US-Aussenpolitik
USA-Experte Spillmann: «Ohne Weltpolizist USA wird die Welt unsicherer»

Kurt R. Spillmann, emeritierter Professor für Sicherheitspolitik an der ETH Zürich und Amerikaexperte äussert sich im Interview zum Entscheid von US-Präsident Barack Obama, seine Truppen aus Afghanistan abzuziehen.

Christian Nünlist
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Amerikaexperte Kurt R. Spillmann:

Amerikaexperte Kurt R. Spillmann:

Keystone

Herr Spillmann, Amerika reduziert die Zahl seiner Truppen in Afghanistan: Bis Ende 2012 werden 33‘000 Soldaten abgezogen. Ist das der Anfang vom Ende des 10-jährigen Afghanistankriegs?

Kurt R. Spillmann: Das muss es sein, das hat Barack Obama so verkündet. Der Abzug erfolgt allerdings nicht in der erwarteten Geschwindigkeit.

Obama muss für seinen Entscheid viel Kritik einstecken. Zu wenig Truppen heimgebracht. Zu viele Truppen abgezogen. Demokraten, Republikaner, Militärs sind unzufrieden.

Das stimmt. Man muss allerdings immer betonen: Obama hat diesen Krieg gegen seinen Willen geerbt und er muss ihn fortsetzen, so dass Amerika möglichst ohne Gesichtsverlust davon kommt. Obama hat das richtige getan, nämlich den Abzug bereits angekündigt. Dass er ihn jetzt so staffelt, ohne das die bisherigen relativen Gewinne verloren gehen, halte ich für ein kluges und massvolles Vorgehen.

Obama argumentiert, von Afghanistan gehe keine Terrorgefahr mehr aus, das Hauptziel der Afghanistanmission sei damit erfüllt.

Afghanistan wird jedoch in absehbarer Zeit nicht zu einem kontrollierbaren Rechtsstaat werden. Ob die Kaida stark oder schwach ist, ob die Taliban stark oder schwach sind, das ist nicht entscheidend. Wie in Jemen oder Somalia kann sich der islamische Terrorismus auch in Afghanistan jederzeit wieder einnisten und operativ stark werden. Diese Staaten funktionieren nach ganz anderen Gesichtspunkten und Gesetzmässigkeiten als westliche Rechtsstaaten.

Wie stark ist die afghanische Armee inzwischen? Kann sie die Sicherheit im eigenen Land garantieren?

Es wird nicht gelingen, Afghanistan grundlegend zu verändern und zu modernisieren. Viel zu stark ist die tribale Vergangenheit, viel zu tief der Lebens- und Bildungsstandard. Viel zu intensiv sind die Menschen damit beschäftigt, ihre eigene Haut zu retten.

Sehen Sie Parallelen zwischen Obamas Versuch, Bushs Afghanistankrieg ohne Gesichtsverlust für Amerika zu beenden, und dem Versuch von Präsident Richard Nixon, den Vietnamkrieg seines Vorgängers Lyndon B. Johnson ehrenvoll zu beenden?

Es ist durchaus vergleichbar. Der Bruch damals war allerdings stärker, bei Nixon hat Henry Kissinger einen radikalen Kurswechsel durchgesetzt. Jetzt hat Obama selbst entschieden, auch im Hinblick darauf, dass er nächstes Jahr wiedergewählt werden will.

Wie damals Kissinger wollte heute Vizepräsident Joe Biden eine radikale Wende, weg von Anti-Guerilla-Krieg gegen die Taliban hin zum reinen Antiterrorkampf gegen die Kaida. So weit ging Obama aber nicht.

Ja, der Einfluss von Pentagonchef Bob Gates ist seit 2009 stärker geworden und die liberale Position von Joe Biden hat in den letzten zweieinhalb Jahren an Wichtigkeit verloren.

70 000 Soldaten bleiben - Afghanistan bleibt also Obamas Krieg...

Es sind mehr Truppen, als Obama ursprünglich dalassen wollte. Obama hat sich allgemein stärker von den liberalen Zielen hin zur Mitte bewegt und sucht damit einen Kompromiss mit den Republikanern.

Obama betonte in der Afghanistan-Rede sehr stark die Wirtschaftskrise in Amerika und die gigantischen Kriegskosten in Afghanistan, Irak und Libyen. Droht nun die Rückkehr der USA zum Isolationismus?

Die Stimmen kommen von links und rechts, dass Amerika sich auf sich selbst konzentrieren sollte. Und diese Stimmen sind auch sehr berechtigt. Aber es herrscht alles andere als eine Aufbruchsstimmung in Amerika. Es gibt keinerlei Bereitschaft, vor allem bei den Republikanern, zu einer konstruktiven Innenpolitik Hand zu bieten. Sondern im schlimmsten Sinne wird im Washingtoner Stil nur noch Machtpolitik betrieben. Die Ziele der Gesellschaft als Ganzes werden dabei nicht verfolgt und die wahren Probleme nicht gelöst.

Was bedeutet es für die Welt, wenn sich der Weltpolizist Amerika zurückzieht?

Das bedeutet natürlich, dass die Welt unsicherer wird. Denn die UNO ist ohne die USA nicht in der Lage, eine machtvolle, einflussreiche Politik zu betreiben. Ohne den militärischen Arm der US-Truppen ist die UNO schwach. Das ist die Tragödie.