Unwetter in Deutschland
Merkel im Katastrophengebiet: «Wir werden uns dieser Naturgewalt entgegenstemmen»

Die Bundeskanzlerin besucht am Sonntagnachmittag mehrere stark zerstörte Dörfer. Die Opferzahl ist auf über 150 gestiegen. Neue Unwetter bedrohen den Süden Deutschlands.

dpa/Samuel Schumacher
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Bundeskanzlerin Angela Merkel hat gemeinsam mit der Rheinland-Pfälzischen Ministerpräsidentin Malu Dreyer das zerstörte Dorf Schuld besucht.

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat gemeinsam mit der Rheinland-Pfälzischen Ministerpräsidentin Malu Dreyer das zerstörte Dorf Schuld besucht.

Bild: EPA

Vier Tage nach den verheerenden Unwettern in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen ist die Zahl der Todesopfer auf mehr als 150 gestiegen. Allein im Kreis Ahrweiler kamen nach Polizeiangaben mindestens 110 Menschen ums Leben, 670 wurden verletzt. In Nordrhein-Westfalen lag die Zahl der bestätigten Todesopfer bis Sonntagmittag bei 46, darunter vier Feuerwehrleute.

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat das stark verwüstete Dorf Schuld in Rheinland-Pfalz am Sonntagnachmittag in Begleitung der Rheinland-Pfälzischen Ministerpräsidentin Malu Dreyer besucht und bei einem Rundgang durch die zerstörte Ortschaft den Menschen zugehört, die alles verloren haben. «Wir wollen hier niemanden stören», betonte die Kanzlerin und versprach den Dorfbewohnern schnellstmögliche Hilfe. Merkel versprach:

«Wir werden von Seiten der Bundesregierung alles bringen werden, was es braucht.»
Hand in Hand: Merkel stützt die an MS erkrankte Malu Dreyer auf ihrem gemeinsamen Rundgang durch das Dorf Schuld.

Hand in Hand: Merkel stützt die an MS erkrankte Malu Dreyer auf ihrem gemeinsamen Rundgang durch das Dorf Schuld.

Keystone

Das wird dringend nötig sein, um die Not der Menschen zu lindern und die Kritik zum verstummen zu bringen, die von Seiten vieler Katastrophenversehrten geäussert worden ist. «Mutti, wo bleiben die Infos», stand auf einem Transparent, an dem die Kanzlerin mit ihrem Tross vorbeikam.

Bei einer anschliessenden Pressekonferenz betonte die Bundeskanzlerin:

«Deutschland ist ein starkes Land. Wir werden uns dieser Naturgewalt entgegenstemmen.»

Ende August will sie das Katastrophengebiet noch einmal besuchen, um zu schauen, wie die eingeleiteten Hilfsmassnahmen wirken.

Suche nach Toten geht weiter

In der Region wird weiter nach Toten und Verletzten gesucht, so dass sich die Opferzahl noch weiter erhöhen könnte. Strom- und Telefonleitungen sind teils unterbrochen. Bei der schwersten Hochwasserkatastrophe in Deutschland seit Jahrzehnten wurden viele Häuser zerstört. Brücken, Strassen und Bahnstrecken liegen in Trümmern.

Die Bundeskanzlerin hörte den Menschen zu, die alles verloren haben.

Die Bundeskanzlerin hörte den Menschen zu, die alles verloren haben.

AP

In Erftstadt westlich von Köln suchen zahlreiche Menschen noch nach ihren Angehörigen. Bisher wurden nach Angaben der Stadt bei der «Personenauskunftsstelle» 59 Menschen gemeldet, deren Aufenthaltsort ungewiss ist. 16 davon kämen aus Erftstadt. Im Stadtteil Blessem wollen Fachleute am Sonntag die Stabilität des Untergrunds prüfen. Sie sollen nach Angaben der Stadt die Abbruchkanten eines Erdrutsches untersuchen. Die Lage sei unverändert angespannt. In Blessem war durch die Fluten ein riesiger Krater entstanden. Mindestens drei Wohnhäuser und ein Teil der Burg stürzten ein.

Während sich die Wetterlage in Rheinland-Pfalz und im Südwesten von Nordrhein-Westfalen beruhigt hat und sich die Wassermassen vielerorts zurückgezogen haben, sorgten neue Regenfälle in Südostbayern und der Sächsischen Schweiz für Überschwemmungen. Besonders betroffen ist das Berchtesgadener Land. «Fahrzeuge auf den Strassen wurden zum Spielball der Wassermassen», berichtete ein Einsatzleiter. Für Sonntag ist dort weiterer starker Regen vorhergesagt

300 Millionen Euro Soforthilfe geplant

Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) stellte Soforthilfen in dreistelliger Millionenhöhe in Aussicht. «Es braucht einen nationalen Kraftakt», sagte er der «Bild am Sonntag». Am Mittwoch will der Vizekanzler im Kabinett zwei Dinge auf den Tisch legen: «Erstens eine Soforthilfe, bei der letzten Flut waren dafür deutlich mehr als 300 Millionen Euro nötig. Da wird jetzt sicher wieder so viel gebraucht», erläuterte Scholz.

«Zweitens müssen wir die Grundlage für ein Aufbauprogramm schaffen, damit die zerstörten Häuser, Strassen und Brücken zügig repariert werden. Wie wir von der vorherigen Katastrophe wissen, geht es um Milliarden Euro.»

Auch in Teilen Österreichs sorgten die über die Ufer tretenden Flüsse und Bäche für teils dramatische Bilder. In Hallein 15 Kilometer südlich von Salzburg etwa rissen die Wassermassen drei Menschen mit, die sich nur mit viel Glück retten konnten, wie diese Videoaufnahmen zeigen:

In der österreichischen Ortschaft Hallein kam es zu apokalyptischen Szenen.

Youtube/Bild.de