USA
«Let's go Brandon» schreien Kritiker von Joe Biden – dahinter verbirgt sich ein vulgärer Angriff auf den Präsidenten

Joe Biden befindet sich, ziemlich genau einem Jahr nach seinem Sieg bei der Präsidentenwahl, in einem Stimmungstief. Die Ablehnung, die dem Präsidenten in der Öffentlichkeit entgegenschlägt, nimmt zunehmend krude Züge an.

Renzo Ruf, Culpeper
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«Let’s go Brandon»: Der Spruch ist besonders bei NASCAR-Rennen derzeit allgegenwärtig.

«Let’s go Brandon»: Der Spruch ist besonders bei NASCAR-Rennen derzeit allgegenwärtig.

Chris Graythen / Getty Images North America

Kürzlich in einem Restaurant in der Provinz, 90 Autominuten vom Weissen Haus in Washington entfernt. Gegen 100 Menschen warten auf Glenn Youngkin, einem ehemaligen Geschäftsmann, der sich am 2. November für die Republikaner um den Gouverneursposten im US-Bundesstaat Virginia bewirbt. Die Anwesenden schwatzen miteinander oder stehen sich die Beine in den Bauch.

Da bricht Kurt Christensen, ein lokal bekannter konservativer Aktivist, in einen Sprechgesang aus. «Let's go Brandon», auf gehts Brandon, schreit der Mittsechziger, und klopft dazu rhythmisch auf eine Bartheke. Einige Parteifreunde stimmen in den Sprechgesang ein, andere grinsen bloss vor sich hin. Aber plötzlich herrscht Stimmung im Restaurant, zur grossen Freude von Christensen.

Der Schlachtruf «Let's go Brandon» ist im Wahlkampf um den Gouverneursposten in Virginia allgegenwärtig. Das Bild zeigt Demonstrantinnen und Demonstranten am Rande eines Auftrittes von Vizepräsidentin Kamala Harris in Dumfries am 21. Oktober.

Der Schlachtruf «Let's go Brandon» ist im Wahlkampf um den Gouverneursposten in Virginia allgegenwärtig. Das Bild zeigt Demonstrantinnen und Demonstranten am Rande eines Auftrittes von Vizepräsidentin Kamala Harris in Dumfries am 21. Oktober.

Yuri Gripas / Pool / EPA

Solche Szenen spielen sich im Herbst 2021 fast überall ab, kaum versammelt sich eine Gruppe von Republikanerinnen und Republikanern. «Let's go Brandon» ist, ein Jahr nach dem Wahlsieg des demokratischen Präsidenten Joe Biden, der neue Slogan der amerikanischen Opposition. Am informellen Schlachtruf der Republikaner gibt es kein Vorbeikommen. Vorige Woche schloss ein sichtlich verärgerter Volksvertreter gar seine Rede im Repräsentantenhaus in Washington mit «Let's go Brandon» ab.

Doch was steckt hinter dem Sprechgesang? Und: Wer ist Brandon? Die kurze Antwort auf diese Frage: Brandon gibt es nicht. Der Name steht stellvertretend für Präsident Biden. Und mit «Let's go» ist eigentlich das Gegenteil gemeint.

Die Geschichte beginnt auf dem Talladega Superspeedway: Einer landesweit bekannten Rennstrecke in der Provinz von Alabama, in der sich die Spitzenfahrer der Autorennserie NASCAR zweimal pro Jahr messen. Anfang Oktober gewann Brandon Brown dort sein erstes Rennen. Überglücklich rief er den Zehntausenden von Fans «Let's go!» zu, bevor er sich für ein Siegerinterview mit einer Reporterin des Fernsehsenders NBC in Szene warf. Das Gespräch fand in der Nähe der Tribüne statt und wer genau zuhörte, konnte den Schlachtruf «Fuck Joe Biden» ausmachen – ein derber Sprechgesang, der seit einigen Monaten gerade bei Sportanlässen immer wieder zu hören ist, sobald die Kameras laufen und die Mikrofone positioniert sind.

Das Interview mit dem Rennfahrer Brandon Brown, das einen neuen Trend begründete.

Das Geschrei war derart laut, dass die Reporterin geistesgegenwärtig sagte: «Wir können das Publikum hören», das «Let's go Brandon» rufe. Dabei lachte sie verlegen – als sei ihr bewusst, dass die beiden Schlachtrufe zwar vielleicht lautmalerisch ähnlich klingen, aber inhaltlich wenig gemeinsam haben. (Das Wort «Fuck» ist, auch in Amerika, ein äusserst derbes Schimpfwort; Radio- und Fernsehsendern ist es deshalb untersagt, es bewusst weiterzuverbreiten.)

Ein T-Shirt mit dem Aufdruck «Let's go Brandon» kostet 45 Dollar

Konservative Sprachrohre, talentiert im Verbreiten von Memes über soziale Medien, stürzten sich genüsslich auf diesen Vorfall – auch weil die Unzufriedenheit über die Arbeit der Regierung Biden in der amerikanischen Bevölkerung wächst. Dies lässt sich auch mit negativen wirtschaftlichen Neuigkeiten erklären: So ist der Benzinpreis seit dem Wahlsieg des Demokraten vor zwölf Monaten landesweit um umgerechnet fast 30 Rappen angestiegen. Zudem drückt die vergleichsweise hohe Inflationsrate und der Versorgungsengpass auf die Stimmung.

Der Fernsehsender Fox News Channel griff das neue Phänomen auf. Und wenige Tage später begann das Wahlkampfvehikel von Donald Trump, der mit einer Rückkehr ins Weisse Haus liebäugelt, ein T-Shirt mit dem Slogan zu verkaufen. Kaufpreis: Stolze 45 Dollar. Die Sprecherin des abgewählten Präsidenten verbreitete diese Neuigkeit auf dem Kurznachrichtendienst Twitter unter dem Hashtag FJB, der Abkürzung für «Fuck Joe Biden».

Nun ist es nicht neu, dass Präsidenten kritisiert werden. Und dass unzufriedene Amerikanerinnen und Amerikaner dabei auf Wörter und Gesten zurückgreifen, die für Kinder nicht geeignet sind, mag wohl ebenfalls niemand erstaunen. Unter Bidens Vorgänger beispielsweise errang eine Frau aus Virginia einen (temporären) Heldinnenstatus unter demokratischen Parteifreunden, weil sie 2017 der Autokolonne des Präsidenten den Stinkefinger zeigte – und daraufhin ihren Job verlor.

Neu ist aber die Aggressivität und Verbissenheit, mit der die Biden-Gegner vorgehen. So waren die Sprechgesänge konservativer Aktivistinnen und Aktivisten klar zu hören, als der Präsident vor zehn Tagen eine Kinderkrippe in Connecticut besuchte. Während er sich auf dem Spielplatz der Krippe umschaute, und mit kleinen Kindern sprach, war das Geschrei seiner Opponenten zu hören, die «Fuck Joe Biden» riefen.

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