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USA: Eine tödliche Liebesgeschichte

Nach dem Anschlag in San Bernardino debattiert Amerika erneut über die tödliche Liebe zu Feuerwaffen. Vergessen geht dabei: Die Branche befindet sich im Umbruch – weil immer weniger Amerikaner immer mehr Schiessgewehre besitzen.
Waffenbesitzer am Regierungssitz in Olympia (US-Bundesstaat Washington): Sie protestierten Anfang Jahr gegen Background-Checks durch das FBI. (Bild: Jordan Stead/Keystone)

Waffenbesitzer am Regierungssitz in Olympia (US-Bundesstaat Washington): Sie protestierten Anfang Jahr gegen Background-Checks durch das FBI. (Bild: Jordan Stead/Keystone)

Renzo Ruf, Washington

Szenen aus einem gespaltenen Land. Am vergangenen Samstag publizierte die «New York Times» auf ihrer Frontseite erstmals seit 1920 einen Kommentar. Es handelte sich dabei um einen veritablen Brandbrief gegen die politische Klasse in Washington, die ihre Augen vor der amerikanischen «Waffen-Epidemie» verschliesse und das Ausmass der Waffengewalt ignoriere. Fast gleichzeitig verbreitete sich die Meldung, dass im kommenden Jahr «GunTV» auf Sendung gehen werde: ein Teleshopping-Kanal, auf dem «alle Arten» von Schusswaffen und dazugehörige Produkte feilgeboten werden sollen. Auf 34 Millionen schätzt der Betreiber des neuen Senders das Zielpublikum.

Jeder Dritte hat Zugriff auf Waffe

Dabei handelt es sich um eine vorsichtige Schätzung. Denn Statistiker gehen davon aus, dass ungefähr jeder dritte erwachsene Amerikaner Zugriff auf eine Schusswaffe hat – 24 Prozent aller Erwachsenen sagten dem gemeinhin glaubwürdigen Umfrageinstitut Pew Research Center im Jahr 2013, sie besässen eine Waffe in ihrem Haushalt. Und 13 Prozent sagten, sie wohnten in einer Haushaltung, in der ein anderer Erwachsener eine Waffe besitze. In absoluten Zahlen ausgedrückt bedeutet dies: Etwa 80 Millionen Amerikaner – in einem Land mit fast 319 Millionen Bewohnern – sind Waffenbesitzer. Zu Beginn der Achtzigerjahre sagten noch mehr als 50 Prozent aller Amerikaner, sie besässen eine Waffe.

Allein: Diese Berechnungen sind mit Vorsicht zu geniessen. Denn niemand weiss mit letzter Sicherheit, wie viele Revolver oder Gewehre sich in den USA legal im Umlauf befinden. Der Grund für dieses Unwissen: Auf nationaler Ebene müssen Amerikaner ihre Feuerwaffen nur dann registrieren, wenn es sich dabei um eine Flinte oder ein Maschinengewehr handelt.

Leumund wird überprüft

Gemäss den neusten verfügbaren Zahlen des Justizministeriums in Washington zirkulierten im Februar 2015 rund 862 000 solcher Schiesswaffen im Land. Anzunehmen ist, dass es sich dabei um einen verschwindend geringen Anteil aller Feuerwaffen handelt. Denn die Bundespolizei FBI überprüfte allein im November 2015 den Leumund von 2,2 Millionen potenziellen Waffenkäufern, die in lizenzierten Waffengeschäften eine Transaktion tätigen wollten. Übers ganze Jahr hinweg nahm das FBI bis Ende November fast 20 Millionen solcher Background-Checks vor. Auch diese Zahl, die übrigens auf ein rekordverdächtiges Jahr hindeutet, ist mit Vorsicht zu geniessen – weil manche Kunden zwei Waffen kaufen, andere letztlich keine. Jährlich entscheidet das FBI rund 74 000 Mal, dass ein Antragsteller sich keine Waffe beschaffen darf.

Hinzu kommt: Gewisse Waffentransaktionen erfordern nach wie vor keine Überprüfung des Leumunds des künftigen Besitzers. So können Waffen zwischen Nachbarn per Handschlag verkauft werden, falls dies gesetzlich erlaubt ist. Zwischen den 50 Bundesstaaten und dem Hauptstadtbezirk Washington unterscheiden sich die Waffengesetze erheblich. Gemäss einer Umfrage des Instituts Gfk Knowledge Panel, über die kürzlich in der «Washington Post» berichtet wurde, sagen rund 60 Prozent aller Waffenbesitzer, ihr Leumund sei vor dem Kauf einer Waffe durch das FBI überprüft worden.

