Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Konto per E-Mail erhalten.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

VALETTA: Malta ist in Aufruhr

Die maltesische Hauptstadt Valletta wird nächstes Jahr Kulturhauptstadt. Mitten in den Vorbereitungen wird eine kritische Journalistin ermordet. Seither ist auf der Insel nichts mehr wie zuvor.
Dominik Buholzer, Valletta
Seit der Ermordung von Daphne Caruana Galizia kommt es auf Malta immer wieder zu Demonstrationen, so wie hier am 22. Oktober in der Hauptstadt Valletta. (Bild: Matthew Mirabelli/AFP)

Seit der Ermordung von Daphne Caruana Galizia kommt es auf Malta immer wieder zu Demonstrationen, so wie hier am 22. Oktober in der Hauptstadt Valletta. (Bild: Matthew Mirabelli/AFP)

Dominik Buholzer, Valletta

Für einen Augenblick weiss selbst Sean Borg nicht mehr weiter. «Ähm ... Nun ...», stottert der Marketing-Direktor von Valletta 2018, als die Gäste aus der Schweiz plötzlich auf das Attentat auf Daphne Caruana Galizia zu sprechen kommen. Er, der sonst so eloquent über die Aktivitäten rund um das kommende Jahr erzählt, in dem Valletta europäische Kulturhauptstadt sein wird, verliert auf einmal den Faden. «Ich hoffe persönlich, dass 2018 als Katalysator wirkt, dass mehr Leute Mut schöpfen, sich künstlerisch zu betätigen», versucht er das Gespräch wieder aufs ursprüngliche Thema zu lenken.

Der Mordanschlag auf die regierungskritische Journalistin kam zum denkbar ungünstigsten Moment. Die maltesische Hauptstadt ist gerade dabei, sich herauszuputzen. Eifrig wird in der Stadt gehämmert und gebohrt, werden die alten Prachtbauten mit ihren Erkern auf Vordermann gebracht. Da wird notfalls auch sonntags Hand angelegt. Valletta will sich ab 20. Januar 2018, wenn es losgeht, im besten Licht präsentieren. Malta will mit positiven Schlagzeilen von sich reden machen.

Daphne Caruana Galizia eckte bei zu vielen an

Seit fünf Jahren bereitet sich Valletta auf das Ereignis vor. Es herrscht Aufbruchstimmung. Und dann das: Am 16. Oktober 2017 wird wenige Kilometer von der maltesischen Hauptstadt entfernt das Auto mit Daphne Caruana Galizia (53) am Steuer in die Luft gesprengt. Überreste des Fahrzeugs finden die Ermittler noch 100 Meter weit weg in einem Feld. «Egal, wo du jetzt hinsiehst: Überall sind Gauner. Es ist zum Verzweifeln», hat sie 29 Minuten vor dem Anschlag auf ihrem Blog gepostet.

Walter Fink von Rolf Meier Reisen aus Neuhausen am Rheinfall hielt sich 10 Kilometer entfernt auf, als der Anschlag passierte. Er befand sich in einem Gespräch mit seinem Tourismuspartner vor Ort, als die Sekretärin hereinstürmte und vom Attentat berichtete. «Mein Gegenüber wurde bleich, rang um Fassung», sagte er. «Der Mord hat die Leute schockiert. So etwas kannte man auf der Insel nicht.» Zwar gab es immer wieder mal Zwischenfälle, doch dabei handelte es sich um Abrechnungen innerhalb des organisierten Verbrechens. Der Mord an der Journalistin ist etwas ganz anderes. Er ist bis heute Gesprächsthema Nummer eins auf der Insel.

Daphne Caruana Galizia hatte nicht nur Freunde. Zu sehr hat sie mit ihren Recherchen Staub aufgewirbelt. «Man kann nicht sagen, dass Daphne sehr beliebt war. Aber man musste ihre Texte gelesen haben», meint Rita Zerafa, die Reisegruppen Malta zeigt. Galizias Blog zählte 400 000 Follower – eine beachtliche Zahl bei einer Insel, die gerade mal 433 000 Einwohner zählt.

Galizia hatte immer wieder die Korruption auf der Insel angeprangert oder den Schmuggel von Öl aus Libyen. Die Journalistin beschuldigte unter anderem Mitarbeiter von Premierminister Joseph Muscat, Briefkastenfirmen in Übersee zu betreiben.

Daphne Caruana Galizia ist tot, und seither sucht man im kleinsten EU-Staat nach Antworten und Spuren. Neben der niederländischen Polizei und der US-Bundespolizei FBI hat sich seit dieser Woche auch noch Europol in die Ermittlungen eingeschaltet. Verdächtigt werden einige, aber selbst zweieinhalb Wochen nach dem Attentat gibt es keine gesicherten Hinweise auf die Täter. Dafür ist der Unmut in der Bevölkerung umso grösser. Es kommt immer wieder zu Demonstrationen, so auch am Sonntag vor einer Woche, als mehrere tausend Personen auf die Strasse gehen und Gerechtigkeit fordern. Die gleiche Forderung steht auch auf dem Platz gleich neben dem Justizpalast in Valletta auf den Boden geschrieben. Seit Tagen werden dort zu Ehren der ermordeten Journalistin Blumen und Kerzen niedergelegt, bleiben Passanten für einen Moment der Andacht stehen.

Regierung war an Beisetzung unerwünscht

Am Freitag wurde Daphne Ca­ruana Galizia beigesetzt. Hunderte Menschen nahmen an der Trauerfeier unweit ihrer Wohnung teil. Die maltesische Regierung hatte einen Trauertag ausgerufen, an der Beisetzung war sie aber nicht anwesend. Die Familie der Ermordeten erklärte sie für unerwünscht.

Der Anschlag hat der Reputation Maltas geschadet. Walter Fink glaubt aber nicht, dass er Auswirkungen auf den Tourismus hat, der fast 30 Prozent der Wirtschaftsleistung ausmacht: «Wir haben bis heute diesbezüglich keine einzige Kundenreaktion erhalten», sagt der Malta-Spezialist. Die Insel ist bei Touristen in den letzten Jahren immer beliebter geworden. Seit vier Jahren in Folge steigen die Besucherzahlen. Aus der Schweiz kamen letztes Jahr 40 000 Personen. Fink geht davon aus, dass das Kulturjahr der ganzen Insel neuen Schub verleihen wird. Man könne das bereits heute beobachten. Durch die Stadt sei ein Ruck gegangen.

Dies ist auch ganz im Sinne von Sean Borg, dem Marketing-Direktor von Valletta 2018. «2018 wird für uns ein ganz wichtiges Jahr», unterstreicht er. Man kann ihm nicht widersprechen.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.