VENEZUELA: Mit Gasmaske und Helm an die Front

Sie sind die Helden der Protestbewegung in Venezuela: Die Grünhelme leisten freiwillig Erste Hilfe für verletzte Demonstranten. Mittlerweile hat die Gruppe rund 200 Mitglieder.

Sandra Weiss, Caracas
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Mitglieder der Grünhelme transportieren einen verletzten Demonstranten mit einem Motorrad. (Bild: Juan Barreto/AFP (Caracas, 27. Mai 2017))

Mitglieder der Grünhelme transportieren einen verletzten Demonstranten mit einem Motorrad. (Bild: Juan Barreto/AFP (Caracas, 27. Mai 2017))

Sandra Weiss, Caracas

Jedes Mal, wenn Federica Davila das Haus verlässt, schickt ihre Mutter ein Stossgebet zum Himmel. Seit fast zwei Monaten geht die 23-jährige Medizinstudentin dann nämlich nicht zur Universität wie die vier Semester davor, sondern zu einem nur Eingeweihten bekannten Treffpunkt. Dort sammeln sich die Grünhelme, wie sie in Venezuela wegen des grünen Kreuzes auf weissem Grund genannt werden, das ihr Symbol ist. Sie sind eine Gruppe von rund 200 Freiwilligen, die bei den Protesten Erste Hilfe leisten und Verletzte abtransportieren. Krankenschwestern und Studenten arbeiten Seite an Seite mit Chirurgen und Professoren. Sie sind ein eingeschworenes Team.

Die meisten von ihnen besuchen die staatliche Universität (UCV). Seit zwei Monaten gehen sie aber nicht mehr in den Hörsaal, sondern auf die Strasse, mitten an die Front der Proteste. Dort, wo sich Demonstranten und Polizei eine Schlacht mit Tränengasbomben, Gummigeschossen, Steinen und Molotowcocktails liefern. Die Grünhelme leben gefährlich. Ein 24-jähriger Helfer starb bereits im Einsatz in der Erdölstadt Maracaibo.

Der Hass der Polizei

Es war ein schwerer Schlag für die jungen Studenten. Der Glaube, dass in diesem Konflikt die Integrität der humanitären Helfer respektiert werde, löste sich in Luft auf. Ein regierungsnaher Journalist beschimpfte sie sogar als «paramilitärische Truppe». «Vor jedem Protest gehen wir immer zu den Polizisten, erklären ihnen unsere Arbeit und bieten auch ihnen unsere Hilfe an», erzählt Davila am heutigen Treffpunkt – dem Vorplatz einer Kirche. Aber die Stimmung in Venezuela ist derart polarisiert und aufgeladen, dass die Polizei der Zivilgesellschaft und damit auch den Grünhelmen misstraut.

Schlimmer noch, oft entlädt sich der Hass auch gegen sie. «Einmal hat die Polizei einen unserer Pick-ups umzingelt, die Scheiben zertrümmert, Tränengasbomben ins Innere geworfen und unsere Mitarbeiter verprügelt», schildert Davila. Es war bisher das einzige Mal, dass auch mit ihr die Nerven durchgingen und sie weinen musste.

Angst oder aufhören? Davila schüttelt den Kopf. «Nein. Das ist mein Beitrag für ein besseres Venezuela.» Einmal im Getümmel, lässt das Adrenalin ohnehin keine Zeit zum Grübeln. Dann fallen die Verletzten im Minutentakt. Die Grünhelme, trainiert von internationalen Experten für humanitäre Einsätze in Kriegsgebieten, beobachten das Geschehen und folgen einem strengen Protokoll, wenn sie einen Verletzten entdecken: Mindestens zu dritt dringen sie in die «rote Gefahrenzone» vor, prüfen, ob die Verletzung dort dringend behandelt werden muss oder ob das Opfer in die etwas ruhigere «grüne Zone» zu den Ärzten gebracht werden kann. Sie sind perfekt organisiert, einheitlich ausstaffiert, und wo sie auftauchen, schallt ihnen der Applaus der Demonstranten entgegen.

