizer wie Gott in Frankreich leben

Die «Grande Nation» ist das mit Abstand beliebteste Nachbarland für eidgenössische «Expats». 200'000 Schweizer leben gegenwärtig in Frankreich. Das sind mehr als in Deutschland, Italien, den USA oder Kanada.

Stefan Brändle, Paris
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Die kulinarischen Genüsse sind nur einer der Gründe, die Schweizer dazu verlocken, ihren Wohnsitz nach Frankreich zu verlegen. Jim Nix / Robert Harding / keystone

Die kulinarischen Genüsse sind nur einer der Gründe, die Schweizer dazu verlocken, ihren Wohnsitz nach Frankreich zu verlegen. Jim Nix / Robert Harding / keystone

Jim Nix/Robert Harding

«Mit grosser Freude», teilt der Schweizer Botschafter in Paris, Bernardino Regazzoni, in seinem jüngsten Newsletter mit, dass die Schallgrenze von 200 000 in Frankreich lebenden Schweizern im Juni durchbrochen worden sei. Diese Entwicklung bestätige die historische Attraktivität unseres westlichen Nachbarlandes. Schon vor einem Jahrhundert hätten 100 000 Schweizer in Frankreich gelebt. Berühmt, so Regazzoni, seien die Schweizergarden der ehemaligen Könige oder ihr Bankier Necker. Dazu kämen Künstler wie Félix Vallotton, Alberto Giacometti oder Le Corbusier. Oder in der heutigen Zeit die Schauspielerin Marthe Keller oder der musikalische Direktor der Pariser Oper, Philippe Jordan.

Die in Frankreich angemeldeten Schweizer machen heute mehr als einen Viertel aller 762 000 Auslandschweizer (Stand Ende 2015) aus. Jeweils weniger
als 100 000 Inhaber des roten Passes wohnen – in dieser Reihenfolge – in Deutschland, den USA, Italien und
Kanada. In Wirklichkeit dürften in Frankreich noch weitere 20 000 Schweizer leben, die nicht angemeldet sind oder in einer Ferienresidenz leben. Diese «Clandestins» («Heimlichen») profitieren doppelt: Sie zahlen weiterhin in der Schweiz Steuern, an ihrem eigentlichen Wohnsitz aber nur geringe Mieten oder Bodenpreise.

Sogar ein Schloss liegt drin

Die günstigen Immobilien dürften auch für die 200 000 offiziell deklarierten Schweizer eine wichtige Rolle spielen. Dies zeigt sich vor allem an der Côte d’Azur und in der Provence, aber auch im Grossraum Paris, wo 45 000 Schweizer leben. Nur gerade im Stadtzentrum der Seine-Metropole sind die Quadratmeterpreise ebenso hoch wie etwa in der Zürcher City. Auf dem Land sind sogar Schlösser zu erschwinglichen Preisen zu finden, was mehrere Schweizer ausgenützt haben. Dass die Schweizer im Normalfall bessere Französischkenntnisse mitbringen als andere, ist natürlich ebenfalls ausschlaggebend. Die gute Gesundheitsversorgung und Infrastruktur sind weitere französische Trümpfe. Und auch das Savoir-vivre und die Freundlichkeit der Provinzbewohner – hochnäsig ist man nur in Paris – wiegen immer noch mehr als die aktuelle Angst vor Terroranschlägen. Die Bürokratie hält sich in Grenzen, staunen doch immer noch viele Schweizer, dass sie sich bei ihrer Niederlassung in einer französischen Gemeinde nicht einmal anmelden müssen.

Es geht ohne Arbeitsbewilligung

Wegen der Personenfreizügigkeit müssen sie auch nicht um eine Arbeitsbewilligung ersuchen. Die Löhne sind in Frankreich zwar tiefer als in der Schweiz, aber wer einmal über das Stadium der Kurzarbeitsverträge (CDD) hinweg ist und einen richtigen Arbeitsvertrag (CDI) ergattert hat, profitiert von der 35-Stunden-Woche und bedeutenden Sozialrechten wie etwa einer einjährigen Mutterschaftspause.

Sie sind diskret und unauffällig

Unter den 65 Millionen Franzosen fallen die 200 000 vorwiegend diskreten Schweizer kaum auf. Nach den Portugiesen stellen sie zwar die zweitgrösste europäische Nationalität im Land. Vertreter grösserer Nationen wie Spanien oder Italien sind aber statistisch gesehen nur deshalb weniger häufig vertreten, weil sie sich rascher einbürgern lassen. Die «petits Suisses», wie sie in Frankreich bisweilen in Anlehnung an einen verbreiteten Normandie-Käse genannt werden, streben vergleichsweise selten die Doppelbürgerschaft an.