USA: Alle Augen auf Washington

Am Freitag legt Donald Trump den Amtseid ab. Washington bereitet sich auf Hunderttausende von Schaulustigen vor – darunter auch zahlreiche Gegner des neuen US-Präsidenten.

Renzo Ruf/ washington
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Eine imposante Kulisse: Wie vor 4 Jahren bei Obama werden am Freitag Zehntausende der Vereidigung Trumps beiwohnen. (Bild: Evan Vucci/AP (Washington, 21. Januar 2013))

Eine imposante Kulisse: Wie vor 4 Jahren bei Obama werden am Freitag Zehntausende der Vereidigung Trumps beiwohnen. (Bild: Evan Vucci/AP (Washington, 21. Januar 2013))

Renzo Ruf/ Washington

 

Der Wetterbericht verspricht für die zweite Hälfte der nächsten Woche frühlingshafte Temperaturen: 15 Grad Celsius am Freitag und 18 Grad Celsius am Samstag. Das ist eigentlich eine gute Nachricht für Hunderttausende von Menschen, die zur Amtseinführung von Donald Trump in der amerikanischen Hauptstadt erwartet werden. Es ist aber auch eine schlechte Nachricht für die Sicherheitsbehörden. Denn die rekordverdächtigen Temperaturen garantieren, dass nicht nur hartgesottene Anhänger und Gegner des neuen Präsidenten durch die Strassen Washingtons marschieren werden – sondern auch Krethi und Plethi.

Der Höhepunkt des festlichen Reigens ist die feierliche Zeremonie auf dem Capitol Hill. Punkt 12 Uhr, wenn die Amtszeit von Barack Obama abläuft, wird Trump am Freitag seinen Amtseid ablegen und dann anschliessend erstmals als Präsident zur amerikanischen Bevölkerung sprechen.

Die Rede ist vor allem ein Spektakel

Diese programmatischen Reden unter freiem Himmel sind ein Spektakel, auch weil Hunderttausende von Zuschauerinnen und Zuschauern erwartet werden – darunter die Familie Obama, George und Laura Bush sowie Bill und Hillary Clinton. (2009 strömten gegen 1,8 Millionen Menschen auf die National Mall, die Parkanlage im Zentrum der Hauptstadt.) Inhaltlich sollte die Rede aber nicht überbewertet werden. So sprach Präsident Obama vor vier Jahren darüber, wie er den Klimawandel auf dem Gesetzesweg bekämpfen wolle und eine Reform des Einwanderungsrechts durch das Parlament peitschen werde. Mit beiden Zielen scheiterte er.

Nach vollendeter Zeremonie und einem Höflichkeitsbesuch im Parlament folgt dann die Parade auf der Pennsylvania Avenue. Diese Route ist jeweils schwer bewacht, weil der Präsident traditionellerweise aus seiner Limousine aussteigt und einige Meter zu Fuss geht.

Polizei rechnet mit heftigen Protesten

Die Stadtpolizei von Washington geht davon aus, dass Demons­tranten versuchen werden, die Prozession zu stören. Nebst Anti-Kriegs-Organisationen haben sich auch anarchistische Gruppen angemeldet, die zum Beispiel den Versuch unternehmen wollen, die Kontrollpunkte des Secret Service lahmzulegen. «Wir legen die Amtseinführung lahm», weil Trump kein legitimer Präsident sei, sagte ein Vertreter einer aktivistischen Gruppierung mit dem Namen DisruptJ20 am vergangenen Donnerstag. «Wir werden alles daransetzen, legitime Versammlungen, an denen Menschen ihrem Recht auf freie Meinungsäusserung nachkommen, zu schützen», gab der Polizeichef Peter Newsham zurück.

Nach vollendeter Parade, die den US-Präsidenten übrigens an seinem Hotel vorbeiführt, wird Trump es sich im Weissen Haus bequem machen. Berater des Republikaners hatten vor einigen Wochen angekündigt, dass Trump bereits am ersten Amtstag an die Arbeit gehen und wichtige Beschlüsse seines Vorgängers rückgängig machen werde. In den vergangenen Tagen hiess es nun aber, dass er wohl erst nach dem ersten Wochenende im Weissen Haus loslege.

Der «Frauenmarsch auf Washington»

Vielleicht hat dies auch mit dem Spektakel zu tun, das am Samstag über die Bühne gehen wird, mit dem «Frauenmarsch auf Washington». Hinter der Protestkundgebung, die über die notwendigen Bewilligungen verfügt, steckt Teresa Shook, eine pensionierte Grossmutter aus Maui (Hawaii). Als Reaktion auf den Wahlsieg Trumps schrieb Shook am 8. November auf ihrer Facebook-Seite: «Ich glaube, wir sollten marschieren.» Am nächsten Morgen hatten sich bereits 10000 Menschen (vor allem Frauen) dieser Forderung angeschlossen. Innerhalb weniger Tage stampfte Shook ein Organisationskomitee aus dem Boden. Stars wie Scarlett Johansson und Katy Perry sagten ihre Unterstützung zu.

Allerdings entbrannten recht schnell auch einige Kontroversen. So fühlten sich gerade afroamerikanische Frauen ausgeschlossen; auch wurde den Organisatorinnen vorgeworfen, sie lehnten sich zu stark an den Marsch auf Washington im Jahr 1963 an, an dem der Bürgerrechtler Martin Luther King seine wohl berühmteste Rede gehalten hatte. Auf der Internetseite des «Women’s March» ist zu lesen, dass es stimme, dass weisse Frauen die Idee für den Protestzug gehabt hätten. Mittlerweile sei das Organisationskomitee aber breit abgestützt.