USA: Nach der Wahl ist vor der Wahl

Die Vorwahlen sind offiziell zu Ende. Nun beginnt das Rennen um die Präsidentschaft zwischen der Demokratin Hillary Clinton und dem Republikaner Donald Trump – und das dürfte schmutzig werden.

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Renzo Ruf, Washington

Falls es noch Zweifel gab, dass Amerika vor einem der schmutzigsten Wahlkämpfe der jüngeren Geschichte steht, dann räumte Donald Trump sie am Dienstagabend aus. Der 69-jährige republikanische Präsidentschaftskandidat – stilgerecht in einem seiner Golfclubs sprechend – kündigte für die kommende Woche eine Ansprache an, in der er ein Scheinwerferlicht auf die Karriere seiner demokratischen Gegnerin werfen werde. «Ich glaube, dass Sie dies sehr informativ und sehr, sehr interessant finden werden», sagte Trump vor seinen versammelten Anhängern.

Ein Vorgeschmack gefällig? Hillary Clinton, behauptete er, habe das Aussenministerium während ihrer Amtszeit (2009 bis 2013) in «einen privaten Hedgefonds» verwandelt – indem sie bei ihren internationalen Gesprächspartnern um Spendengelder für die private Clinton-Stiftung gebettelt habe. «Die Russen, die Saudis, die Chinesen gaben alle Geld», behauptete Trump. Im Gegenzug seien die Spender von Amerikas Diplomaten vorteilhaft behandelt worden.

Fokus auf Gegnerin richten

Die neuerliche Attacke auf die Clintons kommt nicht überraschend. Trump ist sehr daran gelegen, den Fokus des Wahlkampfes wieder auf seine Gegnerin zu legen – nachdem er mit unpassenden Äusserungen in den vergangenen Tagen auch unter Parteifreunden für Empörung gesorgt hatte. So befand er, dass ein Bundesrichter, der über eine Schadenersatzklage gegen die mittlerweile nicht mehr existierende Trump University befinden muss, nicht unbefangen urteilen könne, weil dessen Eltern aus Mexiko stammten. Bekanntlich will Trump eine Mauer zwischen den USA und Mexiko bauen.

Trump, ein geborener Entertainer, ist sich sehr wohl bewusst, dass er den Bogen nicht überspannen darf. Er weiss, dass viele republikanische Parteimitglieder seiner Kandidatur skeptisch gegenüberstehen. Deshalb raten Strategen ihm an, in den nächsten fünf Monaten vor allem über seine Gegnerin zu sprechen. Schliesslich gibt es keine andere Politikerin, die im konservativen Amerika unbeliebter ist als Hillary Clinton.

Greift Barack Obama ein?

Die ehemalige First Lady, ehemalige Senatorin und ehemalige Aussenministerin verfügt seit Dienstagabend – nach dem haushohen Sieg in der Vorwahl in Kalifornien – offiziell über genügend Parteitagsdelegierte, um im kommenden Monat die Nomination zur demokratischen Präsidentschaftskandidatin zu gewinnen. Zwar hat Kontrahent Bernie Sanders seine Niederlage noch nicht eingestanden. Er verwies stattdessen darauf, dass am nächsten Dienstag im Hauptstadtbezirk District of Columbia die letzte Vorwahl stattfinden werde. «Wir werden weiterkämpfen», sagte er vor Anhängern.

Aber der selbsternannte Revolutionär aus Vermont weiss natürlich, dass seine Stunde bald schlagen wird. Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Er gewann 3,7 Millionen weniger Stimmen als Clinton. Heute wird Bernie Sanders deshalb dem inoffiziellen Parteivorsitzenden der Demokraten einen Besuch abstatten, um mit Barack Obama im Weissen Haus das weitere Vorgehen zu besprechen. Obama drängt es danach, in den laufenden Wahlkampf aktiv einzugreifen. Der Präsident wird deshalb versuchen, zwischen Clinton und Sanders einen Burgfrieden zu schmieden.

Clinton will das Land einigen

Hillary Clinton wiederum nimmt in den kommenden Tagen eine Auszeit. Sie brauche einige Zeit, ihren historischen Sieg zu verarbeiten, deutete die erste Frau an, die für eine US-Grosspartei ins Rennen um das Weisse Haus steigt. Anfang nächster Woche nimmt die 68-Jährige dann den eigentlichen Wahlkampf auf, mit Reden in den umkämpften Bundesstaaten Ohio und Pennsylvania. Auch Clinton wird dabei ihren Gegner ins Zentrum stellen. Sie wolle das Land einigen, sagte sie am Dienstag, der Republikaner hingegen spalte es.

Im November wird sich zeigen, welche dieser Botschaften bei den Wählerinnen und Wählern besser ankommt. Die entscheidende Rolle werden dabei diejenigen Stimmberechtigten spielen, die sich bisher nicht in den Wahlkampf eingemischt haben. Zur Erinnerung: In der Präsidentenwahl 2012 gaben mehr als 129 Millionen Amerikaner ihre Stimmen ab. An den demokratischen und republikanischen Vorwahlen aber beteiligten sich etwas weniger als 60 Millionen Stimmberechtigte.

