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VATIKAN: Heiliges Jahr im heillosen Römer Chaos

Morgen wird Papst Franziskus die Heilige Pforte am Petersdom aufstossen und damit das Jubeljahr eröffnen. Millionen Pilger werden innert Jahresfrist erwartet – doch Rom wirkt unvorbereitet.
Arbeiter bessern die Via della Conciliazione nahe des Petersplatzes in Rom aus. Die italienische Hauptstadt versucht, sich so gut wie möglich für den erwarteten Pilgeransturm im Heiligen Jahr – welches morgen vom Papst ausgerufen wird – herauszuputzen. (Bild: AFP/Filippo Monteforte)

Arbeiter bessern die Via della Conciliazione nahe des Petersplatzes in Rom aus. Die italienische Hauptstadt versucht, sich so gut wie möglich für den erwarteten Pilgeransturm im Heiligen Jahr – welches morgen vom Papst ausgerufen wird – herauszuputzen. (Bild: AFP/Filippo Monteforte)

Dominik Straub, Rom

In den Strassen der Ewigen Stadt hängt seit einigen Wochen permanent der Duft von frischem Teer: Um wenigstens einen kleinen Teil der Millionen Schlaglöcher in Roms Strassennetz auszubessern und damit die wichtigsten Anfahrtswege zum Petersplatz in einen halbwegs präsentierbaren Zustand zu versetzen, haben die Stadtbehörden eine Armada von Dampfwalzen in Marsch gesetzt, die Tag und Nacht im Einsatz sind. Aber für mehr als diese und einige andere kosmetische Massnahmen wird es bis zum 8. Dezember nicht mehr reichen.

Noch tiefer im Chaos versunken

Seit Papst Franziskus am 13. März dieses Jahres das Jubiläumsjahr der Barmherzigkeit angekündigt hatte (siehe Box), ist die «heruntergekommenste Hauptstadt Europas» (so der Mailänder «Corriere della Sera» über Rom) nur noch tiefer im Chaos versunken. In den vergangenen acht Monaten hat die Stadt die Eröffnung des Prozesses gegen die «Mafia Capitale», den Sturz ihres Bürgermeisters, die pompöse Beerdigung eines Mafiabosses und die Einsetzung von zwei Regierungskommissaren erlebt. Der Kommissar im Rathaus hat vor einigen Tagen für die Dauer des Heiligen Jahres den als Zenturionen und Gladiatoren verkleideten Figuranten ihre Jagd auf Touristen sowie das illegale Rikscha-Taxi-Gewerbe verboten.

Das sind kaum die vordringlichsten Probleme einer Stadt, die sich auf den Ansturm von Millionen von Pilgern vorbereiten müsste. Die wahren Plagen Roms sind vielmehr der allgegenwärtige Dreck und der chronisch gewordene Verkehrskollaps. Die Hälfte der städtischen Busse steht kaputt im Depot, die andere Hälfte im Stau. Die Metro wiederum ist seit zwölf Jahren nicht mehr gewartet worden, ihre Lokführer befinden sich seit Wochen in einem Bummelstreik. «Una vergogna» («eine Schande»), sagen die Römerinnen und Römer zum Zustand der öffentlichen Dienstleistungen. Das einzig Tröstliche: Die meisten Pilger werden von Rom nur das «centro storico» sehen, die historische Altstadt. Und wenigstens diese wirkt vordergründig einigermassen aufgeräumt.

Zur Festung ausgebaut

Der Kontrast zum letzten, noch von Johannes Paul II. aufgerufenen Jubiläumsjahr 2000 könnte nicht grösser sein. Damals waren ganze Strassenzüge aufwendig renoviert worden – nicht nur der Strassenbelag, sondern auch die prächtigen Renaissance- und Barockfassaden. Wie wenig sich diesmal auch die Zentralregierung um das Heilige Jahr schert, lässt sich etwa daran ablesen, dass der Kredit für die Vorbereitung der Jubiläumsfeierlichkeiten erst Anfang November freigegeben wurde – über ein halbes Jahr nach Franziskus’ Ankündigung. Böse Zungen behaupten, der sozialdemokratische Premier Matteo Renzi habe das Geld absichtlich so lange zurückgehalten, um damit den Rücktritt des ungeliebten Bürgermeisters und Parteigenossen Ignazio Marino zu beschleunigen. Hinzu kamen die Terroranschläge von Paris. «2016 wird ein Jubeljahr in Zeiten von IS», erklärte Roms Polizeichef Nicolo D’Angelo. Um die Sicherheit der Pilger zu garantieren (soweit dies möglich ist), wurde Rom zur Festung ausgebaut – zumindest in diesem Punkt haben Renzi und sein Innenminister Angelino Alfano die Hausaufgaben gemacht.

