Sturm auf das Kapitol

Begegnung mit Trumps Schamane: «Sie haben den Schwanz eingezogen und sind gerannt»

Die auffälligste Figur beim Sturm auf das Kapitol war ein 33-Jähriger mit Hornmütze. Er gehört einer weit verbreiteten Verschwörungstheorie an, die Donald Trump als Erlöser feiert. Nach dem Kapitol-Sturm traf der «Schamane» auf unseren Korrespondenten.

Renzo Ruf aus Washington und Fabian Hock
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Jake Angeli (m) mit Büffelhörnern und Megafon im Kapitol.

Jake Angeli (m) mit Büffelhörnern und Megafon im Kapitol.

AP

Plötzlich ergab für Jake Angeli alles einen Sinn. Die Verschwörung in höchsten Regierungskreisen. Kinderschänderringe, organisiert von mächtigen Demokraten. Hillary Clintons Folterkeller unter einer Pizzeria in Washington. Die Verschwörungstheorie QAnon bringt ans Licht, was Angeli schon lange geahnt hatte: Die Welt wird kontrolliert von Geheimbünden, die für Leute wie ihn nichts Gutes im Sinn haben. «Mein Gott», schreibt er in den sozialen Medien, «ich sehe jetzt, was los ist».

Der Einzige, der hart arbeitende Patrioten wie ihn aus den Fängen dieser mächtigen, diffusen Gestalten befreien kann, heisst Donald Trump. Unter QAnon-Anhängern in den USA ist diese Erkenntnis weit verbreitet. Deshalb stülpt sich der 33-jährige «Schamane», wie Angeli genannt wird, seine Fellmütze mit den Büffelhörnern über und marschiert für seinen Präsidenten. So wie am Mittwoch in Richtung Kapitol.

Das Gesicht des Kongress-Sturms

Gemeinsam mit einigen Mitstreitern verschaffte sich Angeli Zugang zum Parlamentsgebäude und drang bis in den Sitzungssaal des Senats vor. Behörnt, das Gesicht bemalt, der tätowierte Oberkörper frei, posierte er dort für die Kameras. Auf seinem Bauch prangt die angeblich magische Waffe des Gottes Thor – ein in der rechtsextremen Szene beliebtes Symbol.

Angeli dürfte in den Tagen danach das am häufigsten abgedruckte Motiv für den Sturm auf den Kongress gewesen sein. Auch nach dem Ende seiner Aktion hatte er es nicht eilig, den Tatort zu verlassen. Mit seinem Kostüm paradierte er vor der Ostfassade des Kongresses auf und ab, und sprach mit Mitstreitern und Journalisten.

Er habe eigentlich nicht geplant, das Parlamentsgebäude zu stürmen, sagte er, während er mit starrem Blick den Fragesteller fixierte. «Dude», sagte er in einem freundlichen Tonfall, «ich schwimme bloss mit dem Strom». Als sich einige «Patrioten» dazu entschlossen hätten, das Gebäude zu stürmen, habe er sich ihnen angeschlossen.

«Ich sass auf dem Stuhl von Mike Pence»

Als er sich dann im Parlamentsgebäude befand, «wollte ich in den Versammlungssaal des Senats gehen, keine Frage». Gesagt, getan. Zu einer Konfrontation mit den Senatoren kam es aber nicht. Als Angeli den prachtvollen Raum betrat, befanden sich die Volksvertreter bereits in Sicherheit. «Sie zogen ihren Schwanz ein und sind gerannt», prahlte Angeli. Und: «Ich sass auf dem Stuhl von Mike Pence», dem Vizepräsidenten, der im rechten Amerika nun als Verräter bezeichnet wird, weil er mit Trump gebrochen hat.

Die Aktion dürfte Angeli - der eigentlich Jacob Chansley heisst; Jake Angeli ist eine Art Bühnenname - und QAnon weitere Aufmerksamkeit bescheren. Symbole der in Internetforen entstandenen Bewegung sind an Trump-Veranstaltungen ohnehin allgegenwärtig. Der Präsident distanzierte sich nie wirklich von ihr. Folgerichtig gehörten Anhänger der Verschwörungstheorie auch zur Speerspitze des Sturms auf das Kapitol.