US-Präsidentschaftskandidat Joe Biden bleibt trotz Angriffen in TV-Debatte Spitzenreiter in Wählerumfragen

Nach der zweiten Runde der Fernsehdebatte der demokratischen Präsidentschaftskandidaten behält Joe Biden vorerst seine Position als Spitzenreiter. Dies hängt auch damit zusammen, dass sich die Wähler bisher vom TV-Spektakel unbeeindruckt zeigen.

Renzo Ruf aus Washington
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Der frühere Vizepräsident und aktuelle Präsidentschaftskandidat Joe Biden spricht während der zweiten Fernsehdebatte. (Bild: AP Photo/Paul Sancya, Detroit, 31. Juli 2019)

Der frühere Vizepräsident und aktuelle Präsidentschaftskandidat Joe Biden spricht während der zweiten Fernsehdebatte. (Bild: AP Photo/Paul Sancya, Detroit, 31. Juli 2019)

Die Stammwähler der Demokraten sind nicht zu beneiden. Zweimal haben sich 20 Anwärter auf das Weisse Haus nun vor laufenden Kameras gestritten, und den Versuch unternommen, ein halbes Jahr vor dem Beginn der Vorwahlen, ihr Programm vorzustellen und sich von ihren Kontrahenten abzuheben. Trotz einer Sendezeit von insgesamt neun Stunden fällt es aber schwer, eine Zwischenbilanz zu ziehen.

Das hängt zum einen mit dem Format dieser TV-Debatten zusammen, die manchmal einem Frage-und-Antwort-Spiel glichen und manchmal einer rhetorischen Massenkarambolage, die aber selten für Klarheit sorgten. Zum andern hängt es auch damit zusammen, dass die Debatten in einer Art Vakuum stattfanden und sie bisher keine massiven Auswirkungen auf die Meinungsumfragen und das voraussichtliche Wahlverhalten der Demokraten hatten.

Zwei Kandidatinnen erhalten in Sozialen Medien Aufmerksamkeit

Dies lässt sich vortrefflich an Marianne Williamson (67) und Tulsi Gabbard (38) illustrieren. Erstere ist eine Bestseller-Autorin, die spirituell angehauchte Ratschläge erteilt («Du bist stärker als dein Schmerz») und damit auch im deutschen Sprachraum Erfolg hat. Letztere ist Abgeordnete im Repräsentantenhaus aus Hawaii, die aufgrund ihrer früheren sozialpolitischen Positionsbezüge und ihrer aktuellen aussenpolitischen Ideen von Parteifreunden scheel angeschaut wird. Williamson und Gabbard rangieren in den Meinungsumfragen ganz am Ende, falls ihre Namen den Befragten überhaupt einen Begriff sind. Man kann dies mit der fehlenden Wahlkampfinfrastruktur erklären, oder damit, dass es in der Demokratischen Partei nicht wirklich den Wunsch gibt, sämtliche Brücken zum Establishment abzubrechen, und mit einem unorthodoxen Kandidaten in den Wahlkampf gegen den Amtsinhaber Donald Trump zu steigen.

Und trotzdem: Im Anschluss an die TV-Debatte vom Dienstag (Williamson) und Mittwoch (Gabbard) waren die beiden Demokratinnen die heimlichen Stars, zumindest in Gesprächssendungen oder auf Facebook und Twitter. Williamson war es gelungen, den institutionellen Rassismus, mit dem sich Amerika immer noch herumschlägt, in einfachen Worten zu erklären, am Beispiel der alten Industriestadt Flint (Michigan).

Gabbard wiederum erzielte Punkte mit ihrer Kritik an der interventionistischen Aussenpolitik Amerikas, und mit einer Breitseite gegen Konkurrentin Kamala Harris, die Senatorin aus Kalifornien.

Star der Meinungsumfragen ist Joe Biden

Der eigentliche Star der Meinungsumfragen, auch in wichtigen Vorwahl-Staaten wie Iowa oder New Hampshire, ist hingegen Joe Biden. Der einstige Senator und Vize von Präsident Barack Obama (2009 bis 2017) gab am Mittwoch in der zweiten TV-Debatte eine recht passable Vorstellung ab, und manchmal glänzte er gar mit Humor. (So sagte er dem aggressiv auftretenden New Yorker Stadtpräsidenten Bill de Blasio: «Ich liebe die Zuneigung, die Sie mir entgegenbringen.») Er konnte aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass er erneut von allen Seiten attackiert wurde, für Positionsbezüge in der Justizpolitik oder in Einwanderungsfragen, die er während seiner langen Laufbahn als Berufspolitiker vertreten hatte. Auch gelang es ihm nicht, diese Angriffe mit einer konzisen Botschaft zu parieren – weil Biden alle Hände voll hatte, konnte er dem Fernsehpublikum nicht wirklich vermitteln, mit welchem Programm er Trump besiegen will.

Besser schlug sich da Elizabeth Warren, die linke Senatorin aus Massachusetts, die am Dienstag zusammen mit Senator Bernie Sanders aus Vermont, im Zentrum der ersten Debatte gestanden war. Die ehemalige Professorin besitzt das Talent, in einfachen Worten auch komplexe Zusammenhänge vermitteln zu können. Und obwohl sie von den Moderatoren immer wieder unterbrochen wurde, gelang ihr dies auch am Dienstag. Warren ist allerdings derzeit nicht mehrheitsfähig, weil ihre Ideen vielen Wählern der Demokraten zu radikal sind.

Derzeit gibt es noch keine Anzeichen dafür, dass sich diese beiden bisher parallel existierenden Welten – hier der Medienzirkus der TV-Debatten, da die Stimmung unter demokratischen Wählern –rasch annähern werden. Der August gilt gemeinhin als politische ruhige Zeit; abseits von Washington geniessen die meisten Amerikaner den Sommer. Mitte September steht aber die nächste Fernsehdebatte an, und gemäss den Kriterien der Demokratischen Partei (die auf Meinungsumfragen und Spendengeldern beruhen) werden Williamson oder Gabbard oder de Blasio die Qualifikation wohl nicht mehr schaffen. Will heissen: Erstmals werden Biden, Warren und Sanders (plus eine Handvoll weitere Kandidaten) ungestört miteinander debattieren. Vielleicht wird diese nächste Debatte den Wählern helfen, sich ein Bild darüber zu machen, wer denn am besten geeignet ist, Trump aus dem Weissen Haus zu verjagen.