Aus diesem Potpourri an Zahlenmaterial lässt sich ableiten, dass Amerikaner mehr als 300 Millionen Feuerwaffen besitzen. Die «Washington Post» behauptete kürzlich, es seien 357 Millionen Revolver und Schiessgewehre im Umlauf, also mehr, als Amerika Bewohner zählt. Der Sozialwissenschaftler Philip Cook, der an der Duke University forscht, findet dies zu hoch gegriffen. Er schätzt die Zahl der legalen Feuerwaffen auf 250 Millionen.

Milliardenschwere Wertschöpfung

Wie dem auch sei: Klar ist, dass Amerika in sämtlichen Ranglisten, die Auskunft über den Privatbesitz von legal erworbenen Schusswaffen geben, mit grossem Vorsprung an der Spitze steht. Mit Revolvern und Schiessgewehren lässt sich deshalb in Amerika gutes Geld verdienen. Gemäss einer Zusammenstellung der Lobby-Organisation NSSF (National Shooting Sports Foundation) beschäftigt die Branche mehr als 260 000 Menschen – vom Hersteller von Munition bis zum Betreiber eines Schiessplatzes. Die Wertschöpfung der Branche habe sich im Jahr 2014 auf fast 43 Milliarden Dollar belaufen, sagt die NSSF. In den Augen des Dachverbandes weist die Industrie ein grosses Wachstumspotenzial auf. So stieg die Zahl der direkt in der Branche angestellten Menschen von 2008 bis 2014 um fast 80 Prozent.

Viel mehr Waffenproduzenten

Diese Zahlen sind allerdings ein wenig irreführend. In Tat und Wahrheit befindet sich die Branche in einem massiven Konsolidierungsprozess – Waffenflut hin oder her. Dies zeigen separate Zahlen des Justizministeriums. So gab es in den Neunzigerjahren fast 250 000 registrierte Waffenhändler in den USA. Im vorigen Jahr waren es noch 55 000. Auch die Zahl der Hersteller von Munition sank von mehr als 12 000 im Fiskaljahr 1986 auf rund 2500 im Jahr 2014. Branchenintern gilt das gesetzlich wenig regulierte Geschäft mit Munition als besonders lukrativ. Immerhin verzeichnete das US-Justizministerium im selben Zeitraum eine veritable Explosion der Zahl der Waffenhersteller. In den Neunzigerjahren gab es etwas mehr als 1000 Produzenten von Revolvern und Gewehren. Heute sind es fast 10 000.

Weitere Minusjahre folgen

Das Beratungsunternehmen Ibis World geht aber davon aus, dass diese Boom-Phase im amerikanischen Waffengeschäft zu Ende ist. So gab Ibis World kürzlich bekannt, dass die Waffenindustrie im Jahr 2014 einen Umsatzrückgang um 6,4 Prozent habe hinnehmen müssen. Und für die Zukunft soll es weiter bergab gehen: 2015 und 2016 würden weitere Minusjahre folgen. Die sinkende Nachfrage im Inland, die mit einer gewissen Sättigung des Marktes erklärt werden kann, liesse sich auch durch ein Ankurbeln der Exporte nicht kompensieren.

Munitionsverkäufe sinken

Aktuelle Geschäftszahlen von zwei der grössten Waffenhersteller deuten darauf hin, dass von dieser Entwicklung wohl nicht alle Unternehmen gleich stark betroffen sein werden. Die Nummer zwei in der Industrie, der Mischkonzern Vista Outdoor Operation – zu dem die Waffenschmiede Savage Arms gehört –, vermeldete im abgelaufenen Quartal ein Umsatzplus von 5 Prozent. «Uns gelang es, mehr Schiesswaffen zu verkaufen», sagte Finanzchef Stephen Nolan. Die Freedom Group hingegen, Herstellerin solch bekannter Marken wie Remington und Bushmaster, verzeichnete in der Sparte Schiessgewehre einen Umsatzrückgang von fast 20 Prozent im Quartalsvergleich. Auch die amerikanischen Munitionsverkäufe brachen um mehr als 22 Prozent ein.

Die Anzahl Schusswaffen pro 100 Einwohner. (Bild: Oliver Marx)

Die Anzahl Schusswaffen pro 100 Einwohner. (Bild: Oliver Marx)

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