USA: Hillary Clinton meldet sich zurück – mit einer dicken Abrechnung

Nächste Woche kommt in den USA das neuste Buch von Hillary Clinton auf den Markt – ein Wälzer, der sämtliche Schuldigen benennt, die dafür verantwortlich waren, dass sie im vorigen Jahr die Präsidentschaftswahl verlor.

Renzo Ruf, Washington
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Hillary Clinton betritt eine Bühne während des Präsidentschaftswahlkampfs. (Bild: Andrew Harnik/AP (Pittsburg, 7. November 2016))

Hillary Clinton betritt eine Bühne während des Präsidentschaftswahlkampfs. (Bild: Andrew Harnik/AP (Pittsburg, 7. November 2016))

Renzo Ruf, Washington

Bernie Sanders mag nicht streiten. Angesprochen auf die happigen Vorwürfe, die Ex-Rivalin Hillary Clinton dem ehemaligen demokratischen Präsidentschafts- kandidaten in ihrem neusten Buch macht, sagte der linkspopulistische Senator aus Vermont am Donnerstag nur: «Lasst uns nicht länger über 2016 debattieren.» Er verstehe zwar, dass Clinton immer noch sauer sei, dass sie gegen den «unpopulärsten» Anwärter auf das Weisse Haus in der Geschichte der USA verloren habe. «Unsere Aufgabe ist es aber nicht, das Rad der Geschichte zurückzudrehen.» Stattdessen müssten sich Politikerinnen und Politiker, die sich am linken Rand des politischen Spektrums verordneten, nun den aktuellen Herausforderungen stellen, sagte Sanders während eines Auftritts in der «Late Show» auf dem Fernsehsender CBS.

Sanders, der offiziell gar nicht der Demokratischen Partei angehört, wird es wohl in den nächsten Tagen nicht vermeiden können, etwas ausführlicher auf die Vorwürfe Clintons einzugehen. Denn das Buch der gescheiterten Gegnerin von Präsident Donald Trump wird am kommenden Dienstag offiziell publiziert – und zumindest in Hochburgen der Demokraten einigen Wirbel verursachen. Journalisten, die sich bereits ein Exemplar von «What happened» (Deutsch: «Was sich abgespielt hat») beschafft haben, nennen das 500 Seiten starke Werk eine Rechtfertigungsschrift einer tief enttäuschten Politikerin – die sich auch zehn Monate nach der Präsidentenwahl nicht mit ihrer Niederlage abgefunden habe.

Clinton attackiert das FBI, Trump, Obama und Sanders

Also benennt Clinton Schuldige. Da ist zum Beispiel James Comey: Der ehemalige FBI-Direktor trieb eine strafrechtliche Untersuchung gegen die ehemalige Aussenministerin voran, weil diese von 2009 bis 2013, in ihrer Amtszeit als Chefdiplomatin, auf eine private E-Mail-Adresse zurückgegriffen hatte und es mit den Geheimhaltungsvorschriften ihres Ministeriums nicht immer ganz genau nahm. Sie hätte sich aggressiver gegen Comey wehren müssen, schreibt Clinton, weil der Bundespolizist ganz klar seine Kompetenzen überschritten und sich als Untersuchungsrichter aufgespielt habe. Ihre Berater hätten sie aber davon überzeugt, dass eine Anti-Comey-Kampa­gne sich als Bumerang erweisen würde. Dass sie diesem Ratschlag Folge geleistet habe, «war ein Fehler», schreibt Clinton.

Die Demokratin teilt auch gegen Donald Trump aus, dem sie vorwirft, sich im Wahlkampf sexistisch verhalten zu haben. Sie kritisiert die Medienberichterstattung des vergangenen Jahres und wirft der «New York Times» vor, eine Kampagne gegen sie betrieben zu haben. Und sie attackiert Barack Obama, weil der Präsident während seiner Amtszeit zu wenig Rücksicht auf die Befindlichkeiten gewisser Landesteile genommen habe. Auch hält sie dem Parteikollegen vor, dass sich die Regierung nicht entschieden genug gegen die russischen Beeinflussungsversuche im Wahlkampf gewehrt habe.

Am schärfsten geht Clinton aber mit Bernie Sanders ins Gericht. Der Senator habe im Vorwahlkampf unrealistische Versprechungen gemacht und sie damit in Zugzwang gebracht. Auch habe er ihre Integrität hinterfragt. Damit habe er sich letztlich zum Wasserträger Trumps gemacht, der mit dem Schlagwort «Korrupte Hillary» ­(«Crooked Hillary») auf Stimmenfang ging. «Ich bin stolz, eine Demokratin zu sein», schreibt Clinton, «und ich wünsche mir, Bernie wäre es auch.»

Demokraten haben Sanders’ Linkskurs eingeschlagen

Offen ist, was Clinton – die sich übrigens in einzelnen Passagen durchaus auch selbstkritisch zeigt – mit ihrem Buch bezwecken will. Ihre Partei hat die Lehren aus der Niederlage längst gezogen, und hochrangige Volksvertreter haben keine Lust, einmal mehr über Hillary, ihren Mann Bill und die politischen Pläne des berühmtesten Ehepaars in der jüngsten amerikanischen Politgeschichte zu sprechen. In der Praxis hat Sanders die Auseinandersetzung um die Zukunft der Demokraten übrigens nachträglich gewonnen – obwohl er doch in den Vorwahlen als Verlierer vom Feld ging. Die Demokraten haben, zumindest seit dem Amtsantritt von Präsident Trump, einen scharfen Linkskurs eingeschlagen.