US-WAHLEN: Clinton lacht sich durch die Krise

Die Vorwahlen in Iowa gelten als wichtiger Gradmesser für das Rennen ums Weisse Haus. Für Hillary Clinton hat es aber denkbar schlecht angefangen.

Renzo Ruf, Davenport (iowa)
Drucken
Teilen
Jetzt kommt es auf jede Stimme an: Hillary Clinton bei ihrem Auftritt am Freitag an der Grand View University in Des Moines, Iowa. (Bild: Getty/Melina Mara)

Jetzt kommt es auf jede Stimme an: Hillary Clinton bei ihrem Auftritt am Freitag an der Grand View University in Des Moines, Iowa. (Bild: Getty/Melina Mara)

Er wirkt müde: Sein Gesicht ist eingefallen, die Stimme heiser. Und doch gelingt es dem bald 70 Jahre alten Bill Clinton immer noch, das Publikum in seinen Bann zu ziehen. Für einmal aber spricht der ehemalige Präsident an diesem Freitagabend, vor einigen hundert Menschen in einem Vergnügungslokal in Davenport (Iowa), nicht über die Verdienste in seiner Amtszeit. Obwohl: In Nebensätzen ruft er in Erinnerung, wie gut es Amerika in den Neunzigerjahren ging, als die Familie Clinton letztmals im Weissen Haus in Washington wohnte. Im Zentrum seiner Wahlkampfrede steht vielmehr seine Gattin, mit der er seit ziemlich genau 45 Jahren zusammen ist. Er erzählt, wie Hillary sich ihr Leben lang für Kinderanliegen und Frauenrechte starkgemacht habe. «Sie ist eine Kämpferin.» Und er betont, wie beharrlich sie bei der Verfolgung ihrer Ziele sei. «Alles, was sie berührt, wird besser», sagt er dabei immer und immer wieder. Als Hillary nach einigen Minuten ebenfalls auf die Bühne steigt, umarmt sie den Präsidenten im Ruhestand innig. Und das Publikum tobt.

Weniger versprechen, mehr leisten

Am Montag beginnt in Iowa mit den Wahlversammlungen (Caucuses) die lange amerikanische Vorwahlsaison. Von morgens früh bis abends spät durchkreuzen deshalb demokratische und republikanische Präsidentschaftskandidaten den ländlichen Staat im Mittleren Westen – auf der Suche nach unentschlossenen Wählerinnen und Wählern. Dass Clinton in dieser heissen Phase des Wahlkampfs auf ihren Gatten zurückgreift, der einst als begnadetster Politiker seiner Generation galt, ist kein Zufall. Denn die ehemalige Aussenministerin, die noch vor einigen Monaten als klare Favoritin im Lager der Demokraten galt, steht mit dem Rücken zur Wand. Parteifreunde wenden sich ab: Mit ihrer pragmatischen Botschaft – «Ich verspreche lieber zu wenig und liefere dann weit mehr als erwartet» – stösst sie am linken Parteirand auf taube Ohren.

Und immer wieder diese Mails

Hinzu kommt, dass es Clinton nicht gelingt, einen Schlussstrich unter die Debatte über ihren privaten E-Mail-Server zu ziehen, auf dem sie in ihrer Amtszeit als Aussenministerin streng geheime Regierungsdokumente speicherte. Am Freitag wurde bekannt, dass sich 22 E-Mails auf dem Server befanden, die derart geheim waren, dass sie selbst in einer stark redigierten Fassung nicht publik gemacht werden können.

Der «radikale» Kontrahent

Von dieser Anti-Clinton-Stimmung profitiert in erster Linie Bernie Sanders. Auch er tritt am Freitagabend in Davenport auf, einer müde wirkenden Industriestadt am Ufer des Mississippi. Im Gegensatz zu Clinton verspricht der Senator aus Vermont das Blaue vom Himmel. Er will das amerikanische Gesundheitswesen verstaatlichen, die Gebühren für öffentliche Universitäten abschaffen und massive Geldsummen in den Neubau von Strassen und Brücken investieren. Sein politischer Gegner («das Establishment») behaupte, seine Ideen seien «radikal», sagt Sanders. Er aber finde: «Es ist sinnvoller, in die Erziehung und Ausbildung unserer Kinder zu investieren, als in Gefängnisse und in Repression.»

Matthew Coomber, ein Theologie-Professor an einer lokalen Universität, klatscht begeistert. Coomber sagt im Gespräch, er könne nachvollziehen, warum viele seiner Landsleute Schwierigkeiten mit dem Gedankengut des selbsternannten «demokratischen Sozialisten» hätten. Der Begriff wecke bei vielen Amerikanern immer noch Erinnerungen an den Kalten Krieg und den Konflikt mit der Sowjetunion, sagt der grossgewachsene Theologe. Letztlich wolle Sanders aber bloss die drängendsten Probleme Amerikas lösen. «Und dass er dabei auf Ideen zurückgreift, die gerade in Europa mit Erfolg umgesetzt wurden, finde ich gut», sagt Coomber.

Niemand wagt eine Prognose

Während sich die Demokraten auf einen Zweikampf zwischen Clinton und Sanders vorbereiten – letzte Meinungsumfragen gehen von einem Kopf-an-Kopf-Rennen aus –, ist die Lage bei den Republikanern eher unübersichtlich. An der Spitze des Kandidatenfeldes steht der New Yorker Baulöwe Donald Trump, der am Samstag in Davenport auftrat.

Gemäss Meinungsumfragen kämpfen die beiden jungen Senatoren Ted Cruz (Texas) und Marco Rubio (Florida) um Platz zwei. Cruz spricht vor allem den religiösen Parteiflügel an, während Rubio versucht, es sämtlichen Fraktionen der Partei recht zu machen. Aber: Ein ansehnlicher Teil der republikanischen Basis hat sich noch nicht definitiv für einen Kandidaten entschieden. Und niemand – selbst langjährige Politbeobachter nicht – wagt eine definitive Prognose darüber, ob Trumps Anhänger am Montag tatsächlich bei den Wahlversammlungen auftauchen werden.

Renzo Ruf, Davenport (Iowa)