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VATIKAN: 5 Jahre Papst – «Franziskus will eine Reform des Herzens»

Am 13. März 2013 ist der Argentinier Jorge Mario Bergoglio zum Papst der katholischen Kirche gewählt worden. Vatikan-Kenner Andrea Tornielli findet, dass die Kritik an Franziskus normal sei – und oft an seinen Hauptanliegen vorbeiziele.
Dominik Straub, Rom
Seit fünf Jahren im Amt: Papst Franziskus. (Bild: Remo Casilli/Reuters (Rom, 25. Februar 2018))

Seit fünf Jahren im Amt: Papst Franziskus. (Bild: Remo Casilli/Reuters (Rom, 25. Februar 2018))

Interview: Dominik Straub, Rom

Zu Beginn seines Pontifikats ist Franziskus auf einer Welle der Sympathie und der Begeisterung geritten. Heute, fünf Jahre danach, macht sich Ernüchterung breit: Die von Franziskus in Aussicht gestellten Reformen lassen zum grössten Teil noch auf sich warten.

Die Euphorie hat sicher etwas nachgelassen. Aber das ist ein normales Phänomen. Bei jedem Papst stellt sich zunächst eine Art Flitterwochenstimmung unter den Gläubigen ein. Diese hält unterschiedlich lange an, aber irgendwann hört sie auf. Mir scheint es aber, dass es Franziskus bis heute gelingt, Menschen anzusprechen, die vielleicht mit der katholischen Kirche wenig am Hut haben. Das belegt, dass der Papst und seine Idee einer «armen Kirche für die Armen» bis heute wenig von ihrer Strahlkraft eingebüsst haben.

Viel Kritik muss sich der Papst von den Traditionalisten anhören, insbesondere wegen seines nach­synodalen Schreibens «Amoris laetitia». In diesem Dokument lockert Franziskus das Verbot des Kommunionsempfangs für wiederverheiratete Geschiedene.

Alle Päpste sind kritisiert worden, das hat Tradition. In diesem Jahr wird die sogenannte «Pillen-Enzyklika» von Paul VI. 50 Jahre alt. Das darin enthaltene Verbot der Empfängnisverhütung war damals heftig kritisiert worden, auch von Kardinälen und Bischöfen. Kritik am Papst ist nicht neu – neu ist dagegen die Präsenz der sozialen Medien, die es noch nicht einmal zur Zeit von Joseph Ratzinger gegeben hatte. Heute erfolgt die Kritik am Papst auch über Blogs und Facebook-Gruppen und andere Internet­kanäle. Das lässt die Verbreitung und die Kraft der Kritik sehr viel grösser erscheinen, als sie in Wirklichkeit ist.

«Amoris laetitia» ist auch von namhaften Kardinälen kritisiert worden, etwa vom Präfekten der Glaubenskongregation, Kardinal Gerhard Ludwig Müller, den der Papst danach aus seinem Amt entfernte.

Natürlich gibt es theologische Kritik an «Amoris laetitia». Dennoch glaube ich, dass das wahre Problem ein anderes ist. Ich kann mir nicht vorstellen, dass den Kritikern die Kommunion für wieder­verheiratete Geschiedene so wichtig ist. Was die Kritiker an diesem Papst viel mehr ärgert, sind seine Positionen zu Krieg, Umwelt, Flüchtlingen, Finanzen, Wirtschaft. Mit diesen Positionen eckt der Papst, der zu einem globalen Leader geworden ist, natürlich bei bestimmten Kreisen an.

Viele Kritiker sagen, man sehe generell wenig von den Reformen ...

Ich bin überzeugt, dass man erst einmal abwarten sollte, bis die Kurienreform zu Ende geführt ist. Einen sichtbaren und bedeutenden Reformschritt hat Franziskus bereits bei der Organisation der Synoden gemacht: Er bezieht die Kirchenbasis ein mit Fragebögen, die in allen Diözesen der Welt verteilt werden; an den Synoden nehmen auch Laien teil. Das ist eine gelungene Reform.

Die Hoffnungen lagen aber nicht auf einer Reform der Bischofs­versammlungen, sondern der Kirchenverwaltung in Rom ...

Es ist so: Faktisch wurde bisher in der Kurie nicht viel mehr gemacht, als drei päpstliche Räte zu einem einzigen Dikasterium zusammenzulegen. Dabei hatten viele auf eine Reform gehofft, die zu einer Abspeckung der Kurie geführt hätte. Das ist nicht gelungen; die Kurie ist wahrscheinlich nicht reformierbar.

Gerade berauschend ist die Reformbilanz von Franziskus demnach wirklich nicht ...

