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USA: Was Trump und Nixons «Madman Theory» gemeinsam haben

Was treibt den US-Präsidenten an, seinem Aussenminister Rex Tillerson bei der Nordkorea-Politik in den Rücken zu fallen? Vielleicht liegt die Antwort in einer Theorie, die Richard Nixon in den Sechzigerjahren entwickelte.
Renzo Ruf, Washington
Richard Nixon bei einer Pressekonferenz während des Watergate-Skandals. (Bild: Charles Tasnadi/AP (Washington, 15. März 1973))

Richard Nixon bei einer Pressekonferenz während des Watergate-Skandals. (Bild: Charles Tasnadi/AP (Washington, 15. März 1973))

Renzo Ruf, Washington

Natürlich hat Donald Trump während seiner acht Monate im Amt die Massstäbe über den Haufen geworfen, mit denen bisher die Tätigkeit des amerikanischen Präsidenten bewertet wurde. Als er aber am Sonntag – über den Kurznachrichtendienst Twitter – seinem Aussenminister in die Parade fuhr, sorgte Trump selbst unter abgebrühten Politbeobachtern für grosses Erstaunen.

Der Präsident schrieb: «Ich habe Rex Tillerson, unserem wunderbaren Aussenminister, gesagt, dass er seine Zeit verschwende, wenn er versuche, mit dem kleinen Raketenmann zu verhandeln.» Dazu muss man wissen: «Kleiner Raketenmann» (im Original: «Little Rocket Man») lautet der Spitzname, der Trump dem nordkoreanischen Diktator Kim Jong Un gegeben hat und an dem er, trotz des Widerstandes seiner Berater, festhält. Und Tillerson hatte am Samstag während einer Visite in Peking offiziell bestätigt, dass Washington im direkten Kontakt mit Pjöngjang stehe, um den Konflikt um das Nuklearprogramm des nordkoreanischen Regimes zu lösen.

Es ist anzunehmen, dass der Präsident Bescheid wusste von diesen Hinterzimmer-Gesprächen, die angeblich auch über die nordkoreanische UNO-Mission in New York abgewickelt werden. Tillerson sprach von drei direkten Kanälen zwischen den USA und Nordkorea. Und dennoch schrieb Trump auf Twitter: «Spare dir das Theater, Rex, wir werden tun, was getan werden muss!»

Nixons sonderbare Strategie

Washington wäre aber nicht Washington, wenn einige kluge Köpfe nicht auch für eine derart sonderbare Strategie eine einfache Erklärung parat hätten: die «Madman Theory». Erfinder dieser Theorie ist ausgerechnet Richard Nixon, ein Mann, an dem sich auch 43 Jahre nach seinem Rücktritt im Zuge des Watergate-Skandals noch die Geister scheiden. Im Wahlkampf 1968 sagte der Republikaner seinem engen Vertrauten Bob Haldeman, den er 1969 zum Stabschef im Weissen Haus berufen würde: «Ich will, dass die Nordvietnamesen glauben, ich hätte den Punkt erreicht, an dem ich alles tun würde, um den Krieg zu stoppen.»

In den Verhandlungen über den Vietnamkrieg, der damals seinen blutigen Höhepunkt erreicht hatte, sollten seine Berater deshalb den Eindruck erwecken, dass er, Nixon, schwer zu bändigen sei. Und dass er auf die Bekämpfung des Kommunismus fixiert sei, seine Hand bald am sprichwörtlichen roten Knopf haben und nötigenfalls Atomwaffen zünden werde. Der Republikaner ging gar so weit, Haldeman ein Skript zu geben, das amerikanische Unterhändler in ihren Gesprächen mit den Sowjets verwenden sollten. Nixon sei paranoid und «fähig, barbarische Grausamkeiten zu begehen», lautete die Vorgabe.

Historiker wissen: Nixon liess es nicht bei Gedankenspielereien bleiben. Kurz nach Amtsantritt im Januar 1969 begannen er und seine aussenpolitischen Berater, den Druck auf das Regime in Nordvietnam zu erhöhen. Nixon schuf eine künstliche Frist (den 1. November 1969), um den kommunistischen Feind an den Verhandlungstisch zu zwingen – weil Nixon darauf zählte, dass die Sowjetunion, der Verbündete Nordvietnams, mitten im Kalten Krieg kein Interesse an einer heissen Eskalation habe. Also wies er das Pentagon an, die Verteidigungsbereitschaft der amerikanischen Streitkräfte zu erhöhen: So kreisten im Oktober 18 schwerbewaffnete B-52-Bomber über dem Nordpol. Die Strategie schien anfänglich das gewünschte Ergebnis zu zeitigen. So äusserte sich der sowjetische Botschafter in den USA in Depeschen an die Zentrale höchst besorgt über den emotionalen Zustand des neuen Präsidenten und verlangte unverzüglich ein Treffen mit Nixon und seinem aussenpolitischen Berater Henry Kissinger.

Dann aber verstrich die Frist, und Washington sah sich gezwungen, wieder zur Normalität überzugehen – und die Planung der Militäroperation «Duck Hook», die angeblich auch Atomschläge gegen nordvietnamesische Ziele vorgesehen hatte, wurde schubladisiert. Das vollständige Ausmass dieser Episode wurde erst Jahrzehnte später bekannt.

Trump könnte gleichen Fehler wiederholen

In den Augen der Historiker beging Nixon einen entscheidenden Fehler: Er unterschätzte den Kampfeswillen der Nordvietnamesen, die entgegen der damaligen Auffassung keine Marionetten der Sowjets und der Chinesen waren. Der Vietnamkrieg endete deshalb erst 1975, mit dem Rückzug der Amerikaner und dem Sieg Nordvietnams. Einen ähnlichen Fehler könnte nun auch Donald Trump begehen. Zwar hat er mit seinen wilden Drohungen gegen Nordkorea sicherlich die Aufmerksamkeit Pekings gewonnen.

Offen aber ist, was China zu diesem Zeitpunkt überhaupt noch tun kann, um das Regime in Pjöngjang zu bändigen. Trump scheint dies nicht zu stören. Übers Wochenende wurde bekannt, dass er seinen Handels­beauftragten Robert Lighthizer angewiesen habe, ihn, den Prä­si­denten, als durchgedreht («crazy») zu bezeichnen – damit Lighthizer in seinen Verhandlungen das beste Resultat erziele. Nixon wäre wohl stolz auf den 45. Präsidenten der USA.

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