«Verdrängung gibt es im Engadin»

Dominik Weingartner
Drucken
Teilen

Schweiz In Spanien wehrt sich die Bevölkerung gegen den Massentourismus. Und in der Schweiz? Tourismusforscherin Monika Bandi sieht erste Anzeichen, dass auch hierzulande bald eine Grenze erreicht sein könnte.

Monika Bandi, in Spanien wächst der Protest gegen Massentourismus, vor allem in Barcelona und Mallorca. Hat man das verträgliche Mass an Tourismus dort überschritten?

Die Einheimischen finden: ja. Der Tourismus ist immer ortsgebunden in einem System, die Bevölkerung ist ein Bestandteil davon. Wenn Widerstand in dieser Form geäussert wird, ist die Belastungsgrenze wohl überschritten.

In Barcelona prangern die Kritiker an, dass Einheimische aus den Stadtzentren vertrieben werden, Stichwort Airbnb.

Ohne dass ich die konkreten Begebenheiten im Detail kenne, muss man diese Kritik ernst nehmen. Wenn das Angebot und damit verbunden auch die Nachfrage nach Übernachtungsmöglichkeiten für Touristen im Stadtzentrum steigt, steigen in der Tendenz auch die Preise für Immobilienmieten. Das kann mitunter dazu führen, dass Einheimische sich dann den Wohnraum nicht mehr leisten können.

Was ist das Problem auf Mallorca?

Mallorca hat vor Jahren begonnen, sich vom sogenannten Ballermann-Tourismus zu verabschieden, und setzt seither mehr auf eine nachhaltigere Tourismusentwicklung mit einer Qualitätsorientierung. Doch mit den politischen Krisen in den arabischen Mittelmeerdestinationen und der Türkei sind die Balearen wieder unglaublich attraktiv geworden. Das führt dazu, dass die spanischen Mittelmeerinseln überrannt werden – mit entsprechend negativen Auswirkungen.

Ist Airbnb auch ein Problem in Schweizer Städten?

Airbnb ist vor allem in Zürich, Genf und Basel ein Thema. Dort bedeutet dies aber vor allem für die Hotellerie Konkurrenz, und diese fordert ähnliche Rahmenbedingungen. Verdrängung wegen Tourismus ist dort wohl noch kaum ein Thema. Anders sieht es in alpinen Tourismusdestinationen – begründet aus der Zweitwohnungsentwicklung heraus – aus, etwa im Engadin. In St. Moritz ist es für Einheimische kaum möglich, bezahlbaren Wohnraum zu finden.

Gibt es in der Schweiz Übersättigungstendenzen?

Nicht in dem Mass wie in Spanien. Aber es gibt immer wieder Diskussionen, vor allem da, wo der Tourismus stark wächst. Das hat meistens mit dem auffälligen Reiseverhalten der Gäste zu tun, etwa wenn grosse Touristengruppen meistens aus anderen Kulturkreisen mit Reisebussen Städte besuchen. In Luzern kann das zum Beispiel ein Thema sein, aber in einer anderen Dimension als in Spanien. In Berggebieten kann es vereinzelt auch zu Diskussionen und Widerstand kommen, etwa wenn es um Bauprojekte mit Kapazitätserweiterungen wie beispielsweise bei Bergbahnen geht.

Wer profitiert überhaupt vom Massentourismus in Städten?

In erster Linie die Geschäfte. Doch diese zahlen auch Steuern und beschäftigen viele Mitarbeiter. So gesehen profitiert die Stadt als Ganzes.

Also Jammern auf hohem Niveau?

Ich glaube, dass man die Kritik ernst nehmen muss. Sie ist ein erstes Anzeichen dafür, dass man Massnahmen ergreifen sollte, damit man nicht irgendwann spanische Verhältnisse hat.

Wie könnte man denn ein gutes Verhältnis zwischen Einheimischen und Touristen gewährleisten?

Man muss eine massvolle Entwicklung im Auge behalten und sich nicht nur vom ökonomischen Nutzen leiten lassen. Tourismus hat meistens auch negative Begleiterscheinungen. Indem man auf das Wohlbefinden von Bewohnern achtet und ihnen auch Mitspracherechte einräumt, kann das Verhältnis verbessert werden.

Wie wichtig ist der Tourismus für Schweizer Städte?

In vielen Städten hat er eine untergeordnete Bedeutung – nicht wegen der Anzahl Touristen, diese ist in der Regel hoch. Aber in Städten hat es andere Branchen, die produktiver und daher wertschöpfungsstärker sind. Dennoch hat der Tourismus auch in Städten einen Beschäftigungseffekt, da er sehr arbeitsplatzintensiv ist. Aber ökonomisch gesehen ist der Beitrag im städtischen Umfeld bescheiden im Gegensatz zu alpinen Gebieten.

Wie kann man Einheimischen den Tourismus schmackhaft machen, abgesehen vom Profit?

In alpinen Gebieten kann man mit Tourismus oft der Abwanderung begegnen. Die Einheimischen können so auch am wirtschaftlichen Geschehen teilnehmen. Damit einher geht ein besseres Selbstbewusstsein. Man darf nicht vergessen, dass in solchen Gebieten auch viele Infrastrukturen nur in Kombination mit einer touristischen Nutzung gebaut werden können, zum Beispiel Schwimmbäder oder Eisbahnen. Aber auch bei grossen Infrastrukturprojekten zur Verbesserung der Erreichbarkeit wie etwa der Neat war der Tourismus ein Argument. Generell kann man mit Tourismus auch eine gewisse Völkerverständigung anstreben, Vorurteile abbauen, andere Kulturen kennen lernen und hoffentlich auch mehr Verständnis füreinander entwickeln.

Interview: Dominik Weingartner

Hinweis

Dr. Monika Bandi Tanner (35) ist Leiterin der Forschungsstelle Tourismus (CRED-T)an der Universität Bern.