Wann wissen wir, wer neuer Präsident wird? Die 7 wichtigsten Fragen und Antworten zum Rennen ums Weisse Haus

Die Auszählung der Stimmen im Land der unbegrenzten Möglichkeiten gestaltet sich dieses Jahr ausserordentlich schwierig. Doch das ist nicht das einzige Problem.

Samuel Schumacher
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Donald Trump hielt seine Siegesrede bereits – obwohl er noch nicht gewonnen hat. Was Melania Trump dazu denkt, ist unbekannt.

Donald Trump hielt seine Siegesrede bereits – obwohl er noch nicht gewonnen hat. Was Melania Trump dazu denkt, ist unbekannt.

Keystone

Verwirrt? Verständlich! Nach einer langen Wahlnacht hat sich Donald Trump zum Sieger erklärt, obwohl das Rennen noch gar nicht entschieden ist. Er droht mit dem Obersten Gericht, während Joe Biden zur Geduld aufruft. Wie stehts denn jetzt genau um das Präsidentschaftsrennen? 7 Fragen und Antworten.

1) Wann wissen wir, wer zum Präsidenten gewählt worden ist?

Allerspätestens am Montag, 23. November. Dann läuft die Deadline für die Auszählung der Stimmen im wichtigen Swingstate Pennsylvania (20 Elektorenstimmen) aus. Sehr wahrscheinlich aber ist das Rennen schon vorher entschieden (siehe Frage 6). Bis am Freitag sollte Klarheit herrschen, wer die 350-Millionen-Nation die kommenden vier Jahre regiert.

2) Warum ist das Resultat noch nicht bekannt?

Weil dieses Jahr wegen der Coronapandemie besonders viele Wähler per Briefwahl abgestimmt haben. In einzelnen Bundesstaaten (zum Beispiel in Pennsylvania und Wisconsin) dürfen die Stimmzähler diese Briefe erst am Wahltag selber öffnen. Millionen der fristgerecht eingereichten Wahlcouverts konnten noch nicht ausgewertet werden.

3) Donald Trump hat sich bereits zum Sieger erklärt. Warum?

Die Demokraten wollten die Wahlen «stehlen», behauptete Trump fälschlicherweise.

Die Demokraten wollten die Wahlen «stehlen», behauptete Trump fälschlicherweise.

Keystone

Der amtierende US-Präsident hat sich in den frühen Morgenstunden zu Wort gemeldet und verkündet, das Rennen sei vorbei. Twitter hat die Nachricht wegen Falschinformationen gelöscht. Trump hat in seiner Ansprache im Weissen Haus betont, er werde das Oberste Gericht des Landes dazu auffordern, die Auszählung der Stimmen müsse sofort gestoppt werden. Seine Motivation: In mehreren Swingstates (etwa in Michigan und Pennsylvania) liegt er derzeit vorne (Stand Mittwochmittag). Da traditionell mehr Demokraten per Brief abstimmen, könnte sein Vorsprung empfindlich schmelzen, je mehr Briefwahlzettel ausgezählt werden.

4) Werden letztlich also Richter und nicht Wähler entscheiden, wer neuer US-Präsident wird?

Der Oberste Gerichtshof in Washington D.C. könnte eine entscheidende Rolle spielen.

Der Oberste Gerichtshof in Washington D.C. könnte eine entscheidende Rolle spielen.

Keystone

Das ist theoretisch möglich. Im Obersten Gericht dienen 6 konservative und 3 liberale Richter. Drei der Konservativen hat Donald Trump höchstpersönlich ernannt. Sie sind ihm keinen Gefallen schuldig, trotzdem fürchten Beobachter, dass das Gericht sich zugunsten von Trump in die Wahlen einmischen könnte. Konkret könnten die neuen Richter den Entscheid über das Präsidentschaftsrennen an das Repräsentantenhaus verweisen. Die Parlamentskammer müsste dann entscheiden, wer ins Weisse Haus einziehen soll. Das Prozedere ist kompliziert, alle Vertreter eines Bundesstaates erhielten in toto nur je eine Stimme. Donald Trump würde sehr wahrscheinlich als Sieger aus dieser Repräsentantenhauswahl hervorgehen.

5) Wer hat aktuell die Nase vorn?

Mit Blick auf die noch offenen Swingstates kann man sagen: Am Mittwochmittag lag Biden in Wisconsin (10 Elektorenstimmen) und in Arizona (11) vorne. Trump führte in Michigan (16), Pennsylvania (20). Bidens Vorsprung in Nevada (6) ist verschwindend klein.

6) Welche Möglichkeiten haben Trump, respektive Biden, um zu gewinnen?

Angenommen, Biden gewinnt Arizona und setzt sich in Nevada durch und Trump behält Georgia, dann würde jener der beiden Kandidaten zum Präsidenten gekürt, der zwei der folgenden drei Staaten für sich entscheidet: Wisconsin, Pennsylvania und Michigan. Der Blick ist also voll auf die drei Nord-Staaten im ehemaligen Industrie-Gürtel des Landes gerichtet.

Joe Biden und seine Ehefrau Jill riefen ihre Unterstützer auf, durchzuhalten.

Joe Biden und seine Ehefrau Jill riefen ihre Unterstützer auf, durchzuhalten.

Keystone

7) Was passiert, wenn beide Kandidaten am Schluss 269 Wahlmännerstimmen auf sich vereinen, es also unentschieden steht?

Dann liegt der Stichentscheid wiederum beim Repräsentantenhaus. Trump würde aller Voraussicht nach gewinnen.