USA: Jüdische Friedhöfe geschändet: «Geplante, vorbereitete Attacken»

Jüdische Gemeinden in den USA verzeichnen eine Zunahme antisemitischer Gewalt. Beobachter sehen einen Zusammenhang mit der wachsenden nationalistischen Bewegung, die Donald Trump nahesteht.

Isabelle Daniel
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Rabbiner Joshua Bolton begutachtet die Schäden auf dem Mount-Carmel-Friedhof in Philadelphia. (Bild: Jacqueline Larma/AP (27. Februar 2017))

Rabbiner Joshua Bolton begutachtet die Schäden auf dem Mount-Carmel-Friedhof in Philadelphia. (Bild: Jacqueline Larma/AP (27. Februar 2017))

Isabelle Daniel

Erneut ist in den USA ein jüdischer Friedhof geschändet worden. Besucher entdeckten am Montag mehr als 460 umgestürzte und teils zerschlagene Grabsteine. Auch muslimische Gräber wurden beschädigt. Erst in der Vorwoche hatte es in St. Louis im Bundesstaat Missouri einen ähnlichen Vorfall gegeben. Die Er­eignisse stehen in einer Reihe antisemitischer Vorfälle, die laut jüdischen Gemeinden seit dem Amtsantritt von Donald Trump zugenommen haben. So erhielten mehr als 80 jüdische Einrichtungen in den USA in den vergangenen Tagen Bombendrohungen, wie unter anderem die «New York Times» berichtete.

«Das Ausmass zeigt, dass es sich hier nicht um die Tat eines Einzelnen oder einiger fehlgeleiteter Jugendlicher handelt. Die Attacken wurden geplant und vorbereitet», sagt Jacob Labendz, der an der Pennsylvania State University jüdische Geschichte lehrt. Der Historiker warnt davor, die gegen jüdische Orte und Einrichtungen gerichteten Angriffe als «rein antisemitisch» zu ­bewerten. «Die Anschläge auf die beiden Friedhöfe und die Dutzenden Bombendrohungen gegen jüdische Einrichtungen stehen in dem breiteren Zusammenhang eines wachsenden weissen Nationalismus und Hasses in den USA. Betroffen davon sind nicht nur Juden, sondern auch Muslime, Schwarze, Einwanderer und Homosexuelle.»

«Immer sichtbarere nationalistische Bewegung»

Die Friedhofsschändungen stellten eine Zurückweisung der langsamen Integration von Juden in die weisse amerikanische Gesellschaft während der vergangenen 70 Jahre dar, sagt Labendz. Dahinter stecke die Aussage, dass Juden nicht zu einer nach rassistischen Kriterien definierten ­Nation gehörten. «Wir müssen uns fragen, ob uns die Friedhofsschändungen so schockieren, weil sie als Beweis für eine immer gewalttätigere und sichtbarere weisse nationalistische Bewegung dienen. Oder eher, weil diese Bewegung nun so öffentlich eine Gruppe attackiert hat, von der wir dachten, sie sei in Amerika im Allgemeinen sicher.»

US-Präsident Trump habe es bislang versäumt, sich in hinreichendem Masse gegen die Zunahme an Antisemitismus und ­Islamfeindlichkeit zu äussern, ­kritisiert Labendz. Mitte Februar war es während einer Pressekonferenz im Weissen Haus zu einem Eklat gekommen, als Trump den jüdischen Journalisten Jake Turx einen «Lügner» genannt und ihm das Wort entzogen hatte. Zuvor hatte Turx den Präsidenten gebeten, zu den antisemitischen Vorfällen der jüngeren Vergangenheit Stellung zu nehmen und zu erklären, welche Massnahmen gegen Antisemitismus die Regierung Trump vorsehe. Später behauptete Trump, die antisemitischen Attacken gingen von seinen politischen Gegnern aus. Labendz hält diese Behauptung für absurd – ebenso wie den «Versuch rechtsgerichteter Ideologen, Antisemitismus zu einer Angelegenheit von Linken und Muslimen zu machen. Das ist beleidigend», so Labendz. Muslime in den USA hätten sich «in grossartiger Weise» mit den bedrohten jüdischen Gemeinden solidarisiert.

Nationalistische Bewegung ermutigt von Trump-Wahl

Inwiefern Trumps Präsidentschaft mit der Zunahme an Antisemitismus zusammenhängt, ist Gegenstand einer aktuellen Debatte in den USA. Nach Trumps verbaler Attacke auf Jake Turx warnte die «Washington Post» vor verfrühten Schlussfolgerungen. Für Jacob Labendz ist zumindest eines klar: «Trumps Wahl hat dabei geholfen, eine ­nationalistische Bewegung, die sich schon Jahre zuvor formiert hatte, zu mobilisieren. Dies hat dem alten Mythos von der jüdischen Weltherrschaft neues Leben eingehaucht.» Für Anhänger dieser Bewegung sei Antisemitismus ein Code, um ihre Zugehörigkeit auszudrücken.

«In beschämender Weise greifen auch unsere Politiker Muslime, Schwarze oder Einwanderer verbal an. Das kann zu Gewalt motivieren. Gerade weil Juden viel seltener das Ziel solcher verbaler Attacken sind, drückt öffentlich propagierter Antisemitismus einen besonders radikalen Standpunkt aus», so Labendz.