Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

VENEZUELA: Nöte und Aufstand in einem fernen Stück Schwarzwald

Die deutsche Auswandererkolonie Colonia Tovar in der Nähe von Caracas hatte einst das höchste Pro-Kopf-Einkommen in Venezuela. Heute leiden die Bewohner unter der Mangelwirtschaft – und fürchten sich vor der harten Hand des Staates.
Sandra Weiss, Colonia Tovar
Ein Stück Schwarzwald in Venezuela: die Hauptstrasse der Colonia Tovar. (Bild: Chico Sanchez/Keystone (Colonia Tovar, 24. September 2004))

Ein Stück Schwarzwald in Venezuela: die Hauptstrasse der Colonia Tovar. (Bild: Chico Sanchez/Keystone (Colonia Tovar, 24. September 2004))

Sandra Weiss, Colonia Tovar

Alle hatten einen Grund, auf die Barrikaden zu gehen an diesem schwülen Tag im tropischen Schwarzwald. Carlos hatten sie vor einigen Wochen das Motorrad geklaut. Erst kurz zuvor hatte er wegen der Wirtschaftskrise seinen Job verloren. Ruben gaben sie seit einem Monat kein Mehl mehr für seine Bäckerei. Im ganzen Dorf gab es deshalb kein Brot. Bei Alejandro hatten sie eingebrochen. Marilin bekam seit Monaten keine Medikamente mehr für ihren unter Arthritis leidenden Mann. Gregorio fehlten Dünger und Pestizide für seine Avocado- und Pfirsichbäume – er hatte deshalb 60 Prozent seiner Ernte verloren. Adriana musste mit ansehen, wie sechs ihrer Cousins und Cousinen Venezuela den Rücken kehrten und eine zerrissene Familie zurückliessen.

Die Wunden, die 18 Jahre Sozialismus in der deutschen Siedlung Colonia Tovar, rund eineinhalb Stunden von Caracas entfernt, hinterlassen haben, sind tief. Trotzdem überwog immer ein Gefühl der Dankbarkeit für Venezuela, ein Land, das die Urväter grosszügig aufgenommen und den Enkeln und Urenkeln Wohlstand gebracht hatte.

Widerstand per Whatsapp

Zumindest bis zur vergangenen Woche. «Wir hatten gehört, dass die Regierung hier auf dem Platz eine Versammlung einberufen hatte, auf der das Volk eine neue Verfassung absegnen sollte», erzählt der 25-jährige Carlos. Das ging ihm über die Hutschnur. Per Whatsapp koordinierte er den Widerstand mit einer Gruppe von Freunden und Bekannten.

In kürzester Zeit waren über 100 Leute beisammen, die die Zufahrten mit Autoreifen, Stöcken und Unrat blockierten. Andere umlagerten das Rathaus, in dem der sozialistische Bürgermeister und sein Gemeinderat tagten – ein Team, das sein eigenes Süppchen kochte und sich nie Zeit nahm für die Bürger. Carlos und seine Freunde hatten keinerlei Erfahrung mit politischem Aktivismus, es war der erste Protest in ihrem Leben. Doch dann tauchten ein paar Vermummte auf – bis heute weiss keiner genau, woher sie kamen und wer sie waren –, und sofort brannten die Barrikaden, die Schutzhütte der Nationalparkverwaltung und alte Schrottautos, die davor abgestellt waren.

«Niemals hat es hier etwas Vergleichbares gegeben», sagt Carlos, fast erschrocken über seinen eigenen Mut. Zwei Stunden später waren zwei Hundertschaften der Nationalgarde vor Ort. «Sie gaben uns zehn Minuten Zeit, die Strasse zu räumen, und nach fünf Minuten flogen die ersten Gummigeschosse und Tränengasbomben», erzählt der Maurer. Erschrocken flohen die Jugendlichen in die Felder und versteckten sich in Schuppen. Doch die Nationalgarde begann eine regelrechte Menschenjagd. 16 junge Leute wurden an diesem Tag festgenommen. «Manche hatten mit den Protesten gar nichts zu tun», sagt die 32-jährige Adriana. Ihrer ebenfalls festgenommenen Freundin legten die Polizisten Handschellen an, warfen sie in eine Zelle und erklärten ihr, sie sei umgeben von Dieben und Drogendealern, aber diese würden ganz sicher eher freigesprochen als sie. Mit einem Schaudern berichtet die Buchhalterin von der Zelle: «Das Klo bestand aus einem Haufen Zeitungen in einer Ecke.»

Wegen der Festnahmen trat das ganze Dorf in den Ausstand. «Eine Woche lang öffnete kein Laden, kein Restaurant und kein Hotel, und die Bauern weigerten sich, ihre Ernte zu verkaufen», erzählt Gregorio Kanzler. «So etwas habe ich in meinen 58 Jahren noch nie erlebt.»

«Ich gehe fast nicht mehr aus dem Haus»

Der Streik zog die umliegenden Orte in Mitleidenschaft, die ihre Nahrungsmittel aus Colonia Tovar beziehen. Zehn der Festgenommenen wurden inzwischen auf Vermittlung der Kirche wieder freigelassen, stehen aber unter Hausarrest. Dem Rest der Bevölkerung sitzt die Angst in den Knochen. «Ich gehe fast nicht mehr aus dem Haus», sagt die Souvenirhändlerin Marilin Rudman. Sie fürchtet Plünderungen, ihr Laden reicht gerade so zum Überleben.

Ihre Angestellten musste sie bereits entlassen. Die Episode hat den Tourismus, der ohnehin schon wegen der Wirtschaftskrise auf Sparflamme lief, weiter einbrechen lassen. «Die Besucherzahlen sind in den vergangenen drei Jahren um 80 Prozent zurückgegangen», sagt Kanzler. «Einst waren wir der Ort mit dem höchsten Pro-Kopf-Einkommen in Venezuela. Jetzt siehst du, wie Menschen Essensreste aus dem Müll klauben.»

An diesem Samstag sind selbst etablierte Restaurants und Hotels wie «Muhstall» und «Frankfurt» leer, nur eine Handvoll Touristen schlendert durch die Gassen, knipst die Fachwerkhäuser und kauft Obst und Gemüse an den Ständen.

«Wir haben zu lange zugesehen»

Ähnlich hoch sind die Einbussen bei der Landwirtschaft, dem zweiten Standbein der Kolonie deutscher Auswanderer aus dem Kaiserstuhl. Die Verteilung von Samen, Dünger und Pestiziden liegt in der Hand des Staatskonzerns Agropatria. Immer wieder schaut Kanzler vorbei, doch fast immer sind die Auslagen leer, und wenn es gerade etwas gibt, verlangen die Angestellten dafür ein horrendes Schmiergeld.

«Wir kamen 1842 auf Einladung der Regierung hierher, um der venezolanischen Landwirtschaft nach dem verheerenden Befreiungskrieg auf die Beine zu helfen.» Fünf Generationen später setzt eine neue Regierung alles daran, das Erreichte zunichtezumachen. «Wir haben zu lange passiv zugesehen», sagt Kanzler.

Die Jugendlichen haben die Nase voll. Im Schoss der Kirche haben sie wieder erste Friedensmärsche für die Opfer der Repression veranstaltet. «Ich will Wahlen und werde nicht lockerlassen, bis diese Verbrecher weg sind und Colonia Tovar wieder das Dorf ist, das ich mit 13 Jahren so geliebt habe», sagt Carlos.

Bild: Grafik: LZ

Bild: Grafik: LZ

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.