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VENEZUELA: Fluchtwelle aus Venezuela trifft Lateinamerika unvorbereitet

Einst das reichste Land Südamerikas, befindet sich Venezuela heute in einer schweren wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Krise. Immer mehr Menschen flüchten ins nähere Ausland. Der Exodus stellt den Zusammenhalt der gesamten Region auf die Probe.
Sandra Weiss, Puebla
Venezolaner stehen auf der Grenzbrücke «Simon Bolivar» Schlange, um nach Kolumbien zu gelangen. (Bild: Fernando Vergara/AP (21. Februar 2018))

Venezolaner stehen auf der Grenzbrücke «Simon Bolivar» Schlange, um nach Kolumbien zu gelangen. (Bild: Fernando Vergara/AP (21. Februar 2018))

Sandra Weiss, Puebla

Mit einem Rucksack auf dem Rücken, einem Fernseher unter dem Arm, 50 Dollar in der Tasche und verzweifelter Hoffnung im Gesicht stand Gregory Ruiz vor ein paar Monaten in einer langen Schlange auf der Grenzbrücke nach Kolumbien und kehrte seiner Heimat Venezuela den Rücken. «In Venezuela gibt es keine Arbeit und nichts zu essen», sagte er einem Reporter.

Den Fernseher verkaufte er in der kolumbianischen Grenzstadt Cúcuta für ein paar hundert Dollar. Das Startkapital reichte jedoch nicht lange. Nun schläft der 24-Jährige im Stadtpark, isst in Suppenküchen und sucht einen Job. Schreiner hat er gelernt, er würde aber inzwischen alles annehmen. Jobs sind in der Grenzstadt, in der täglich Hunderte neuer Flüchtlinge aufschlagen, allerdings rar gesät. Trotzdem wolle er nicht zurück, sagt Ruiz. «Hier habe ich wenigstens zu essen.»

Venezuela, mit seinen Erdölvorkommen einst das reichste und politisch stabilste Land Südamerikas, war in den 70er- und 80er-Jahren Anziehungspunkt für Migranten aus der ganzen Region. Jetzt blutet es aus. Es flieht die Jugend, es flieht die Mittelschicht – und mittlerweile flüchten auch Arme wie Ruiz, der aus dem Elendsviertel Petare der Hauptstadt Caracas stammt.

Ein Massenexodus vergleichbar mit Syrien

Knapp drei der 30 Millionen Venezolaner leben nach Umfragen des Observatoriums «Stimme der Diaspora» im Ausland. Laut einer konservativeren Schätzung der UNO, die auf Melderegistern der Empfängerländer basiert, sind es nur 1,5 Millionen. Dennoch ist es gemäss dem UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR zusammen mit Syrien und Myanmar der zurzeit grösste Massenexodus – und Lateinamerikas grösster Flüchtlingsstrom der Neuzeit. Ausgelöst wurde er durch den Absturz Venezuelas, dessen Wirtschaft seit dem Amtsantritt von Präsident Nicolás Maduro 2013 um ein Drittel schrumpfte. Gleichzeitig schnellte die Kriminalität in die Höhe, es eskalierte die politische Repression gegen Oppositionelle.

Wer es sich leisten kann, kauft sich ein Flugticket. Panama, Peru, Mexiko, Ecuador, Chile, Spanien, die USA, Kanada und Israel gehören zu den beliebtesten Zielen der Mittelschicht. Die Ärmeren fahren mit dem Bus an die Landesgrenzen und gehen zu Fuss nach Kolumbien oder Brasilien. Oder sie heuern ein Fischerboot an und versuchen, die vorgelagerten Inseln Aruba, Bonaire oder Curaçao zu erreichen. «Die letzte grosse Fluchtwelle begann 2015 und hat sich seither exponential beschleunigt», sagt der Direktor des Observatoriums, Tomas Paez. «Wegen der galoppierenden Inflation sind 82 Prozent aller Venezolaner in die Armut gestürzt.» Laut einer Umfrage des Instituts Datincorp wollen 57 Prozent aller Venezolaner das Land verlassen.

Rund 600000 Million Venezolaner leben in Kolumbien. Damit bekommt das Nachbarland den Grossteil des Flüchtlingsstroms ab. In den USA sind 300000, in Spanien 210000, in Chile 120000 Venezolaner registriert. Die Dunkelziffer dürfte hoch sein. In den Nachbarländern schrillen angesichts der aktuellen Entwicklung die Alarmglocken. «Lateinamerika ist nicht vorbereitet auf so eine Krise», warnt Patricia Andrade von der US-Flüchtlingshilfegruppe Venezuela Awareness.

Venezuelas Regierung stellt sich taub

Grenzstädte wie Macao und Cúcuta in Kolumbien oder Boa Vista in Brasilien sehen sich mit einer humanitären Krise konfrontiert und mussten Flüchtlingslager, mobile Krankenstationen und Suppenküchen einrichten. Der Einwandererstrom sei das akuteste Problem Kolumbiens, erklärte Präsident Juan Manuel Santos und erhöhte die Militärpräsenz in der Grenzregion. Panama, wo 80000 Venezolaner registriert sind, führte die Visumspflicht ein. Aruba und Curaçao schlossen die Landesgrenzen und verlangen von jedem venezolanischen Neuankömmling, dass er mindestens 1000 US-Dollar in bar vorweist. Bettelei, Prostitution und Strassenraub haben zugenommen. Das kreiert Spannungen. Allenthalben kommt es zu fremdenfeindlichen Ausbrüchen und an den Grenzübergängen zu ­unkontrollierbaren Tumulten.

Venezuelas Regierung, die die Katastrophe verursacht hat, stellt sich taub. Den unpopulären Sozialisten kommt es zupass, wenn die Unzufriedenen das Land verlassen. «Das sind lauter Frustrierte der gescheiterten Proteste», erklärte die Gefängnisministerin Iris Varela. «Hoffentlich bleiben sie, wo der Pfeffer wächst.» Bildungsminister Elias Jaua hingegen zeigte sich zuversichtlich, dass die Emigranten eines Tages zurückkehren werden. «Aber erst, wenn die sozialistische Mafia weg ist», entgegnet Ruiz bitter.

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