 

Das bewegte Leben der ersten Präsidentschaftskandidatin

Victoria Woodhull rrw. Sie war ihrer Zeit weit voraus. Als die damals 31-jährige Victoria Woodhull im Frühjahr 1870 ihre Kandidatur für das Präsidentenamt bekannt gab, war es amerikanischen Frauen verboten, an Wahlen und Abstimmungen teilzunehmen. Erst 1920 trat ein Verfassungszusatz in Kraft, der sämtlichen (weissen) Amerikanern das aktive Wahlrecht gab. Woodhull allerdings scherte sich zeitlebens nicht um Konventionen. Sie sei sich bewusst, schrieb sie, dass ihre Kandidatur zu Beginn «mehr Spott als Enthusiasmus» ernten werde. Aber Amerika lebe in einer Epoche voller Überraschungen: Was heute noch absurd wirke, könne bereits morgen ernst genommen werden.

Turbulente Zeiten

In der Tat durchlebten die vergleichsweise jungen USA eine turbulente Zeit. In den 1860er-Jahren stand die Republik vor dem Zusammenbruch: Ein blutiger, brutaler Bürgerkrieg forderte mehr als 600 000 Menschenleben. Nach der Niederlage der abtrünnigen Südstaaten wurde die Sklaverei offiziell verboten; den einst geknechteten schwarzen Leibeigenen war es plötzlich erlaubt, sich um politische Ämter zu bewerben.

Erste Frau an der Wall Street

Woodhull war von Kindesbeinen an eine Kämpferin. Sie wuchs in Ohio in einem Elternhaus auf, in dem es wenig Stabilität gab – ihre Eltern hatten finanzielle Probleme, und den zehn Kindern fehlte es am Nötigsten. Ihre erste arrangierte Ehe mit einem Alkoholiker endete mit einer Scheidung. 1865 oder 1866 folgte die zweite Hochzeit mit dem Freigeist James Harvey Blood. Das Paar zog nach New York und knüpfte dort einen Kontakt mit Cornelius Vanderbilt, dem schwerreichen Eisenbahnmagnaten. Mit seiner Unterstützung stieg sie 1870 – zusammen mit ihrer Schwester Tennessee – in den Wertpapierhandel ein und eröffnete das Unternehmen Woodhull, Clafling & Co. Die beiden Schwestern waren die ersten Frauen an der Wall Street. Woodhull wurde, zumindest in New York, zu einer Berühmtheit, wie die Autorin Ellen Fitzpatrick in ihrem Buch «The Highest Glass Ceiling» nachzeichnet.

1870 folgte der nächste Karrieresprung. Woodhull ernannte sich zur Präsidentschaftskandidatin, auch weil sie den Forderungen der Frauenstimmrechtsbewegung mehr Gewicht verleihen wollte. «Ich bin die prominenteste Vertreterin der einzigen Klasse in dieser Republik, die keine Repräsentation besitzt», schrieb sie in einem Brief an eine führende New Yorker Tageszeitung. Damit stellte sich Woodhull an die Spitze der Suffragetten, die sich für die Gleichberechtigung der Frauen im Wahllokal einsetzten.

Übers Privatleben gestolpert

Woodhull war aber mehr als Kandidatin der Equal Rights Party und Aushängeschild der feministischen Bewegung. Sie kritisierte den amtierenden Präsidenten Ulysses Grant, dessen Regierung von Korruptionsskandalen durchgeschüttelt wurde. Sie sprach über eine Reform des Justizwesens und eine Neuorientierung der amerikanischen Aussenpolitik. Um ihren Positionen mehr Gewicht zu verleihen, lancierte sie ihre eigene Zeitschrift. Und sie nominierte den landesweit bekannten Bürgerrechtler Frederick Douglass als ihren Vize. Der Afroamerikaner lehnte die Nomination ab und trat stattdessen im Wahlkampf für Präsident Grant auf.

Anfänglich ritt Woodhull auf einer Welle der Zustimmung. Im Frühjahr 1871 allerdings stolperte sie über ihr Privatleben. Aufgrund von Indiskretionen wurde publik, dass Woodhull die Bande zu ihrem Ex-Gatten nicht gekappt hatte und dass sie mit zwei Männern zusammenlebte. Dies gab Spekulationen über ihr Vorleben neuen Auftrieb. Darüber war Woodhull derart erzürnt, dass sie zum Gegenangriff schritt und das Privatleben ihrer Kritiker an die Öffentlichkeit zerrte.

Stimmen im Papierkorb gelandet

Am 5. November 1872, als die amerikanischen Männer erstmals Gelegenheit hatten, einer Präsidentschaftskandidatin die Stimme zu geben, sass Woodhull hinter Gittern. Mit dem Brandbrief gegen ihre Kritiker hatte sie gegen die Sittengesetze verstossen; sie wanderte für einen Monat ins Gefängnis. 1876 liess sich Woodhull scheiden und verliess ihre Heimat. Die erste US-Präsidentschaftskandidatin starb 1927 in England.

Wie viele Stimmen Woodhull im Jahr 1872 erhielt, ist übrigens nicht überliefert. Angeblich warfen die Stimmenzähler ihre Wahlzettel in den Papierkorb.

Victoria Woodhull auf einer um 1860 gemachten Aufnahme. (Bild: Wikimedia Commons)

Victoria Woodhull auf einer um 1860 gemachten Aufnahme. (Bild: Wikimedia Commons)