Ich verstehe, wenn der eine oder andere über das Tempo enttäuscht ist. Die eigentliche, die wahre Reform von Papst Franziskus ist aber eine andere, die er mit seinem Beispiel vorlebt. Franziskus will eine Reform des Herzens, nicht der Strukturen. Der Papst verlangt eine pastorale Umkehr: Die Kirche soll nahe an den Menschen sein, sich um diejenigen kümmern, die leiden – all das ist ihm viel wichtiger.

Auch das gefällt freilich nicht allen. Einige Vatikan-Kenner reden bereits von einem heimlichen Aufstand in der Kurie. Ist es einsam geworden um den Papst im Kirchenstaat?

Bezüglich der strukturellen Reformen sicher nicht, diese werden von der grossen Mehrheit der Kurie und der Kardinalskommission mitgetragen. Bei der von Franziskus geforderten pastoralen Umkehr und auch bei der Missbrauchsbekämpfung muss man abwarten, ob die Schriften und Reformen des Papsts auch zu einem Mentalitätswechsel führen. Die Mentalität kann man nicht per Gesetz ändern. Aber auch hier muss man daran erinnern: Alle Päpste hatten mächtige Gegner in der Kurie, auch Benedikt XVI. und Johannes Paul II. in der ersten Phase. Ausserdem ist Kritik ja nicht grundsätzlich negativ: Wenn einzelne Entscheide in Frage gestellt werden, ist das normale Dialektik, die auch ihr Gutes hat.

Viele Kritiker werfen Franziskus vor, er halte letztlich an den alten und aus ihrer Sicht überkommenen Positionen fest – etwa bei Homo-Ehen und der Priesterweihe für Frauen.

In dieser Hinsicht ist der Papst sehr klar. Er legt gegenüber Homosexuellen eine grosse Offenheit an den Tag, aber das heisst noch lange nicht, dass die Kirche plötzlich homosexuelle Ehen absegnet. Und wenn der Papst betont, dass die Rolle der Frauen in der Kirche aufgewertet werden soll, dann bedeutet das nicht, dass sie Priesterinnen werden sollen. Wer diese Positionen nicht akzeptieren kann, hat nicht viel begriffen von der katholischen Kirche und ihrem Katechismus.

Und so wird sie weiterhin unter Priestermangel leiden und Frauen vor den Kopf stossen ...

Selbst wenn man Reformen bei der Priesterweihe und der Sexualmoral für richtig halten würde: Die Probleme wären damit auch nicht gelöst. Das sieht man bei den Kirchen, die solche Reformen durchgeführt haben: Es ist nicht so, dass diese plötzlich wieder mehr Gläubige dazugewonnen hätten. Das sieht man zum Beispiel bei den Anglikanern: Dass die anglikanische Kirche Priesterinnen kennt, hat nicht dazu geführt, dass wieder mehr Gläubige in die Kirche kamen.

Was ist die wichtigste Heraus­forderung des Papstes in den nächsten Jahren?

Das neue Kirchenverständnis von Franziskus muss an die Basis transportiert werden, also an die Bischöfe, die Priester und vor allem die Gläubigen. Die pastorale Umkehr, die der Papst in der Enzyklika Evangelii gaudium fordert, bedeutet, das Gesicht der Barmherzigkeit zu zeigen. Das ist eine Veränderung, die man nicht mit Reformen, Gesetzen und Enzykliken allein erreichen kann. Evangelii gaudium muss an der Basis gelebt werden: Das ist und bleibt die grösste Herausforderung für den Papst, obwohl seit der Publikation der Enzyklika bereits viereinhalb Jahre vergangen sind.

Eine spekulative Frage: Wird auch Papst Franziskus irgendwann zurücktreten?

Er hat ja selber gesagt: Benedikt hat eine Tür geöffnet, die offen bleibt. Ich glaube, dass auch Franziskus zurücktreten würde, wenn er zum Schluss käme, dass er seinem Amt physisch oder psychisch nicht mehr gewachsen wäre. Aber ich glaube persönlich nicht, dass er im Moment an diese Möglichkeit denkt. Er hat zwar selber davon gesprochen, dass sein Pontifikat ein kurzes werden könnte, zwei oder drei oder vier Jahre. Doch das war eher eine Prognose, nicht ein Beschluss. Und jetzt ist er ja schon fünf Jahre Papst. Auf jeden Fall glaube ich nicht, dass Franziskus zurücktreten wird, solange Benedikt noch lebt. Die Kirche hatte schon Mühe, sich an eine Situation mit zwei Päpsten zu gewöhnen – drei Päpste wären einfach zu viel.

Hinweis

Andrea Tornielli ist Vatikan-Korrespondent der Turiner Zeitung «La Stampa». Gleichzeitig leitet er das Internetportal «Vatican Insider». Tornielli, der den Papst auf praktisch all seinen Reisen begleitet, gilt als einer der versiertesten Vatikan-Kenner Italiens.

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