Insgesamt wurden 2000 zusätzliche Polizisten und Soldaten nach Rom abkommandiert; auch der Zivilschutz wird eingesetzt. Zudem wurden Tausende «intelligente» Videokameras installiert, die Gesichter erkennen können. Ihre Bilder werden unter Zuhilfenahme von leistungsfähigen Computern mit den Fotos bekannter oder mutmasslicher Terroristen verglichen, die in den Datenbanken von Geheimdiensten, Polizei und anderen Behörden gespeichert sind.

Besonders intensiv bewacht werden naturgemäss der Petersplatz sowie alle Zugangswege, die beiden Flughäfen und die Bahnhöfe eingeschlossen. Um auf den Petersplatz zu gelangen, müssen die Pilger einen der dreissig rund um die riesige Piazza aufgestellten Metalldetektoren passieren. Auch in den städtischen Bussen und in der U-Bahn ist die Präsenz der Sicherheitskräfte massiv erhöht worden. Laut Polizeichef D’Angelo werden auch andere «sensible Objekte» überwacht – Touristenattraktionen wie das Kolosseum, die Spanische Treppe und die Fontana di Trevi – sowie generell alle Orte, wo es zu Menschenansammlungen kommen kann. Nicht weniger als 1400 potenzielle Anschlagsziele radikalislamischer Terroristen sollen geschützt werden.

Ursprünglich waren für die Dauer des Heiligen Jahres in Rom 36 Millionen Pilger erwartet worden. Nach den Anschlägen von Paris ist diese Schätzung auf 20 Millionen heruntergeschraubt worden. Die Terrorangst wirft ihre Schatten auch beim Römer Tourismusgewerbe voraus: Wirte und Hoteliers jammern über «Rekord-Annullierungen». Beim grossen Jubiläum im Jahr 2000 waren insgesamt 25 Millionen Pilger in die Ewige Stadt geströmt, um die Heilige Pforte des Petersdoms oder der anderen drei Papstbasiliken Roms zu durchschreiten.

Internetseite soll es richten

Der Vatikan ist bei seinen Vorbereitungen des Jubeljahres im Zeitplan. Längst hat der Päpstliche Rat, der für die Durchführung des Heiligen Jahres zuständig ist, für die Neuevangelisierung eine in sieben Sprachen verfügbare Internetseite (www.im.va) aufgeschaltet, in welcher die Pilger alle Informationen abrufen können, die sie bei ihrem Besuch benötigen. Unter anderem ist auch ein Stadtplan zu finden, in welchem die verschiedenen Pilgerwege zum Petersdom eingezeichnet sind – für den Fall, dass es die überforderten Stadtbehörden nicht mehr schaffen sollten, die entsprechenden Hinweistafeln aufzustellen. Auch die Mauer, mit welcher die Heilige Pforte am Petersdom nach dem Abschluss des letzten Heiligen Jahres traditionsgemäss verschlossen worden war, ist inzwischen wieder entfernt worden. Kardinal Angelo Comastri, der Erzpriester von Sankt Peter, hatte sie nach einer kurzen Gebetszeremonie mit weiteren Kardinälen am 17. November durch Handwerker einreissen lassen. Dabei wurden auch die Dokumente des Heiligen Jahres 2000 gesichert, die damals in einer Metallkassette mit eingemauert worden waren.

In früheren Jahren war die Mauer jeweils durch den Papst höchstpersönlich entfernt worden. Das hätte im Heiligen Jahr 1975 beinahe böse geendet: Bei der Öffnung der Mauer hatten Ziegelsteine, die plötzlich herunterfielen, den Kopf von Papst Paul VI. nur um Zentimeter verfehlt.

Seither beschränken sich die Päpste darauf, die beiden Flügel der Pforte aufzustossen. Morgen ist es, 15 Jahre nach dem Ende des letzten Heiligen Jahres, wieder so weit.

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