Ausgerüstet sind Davila und ihre Kommilitoninnen – hauptsächlich junge Frauen – wie für einen Krieg: Gasmaske, Helm, ein Rucksack mit Wasser, ein Bauchbeutel mit Nadel und Faden, Verbandsmaterial, Desinfektionsmittel, Handschuhe, Antibiotika-Creme und eine Sprühflasche mit einer Mischung aus Wasser und Maalox, eine Mittel gegen Magenbeschwerden, gegen Sodbrennen. «Das hilft super gegen Erstickungsanfälle durch Tränengas», erzählt sie. Das meiste davon sind Schenkungen privater Gönner. Auch ihre Motorrad- und Pick-upFahrer sind Freiwillige – wie etwa der Kunststudent Andres, dessen Eltern lange für die sozialistische Regierung arbeiteten – also just diejenige, die die bürgerlichen Demonstranten loswerden wollen. Anders als seine Eltern sympathisiert der 27-Jährige mit der Opposition. Hunger, Arbeitslosigkeit, Mangelwirtschaft, Kriminalität – sein Land sei in einem bedauernswerten Zustand nach 18 Jahren Sozialismus, klagt er.

Bisher mehr als 700 Verletzte

Davila gehört zu den Mitbegründerinnen der Grünhelme im Jahr 2014, als es schon einmal gewaltsame Proteste gegen die Regierung gab und 43 Demonstranten ums Leben kamen. Danach ebbte die Konfrontation ab, aber nachdem die Regierung im April das Parlament entmachten wollte, begannen sie von neuem, und die Grünhelme mussten sich hastig neu organisieren. Was nicht einfach war – zwei Drittel der Studenten von damals hatten das Land zu dem Zeitpunkt verlassen. Aber es fanden sich neue Freiwillige, nicht nur in der Hauptstadt Caracas, sondern auch in den Provinzen fanden die Grünhelme bald Nachahmer.

Wie vielen Menschen sie bislang geholfen hat, weiss Davila nicht genau – aber die Krankheitsbilder hat sie verinnerlicht: Traumata und Erstickungszustände sowie offene Wunden und Brüche. Über 700 Menschen wurden seit Beginn der Proteste nach Angaben der Staatsanwaltschaft verletzt. Tagtäglich müssen die Grünhelme Dutzende Verletzte aus dem Getümmel retten, manchmal müssen Kindergärten und Hospitäler evakuiert werden, die ebenfalls keine Gnade finden und von den Sicherheitskräften mit Tränengas traktiert werden, wenn in der Nähe Barrikaden sind oder Randalierer vermutet werden.

«Ich falle abends todmüde ins Bett»

Das jüngste Opfer, an das sich Davila erinnern kann, war ein vielleicht zehnjähriges Kind, das älteste eine 90-jährige Frau, die beim Bummel in einem vermeintlich sicheren Einkaufszentrum von einem Sturmkommando der Polizei mit Tränengasbomben umnebelt und umgerannt wurde. «Sie war völlig unter Schock und sagte kein Wort, ihr liefen nur die Tränen übers Gesicht.»

Albträume hat die junge Frau bisher noch keine. «Ich falle abends todmüde ins Bett», erzählt sie kokett. Sorgen bereitet ihr derzeit die neue Import-Verbotsliste der Regierung. Maalox ist da ebenso aufgelistet wie Gesichtsmasken aller Art, Handschuhe, kugelsichere Westen, Basebälle und -schläger, Murmeln – die als Wurfgeschosse eingesetzt werden können – oder Helme. Wann ihr Einsatz ein Ende hat, ist nicht abzusehen, aber Davila will sich nicht entmutigen lassen oder auswandern wie so viele Kollegen: «Mein Traum ist, dass mir in der Aula Magna der UCV mein Diplom überreicht wird.»