USA: Massive Vorwürfe gegen Kirche

Ein Untersuchungsbericht deckt die kriminelle Energie auf, mit der römisch-katholische Geistliche im Bundesstaat Pennsylvania in den letzten sieben Jahrzehnten Kinder vergewaltigten oder sexuell missbrauchten.

Renzo Ruf, Washington
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Bischof Ronald Gainer äussert sich während einer Medienkonferenz zu den Ergebnissen des Untersuchungsberichts. (Bild: Mark Scolforo/AP (Harrisburg, 1. August 2018))

Bischof Ronald Gainer äussert sich während einer Medienkonferenz zu den Ergebnissen des Untersuchungsberichts. (Bild: Mark Scolforo/AP (Harrisburg, 1. August 2018))

Das Dokument des Schreckens zählt 1356 Seiten und lässt den Leser sprachlos zurück. Da ist das 7-jährige Mädchen, das in den frühen Sechzigerjahren im Spital durch einen Pater vergewaltigt wurde, nachdem es sich die Mandeln hatte entfernen lassen. Oder der junge Teenager, der in den Siebzigerjahren nackt in der Wohnung eines Priesters aufwachte. Oder der Geistliche, der zugab, mindestens 15 Knaben vergewaltigt zu haben.

Nachzulesen sind diese Vorfälle in einem am Dienstag im Bundesstaat Pennsylvania veröffentlichten Untersuchungsbericht eines Grossen Geschworenengerichts. Im Auftrag von Justizminister Josh Shapiro, einem Demokraten, untersuchten die Geschworenen zwei Jahre lang sexuelle Missbrauchsvorfälle in sechs katholischen Diözesen im Staat an der Ostküste.

Interne Berichte in «geheimen Archiven»

Dabei stiessen sie nicht nur auf die tragischen Geschichten von mehr als 1000 Opfern, die in den vergangenen sieben Jahrzehnten von mehr als 300 Geistlichen missbraucht wurden. Sie fanden auch ein dichtes Netz von Lügen – das von hochrangigen Geistlichen der katholischen Kirche gestrickt wurde, die Angst davor hatten, dass die breite Öffentlichkeit von den kriminellen Vorfällen erfahren könnte. So wurden die entsprechenden internen Berichte in «geheimen Archiven» aufbewahrt, zu denen nur hochrangige Geistliche Zugang hatten.

Zur grossen Frustration des Geschworenengerichts – einem Gremium von Laien, das im Zuge der Ermittlungen mit den Vollmachten einer Untersuchungsbehörde ausgestattet wurde – werden die meisten Taten ungesühnt bleiben. Pater James Beeman ­beispielsweise, der Priester, der das 7-jährige Mädchen im Spital vergewaltigte, ist tot. Er starb 2016, im hohen Alter von 90 Jahren, nachdem er zuletzt in den frühen Neunzigerjahren in einem Gefängnis als Kaplan tätig gewesen war. Gemäss dem Untersuchungsbericht hatte er bereits Jahre vor seinem Tod den sexuellen Missbrauch an mehreren Kindern zugegeben. Er habe seine Opfer «zutiefst geliebt», lautete Beemans Begründung für seine Taten. Bischof Ronald Gainer beschloss, dass er den Rest seines Lebens Abbitte leisten müsse. Dies sei Strafe genug.

Bischof veröffentliche Liste mit Missbrauchstätern

In einer Stellungnahme gab sich Bischof Gainer zerknirscht über die Vorfälle in der Diözese Harrisburg. Er wolle sich bei den ­Opfern und der Öffentlichkeit dafür entschuldigen, dass sich der Missbrauch ereignet habe. Gainer wies aber auch darauf hin, dass er bereits Gegensteuer gegeben habe und solche Vorfälle nicht mehr ­toleriert würden. Zu Monats­beginn hatte Bischof Gainer eine Liste von 71 Geistlichen publik ­gemacht, die in seiner ­Diözese des Missbrauchs von Kindern ­beschuldigt worden waren. Damit kam er dem Druck nach, der seit Jahren auf der römisch-katholischen Kirche in den USA lastet, endlich reinen Tisch über die Missbrauchsfälle zu machen.

Weil eine Vielzahl der Täter bereits gestorben ist oder die Straftaten bereits verjährt sind, verzichtete das Geschworenengericht auf Anklageerhebungen. Die Laienermittler sprachen aber eine Reihe von Empfehlungen aus – so empfehlen sie, die Verjährungsfristen bei der Verfolgung von sexuellem Missbrauch an Kindern abzuschaffen. Auch müssten Vorgesetze von Straftätern härter angepackt werden, wenn sie ihrem Auftrag nicht nachkämen, die Misshandlung von Kindern den Behörden zu melden.